Benno Rieger führt das Traditionshaus Möbel Rieger in dritter Generation. Der Weg an die Spitze führte zur Konfrontation mit seinem Vater. Welche Krisen er bewältigte und weshalb er gerade das Gefühl hat „zu schweben“, verrät er im Interview.
Von der Schreinerei zu einem großen familiengeführten Möbelhaus: Möbel Rieger hat sich in den vergangenen 75 Jahren zu einem „Regionalfürsten“ entwickelt, wie Chef Benno Rieger sagt. Die Häuser in Göppingen, Esslingen, Heidenheim, Reutlingen und Aalen zählen zu den größten Möbelhäusern im Großraum Stuttgart. Doch wie hält er das Familienunternehmen in einer umkämpften Branche am Laufen?
Herr Rieger, Sie führen in dritter Generation ein Familienunternehmen. Die Übergabe von Ihrem Vater verlief alles andere als reibungslos. Was war da los?
Ich war schon sehr lange im Unternehmen, als ich 2009 ins Stammhaus nach Göppingen kommen sollte. Ich wurde bereits 1997 zum Geschäftsführer und Minderheitsgesellschafter gekürt. Ich hatte die Filialen in Reutlingen und Thüringen geführt. Es war aber eine andere Nummer, in die Zentrale zu kommen. Es hat zwischen meinem Vater und mir nicht funktioniert.
Warum nicht?
Mein Vater war immer vorne dran, ein Alphatier. Ich wiederum dachte, es wäre jetzt für mich Zeit – ich war 43, mein Vater 68. Meinem Vater ist es aber schwergefallen, sein Lebenswerk abzugeben. Irgendwann habe ich die Reißleine gezogen und bin gegangen. Wohlgefühlt hat sich keiner von uns.
Jetzt sind Sie doch der Chef. Was ist passiert?
Wie in vielen Familien ist auch bei uns meine Mutter das heimliche Oberhaupt. Sie hat mich gebeten, ihr zuliebe auf meinen Vater zuzugehen. Zwei Jahre nach meinem Rückzug habe ich dann mit meinem Vater eine Vereinbarung getroffen, das Unternehmen in einem weichen Übergang ab 2014 zu übernehmen. Im Nachhinein habe ich mehr Verständnis für meinen Vater als damals. Er ist jetzt 84 und liebt die Firma und die Beschäftigten noch immer. Ich besuche ihn regelmäßig, wir trinken ein Glas Wein und ich erzähle ihm alles – also fast alles (lacht).
In der Pandemie mussten Möbelhäuser monatelang schließen. Wie haben Sie das überstanden?
Ohne die Coronahilfen wäre es schwer geworden. Bis zur Pandemie waren die Geschäfte immer sehr solide, danach waren die Umsätze, von den Nachholeffekten abgesehen, konstant rund zehn Prozent niedriger. Dann kam auch noch der Krieg in der Ukraine dazu.
Was waren die Folgen?
Die Ukraine, Russland und Weißrussland hatten zuvor sehr viel Massivholz geliefert. Zudem steht in der Ukraine das größte Spanplattenwerk Europas, was ich vor dem Krieg selbst nicht wusste, weil das ja Sache meiner Zulieferer war. Auch Stahl, wie er in Federkernmatratzen verbaut wird, kommt oft aus der Ukraine. Wir hatten das erste Jahr massive Schwierigkeiten, Möbel zu erhalten und Umsatz verloren. Unsere Zulieferer mussten das Holz und Stahl aus anderen Ländern besorgen. Inzwischen hat es sich wieder normalisiert.
Haben Sie Stellen abgebaut?
Nur wenige, ich wollte genügend Beschäftigte haben, wenn es wieder aufwärts geht. Wir haben es geschafft, die Kosten stark zu senken. Wir haben selbst bei Dingen gespart, mit denen wir uns zuvor noch nie beschäftigt hatten. Wir haben zum Beispiel Wartungsverträge für Gabelstapler oder Kopierer nachverhandelt. All das war in enger Absprache mit unseren Vertrauensgremien.
Warum haben Sie bei Ihrer Unternehmensgröße keinen Betriebsrat?
Bei uns Möblern ist das nicht ganz ungewöhnlich. Aber ich nehme für mich in Anspruch, dass mir die Beschäftigten vertrauen. Was ich verspreche, halte ich. Auf meinen Vater konnte man sich auch verlassen, auch wenn sein Wort etwas lauter war als meins. Wir gehen wirklich familiär miteinander um. Jeder im Unternehmen weiß, dass es bei uns nicht um Gewinnmaximierung geht. Bei uns muss man viel arbeiten, aber es wird auch viel gelacht.
Das klingt jetzt etwas nach einem Klischee.
Die Möbelbranche ist bei den Familienunternehmen familiär geprägt und wirkt manchmal auch verstaubt. Unsere Branche ist ähnlich gewachsen wie wir. Oft gab es wie bei uns einen Opa, der Schreiner war und später auch zum Händler wurde. Vieles ist Schritt für Schritt entstanden. Dafür gibt es ganz selten einen externen Manager, der von einem Großunternehmen kommt – der ist dann schnell wieder weg oder das Unternehmen kaputt, das passt einfach nicht.
