Der Topstar Kevin De Bruyne ist mit den Belgiern im EM-Quartier vor den Toren Ludwigsburgs angekommen – und zeigt seine Qualitäten in Freiberg bei speziellen Übungsformen.
Die kleine Bühne vor der Tribüne des Wasenstadions in Freiberg war bereitet für Domenico Tedesco. Der Stadionsprecher hatte den Trainer der belgischen Nationalelf vorher schon angekündigt. Der Coach, so der Ansager, werde ein paar Begrüßungsworte sprechen vor der ersten öffentlichen Einheit auf dem Gelände des SGV Freiberg, wo am Donnerstagvormittag 1600 Zuschauer dabei waren, die meisten von ihnen waren Schüler aus der Region. Also kam Tedesco kurz vor Trainingsbeginn über den Platz – und hielt sich nicht lange mit der Begrüßung auf.
Denn der Coach ging ins Detail und stellte die einzelnen Übungsformen vor, die da gleich kommen sollten. Und, was soll man sagen: Tedesco, der in Aichwald aufwuchs und sieben Jahre lang beim VfB Stuttgart als Jugendtrainer aktiv war, nutzte einen Tag vor der Eröffnung der EM seinen Heimvorteil im Württembergischen. „Nach dem Aufwärmen sind die Spieler hier bei den Boxes dabei“, sagte Tedesco und fragte in Richtung der Zuschauer: „Wisst ihr, was Boxes sind, auf schwäbisch?“ Kurze Künstlerpause: „Eckle, Eckle!“ Es gab Gelächter und Applaus von der Tribüne, ehe der Trainer noch sagte, dass man „nach dem Eckle“ ein Sechs-gegen-Sechs-Turnier spielen werde.
Ein paar Minuten später war der Mann beim Eckle dabei, über den Tedesco sagt, dass er das größte Talent in seinem Team habe. Superstar Kevin De Bruyne hatte seine Haare streng nach hinten gegelt – von vorne, von der Tribüne aus, rief eine Schulkasse jüngeren Couleurs ausdauernd seinen Vornamen im Chor, ehe ihm ein nassforscher Jugendlicher eine Frage zurief: „Ey Kevin, was geht?“
De Bruyne, früher bei Werder Bremen und beim VfL Wolfsburg aktiv, verstand das natürlich. Der Liebling der Anhänger in Freiberg musste grinsen, winkte kurz, konzentrierte sich dann aber aufs Kicken – und bewies beim Eckle-Spiel sein Ausnahmetalent. Dort also, wo zwei Spieler in der Mitte sind und die anderen drum herum den Ball laufen lassen, ohne dass die in der Mitte an ihn kommen sollen, stand der Offensivmann von Manchester City meist draußen. Und nicht drin, wo man hinmuss, wenn man einen Fehlpass gespielt hat. Den hat De Bruyne meist nicht in seinem Repertoire.
Das müssen sie wohl sein, die Fähigkeiten des Musterschülers von City-Trainer Pep Guardiola, über die sein Nationalcoach Tedesco der „SZ“ kürzlich sagte: „Kevin sieht Räume, die andere nicht erkennen, das ist der Wahnsinn.“ De Bruyne, so Tedesco weiter, besitze eine atemberaubende Intuition. „Manchmal habe ich das Gefühl, er bekommt von einer Drohne am Himmel Signale geschickt.“
Die Signale von oben soll der Kapitän der belgischen Roten Teufel nun möglichst auch wieder bei der EM empfangen, mit der es am Montag mit dem Spiel gegen die Slowakei in Frankfurt losgeht – wo es tags zuvor vom Teamhotel in Ludwigsburg aus hingehen wird. Das Ziel De Bruynes ist klar: Der EM-Titel soll her. „Wir wollen alles gewinnen“, sagt der 32-Jährige dazu trocken.
De Bruyne kennt dabei ja die meist leidvolle Turniergeschichte der Goldenen Generation der Belgier: So war das Team bei jedem großen Turnier im vergangenen Jahrzehnt mindestens Geheimfavorit, aber nie ging es weiter als ins Halbfinale. Jetzt steckt die Mannschaft im Umbruch, mit vielen neuen Jungstars wie Jeremy Doku (21 Jahre/Manchester City/Marktwert 65 Millionen Euro.) oder Loïs Openda (24/RB Leipzig/60 Millionen.). Der Anführer neben Angreifer Romelu Lukaku (31) bleibt aber De Bruyne, der sich allerdings erst wieder ins Gefüge integrieren muss – weil er in der jüngeren Vergangenheit lange nicht dabei gewesen war.
Klare Rolle
So stieß De Bruyne in der EM-Vorbereitung nun erstmals nach einem Jahr wieder zum Nationalteam, aufgrund diverser Verletzungen war er nach dem Amtsantritt Tedescos im Februar 2023 nur bei einer Länderspielreise der Belgier dabei. De Bruyne litt unter anderem an einer schweren Oberschenkelverletzung, was aber nichts an seiner exponierten Stellung im Team ändert. Denn klar ist: Die Rolle als Führungsfigur, die Ideen, Tempo-Dribblings, Vorlagen und Tore bei der EM liefern soll, hat Tedesco für De Bruyne längst definiert – wie es dann nach dem großen Turnier für den Topstar selbst weitergeht, das freilich ist noch offen.
Seit neun Jahren ist er schon für ManCity aktiv und sammelte dort Titel um Titel. Sein Vertrag läuft nur noch bis 2025 – weshalb sich De Bruyne Gedanken macht. Und, was soll man sagen: Es sind spezielle. So kann er sich einen Wechsel nach Saudi-Arabien vorstellen. Denn, so sagt er: „In meinem Alter muss man für alles offen sein.“ Vor allem der finanzielle Aspekt nehme bei seinen Überlegungen eine Rolle ein, so De Bruyne weiter: „Wenn ich dort zwei Jahre lang spiele, kann ich unglaublich viel verdienen.“
Ob dann in Saudi Arabien wie in Europa und im schwäbischen Raum auch das für die meisten Profis unbezahlbare Eckle gespielt wird vor dem Training – das würde sich für De Bruyne dann aber erst noch weisen.