VfB-Star Benjamin Pavard Ein Weltmeister kehrt heim

Von Axel Veiel 

Herzlicher Empfang für VfB-Profi Pavard in dessen nordfranzösischer Heimat – der französische Nachwuchsstar präsentierte die Weltmeister-Medaille.

Jeumont - Liebesschwüre hört man öfter im Bahnhof von Jeumont im Norden Frankreichs. Aber ein solcher wird hier nie wieder erklingen. Ein dreifaches „Je vous ­aime“, ich liebe euch, donnert von der Empore herab. VfB-Profi Benjamin Pavard steht dort im weißen T-Shirt, die für Frankreich aus Moskau heimgebrachte Goldmedaille um den Hals, ein Mikrofon in der Hand.

Verstärkt durch Lautsprechertürme dringt das Liebesbekenntnis bis weit über den Bahnhofsplatz hinaus. Alle 10 000 Einwohner des Dorfes haben somit am Mittwochnachmittag erfahren, was sie ahnten, was sie hofften. Der hier aufgewachsene Schlaks mit den unbändigen Locken hat sie nicht vergessen, nur weil er beim VfB Stuttgart zum Spitzenfußballer und vor einer halben Woche mit Frankreichs Nationalelf Weltmeister geworden ist.

Erst einmal nach Hause

Anstatt nach der WM sogleich in wohlverdienten Urlaub an ferne Strände zu jetten, ist er erst einmal nach Hause zurückgekehrt. Hier an der französisch-belgischen Grenze hat er seine Wurzeln. Hier wuchs er auf, trainierte bei der Jugend des Drittligisten US Jeumont, bis ihn Späher des OSC Lille entdeckten und den damals Neunjährigen lockten. Hier leben noch immer seine Eltern, die den kleinen Benjamin damals viermal in der Woche in die 50 Kilometer entfernte Metropole Lille zu fahren pflegten.

Viele sind gekommen, um den Heimkehrer zu empfangen. Antoine Catteau, seit Schulzeiten Pavards bester Freund und heute ein Schrank von einem Mann, steht auf der Empore. Pavards Eltern haben den Heimkehrer in die Mitte genommen. Die Mutter Nathalie lächelt ihm gerührt zu. Der Vater Frédéric, der daheim auf Arbeitsmoral und Disziplin pochte, mag sich zu keinem Lächeln hinreißen lassen. Dass er zufrieden ist, ja stolz, ist aber auch ihm anzusehen.

Überall das Konterfei

Der Lautsprechertürme hätte es freilich nicht bedurft. Denn ganz Jeumont hat sich ja vor dem Bahnhof eingefunden. Da ist Didier Lienard, der mit 66 Jahren versucht, inmitten der blau-weiß-rote Fähnchen schwenkenden Menschenmenge den genialen Torschuss Pavards vorzuführen, der bei der WM im Kräftemessen mit den Argentiniern die Wende brachte. Lienard dreht sich auf dem linken Bein, nimmt mit dem Außenrist des rechten Fußes einen imaginären Ball an, donnert ihn volley in einen ebenfalls imaginären Torwinkel.

Pavard winkt von der Empore herab. Es fällt schwer, ihn nicht für einen alten Bekannten zu halten. Viele Male ist man diesem Lockenschopf an diesem Tag schon begegnet. Auf einer Banderole am Ortseingang prangte sein Konterfei, im Schaufenster des Brillengeschäfts oder auch über der zur Kirche hinaufführenden Straße. „Eine Sternstunde ist das heute“, sagt Lienard. Dabei scheint Jeumont für Sternstunden eigentlich nicht gemacht. Im nach der Schließung der Kohleminen verarmten Nordosten Frankreichs liegt die Arbeitslosigkeit bei 25 Prozent. Am Rathaus bröckelt der Putz. Ruß und Regen haben Schlieren hinterlassen.

Neben Staatschef Macron

Zwei Tage zuvor noch hatte Pavard eine ganz andere Welt erkundet. Im offenen Doppeldeckerbus fuhr er mit den anderen Weltmeistern die Champs-Élysées hinab. Nicht Hunderte, Hunderttausende jubelten ihm zu. Über seinem Kopf jagten Alphajets den Himmel entlang, hinterließen mit ihren Kondensstreifen eine pastellfarbene Trikolore am Himmel: himmelblau-weiß-rosa. Mit seinen Weltmeisterkumpels stand Pavard anschließend im Innenhof des Élysée-Palasts. Gleich neben Staatschef Emmanuel Macron posierte er fürs Gruppenfoto.

Aber anders als etwa Paul Pogba zog Pavard dort nicht die große Show ab. So unbekümmert-selbstbewusst er in Russlands Stadien den Stürmern des Gegners den Schneid abkaufte, so zurückhaltend, ja fast schüchtern wirkte er in dem ja auch zu seinen Ehren entfachten Pariser Spektakel. Auf Fotos von der Ehrenparade im Doppeldeckerbus, die am Mittwoch durch Frankreichs Medien gingen, ist der 22-Jährige kaum zu entdecken. Andere stehen in der ersten Reihe an der Reling, stemmen die goldene WM-Trophäe in die Luft.

Die Stimme versagt

Wenn er zwei Tage nach seinem Pariser Auftritt in die heimatliche Provinz zurückgekehrt ist, dann auch, weil er zu schätzen weiß, was er dort vorfindet: eine zwar kleinere, aber eben auch heilere Welt. Und so ist das letzte Wort wohl auch noch nicht gesprochen, ob der von Spitzenclubs umworbene WM-Star dem VfB noch in diesem Sommer den Rücken kehrt. So sehr es ihn locken mag, bei einem Champions League spielenden Glamour-Ensemble anzuheuern: Die Vertrautheit und Mitmenschlichkeit, die er in Cannstatt vorfindet, sind ihm kostbar.

Pavard selbst lässt sich nichts zum Thema entlocken. Er sagt an diesem Tag nur noch das Wichtigste. Er habe so viel gesungen und gebrüllt in den vergangenen Tagen, dass die Stimme nicht mehr viel hergebe. Als er mit den sich zu Füßen der Empore drängenden Dorfbewohnern die Marseillaise, die Nationalhymne, anstimmt, kündigen die Stimmbänder die Gefolgschaft auf. Mehr als ein Krächzen gelingt nicht mehr. Mutter Nathalie mag zu den beruflichen Plänen des Sohnes auch nichts sagen. Aber sie bestätigt, was vorher schon zu sehen war. Dass die Pavards „noch immer eine ganz normale Familie sind, dass niemand abgehoben hat“. Sie und Vater Frédéric arbeiten weiterhin im Krankenhaus des Nachbarortes Maubeuge, sie als Sekretärin, er als Lagerist.

Benjamin Saint-Huile tritt hinzu, der Bürgermeister. Er greift zum Mikrofon, stimmt den während der WM aufgekommenen Pavard-Song an: „Er kam aus dem nichts, und er ist da, für euch, Benjamin Pavard.“ Vor dem Bahnhof stimmen die Menschen mit ein, wiegen sich im Takt, tanzen. Konfettikanonen feuern goldene Schnipsel. Die Dorffeuerwehr rollt Schläuche aus, spritzt Fontänen zum Himmel, als gelte es, dort oben einen Großbrand zu löschen. Auf die sich verschwitzt im Takt Wiegenden geht ein willkommener Platzregen hernieder. „Es ist schön, daheim zu sein“, sagt Pavard.

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