Zurzeit feiern Sie das 75-jährige Bestehen. Zieht so ein Jubiläum noch?
Wir Möbler sind sehr kreativ, im Grunde feiert jedes Möbelhaus gefühlt jedes Jahr, ob der Hund des Chefs zehn Jahre alt oder der Großvater 70 wird. Die echten Jubiläen aber sind in der Bevölkerung tief verwurzelt. Zudem haben wir seit vergangenem Sommer die Feierlichkeiten massiv beworben und erstmals sogar einen Fernsehspot vor der Tagesschau geschaltet. Diesen Januar sind wir bei Rieger wieder auf einem Niveau wie vor Corona und haben ein deutlich zweistelliges Umsatzplus. Momentan schweben wir.
Große Möbelhäuser brauchen viel Energie, Fläche und Personal. Ist diese Größe überhaupt noch zeitgemäß?
Heute würde man die Häuser nicht mehr so groß bauen, gerade weil auch online so viel möglich ist. Deshalb muss man kreativ sein. Wir haben in Göppingen einen Fahrradhändler mit reingenommen. Wir überlegen uns, was sonst noch zu den Themen Wohnen und Freizeit passen könnte. Es kann gut sein, dass sich die Möbelhäuser von heute künftig Einkaufszentren annähern, wo man anderen Händlern Flächen anbietet.
Haben Sie weitere Projekte?
Im Moment nicht – aber wir schauen danach. Babyfachmärkte würden sich eignen, aber das ist momentan eine schwierige Branche. Andere Händler vermieten auch an Pflanzenmärkte. In fünf bis zehn Jahren könnte es in den Möbelhäusern mehr Gastronomie geben, vielleicht auch Fitnessstudios. Man muss dafür offen sein.
Wie behauptet man sich als vergleichsweise kleines Möbelhaus im Vergleich zu den Branchenriesen wie Ikea oder XXXLutz?
Die Konzentration in der Produktion und im Handel ist bedenklich, die Vielfalt schwindet. Die Großen haben eine immense Einkaufsmacht. Wir erhalten bessere Konditionen, weil wir mit 180 weiteren Möbelhändlern einen Einkaufsverbund bilden. Wir werben mit unserer Qualität und dass wir unsere Ausstellungen ständig überarbeiten. Wir versuchen, unverwechselbare Marken auf den Markt zu bringen. Die Beliebigkeit wäre für uns die Katastrophe. Uns hilft, dass wir in der Region bekannt sind. Wir wollten immer ein Regionalfürst sein – das sind wir in Baden-Württemberg und Thüringen auch. Deshalb können wir uns gut behaupten.
Was erwarten Sie sich von einer künftigen Bundesregierung?
Wir müssen uns von dem Wust der Bürokratie verabschieden. Wenn es nur noch um Formulare und deren Beantwortung geht, lähmt es uns. Genehmigungen dauern zu lange. Gut wäre, wenn den Bürgerinnen und Bürger mehr Netto vom Brutto bleibt, das würde auch den Konsum beleben. Man redet zu oft, was nicht geht, da wünsche ich mir einen anderen Drive. Generell brauchen wir in der Bevölkerung einen neuen Optimismus.
Fühlen Sie sich als Möbelhändler von der Politik gehört?
Nein, der Mittelstand im Handel hat in der Politik überhaupt keine Lobby. Die Politik spricht über Mercedes, Bosch und VW, auch das Gastgewerbe schafft sich mit Macht Gehör. Dabei arbeiten Hunderttausende im Einzelhandel, die Wirtschaftskraft ist groß und könnte noch größer sein. Das finde ich bedauerlich. Auch der Möbelhandel läuft leider unter dem Radar.
Wie sieht Rieger in fünf bis zehn Jahren aus?
In fünf Jahren werde ich den Übergang auf meinen 24-jährigen Sohn einleiten, wenn er möchte. In zehn Jahren möchte ich mit meinen Enkelkindern spielen. Wie mein Vater liebe auch ich die Firma. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass der eine gehen muss, damit der andere sich verwirklichen kann. Ich hoffe, dass ich das auch künftig noch sage.
Möbelhaus an sieben Standorten
Karriere
Benno Rieger, Jahrgang 1965, wuchs in Heidenheim auf und ging in St. Gallen aufs Internat. Er besuchte das Bentley College Boston und die Möbelfachschule Köln. Bei Möbel Rieger wurde er 1997 Geschäftsführer und rückte 2014 an die Spitze des Unternehmens. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
Unternehmen
Möbel Rieger wurde 1950 gegründet und hat Möbelhäuser in Göppingen, Aalen, Esslingen, Heilbronn, Reutlingen, Gera und in der Nähe von Erfurt mit einer Verkaufsfläche von insgesamt 240 000 Quadratmetern. Zu Möbel Rieger gehört auch die KüchenArena mit Standorten in Ulm, Waiblingen, Ludwigsburg und Heilbronn. Möbel Rieger zählt rund 1300 Beschäftigte.