Heiko Blocher in seinem Café Schwarzmahler im Stuttgarter Osten Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Immer mehr Menschen wählen pflanzliche Milch-Alternativen, um die Umwelt zu schonen. Doch oft zahlt man für das ökologische Bewusstsein drauf. Nicht so in einem Stuttgarter Café.

Stuttgart - „Eine Latte, aber bitte mit Hafer“ – diese Bestellung ist im Kessel längst Normalität. In den meisten Cafés in Stuttgart wird inzwischen nicht nur Kuhmilch, sondern auch pflanzliche Alternativen angeboten. Schließlich sind diese Milchalternativen derzeit ein wahrer Megatrend, denn ihre Produktion erzeugt einen kleineren CO2-Fußabdruck, durch sie entsteht kein Tierleid, und sie sind auch für Menschen mit Laktoseunverträglichkeit bekömmlich.

Normalität ist allerdings auch, dass man für die pflanzliche Alternative im Café 20 bis 50 Cent mehr bezahlt als für die Kuhmilch. Nicht so im Schwarzmahler im Stuttgarter Osten. Seit dem Jahreswechsel zahlt man dort für den Kaffee mit Soja- oder Hafermilch sogar 50 Cent weniger. „Bis dahin war es auch bei uns so, dass die Alternativen 50 Cent teurer waren“, sagt der Besitzer, Heiko Blocher. Doch dann habe er über Silvester nachgedacht und sich gefragt, warum er seine Kunden dafür bestraft, wenn sie ökologisch verantwortungsvoll handeln.

Heiko Blocher will die Kunden dazu anregen, die pflanzliche Alternative zu probieren

Blocher hat sein Café Schwarzmahler im Jahr 2015 eröffnet, im März 2019 ist er in die jetzigen Räumlichkeiten an der Landhausstraße 154 gezogen. Aufgewachsen ist er in Dettingen/Teck, dort unterhielten seine Großeltern einen landwirtschaftlichen Betrieb. Das wie später auch seine Sozialisierung durch die Punk-Szene prägte sein Verhältnis zu Lebensmitteln. „Ich lebe seit 25 Jahren fleischfrei“, sagt Blocher. Seit der Geburt seiner zwei Kinder habe er ein noch stärkeres Bewusstsein dafür entwickelt, dass die Ernährung ein wichtiger Faktor für „unser aller Zusammenleben“ ist. Und er stellte sich die Frage, „wie ignorant wir als Menschheit sein können, wo es doch so leicht ist, an bestimmten Schräubchen zu drehen, um etwas zum Besseren zu verändern“.

Also drehte er. An den Preisen. Und bekam nur positive Resonanz – sogar in den sozialen Netzwerken. „Ich denke, die Kunst liegt darin, dass ich niemanden wehtue: Die Milchvariante ist nicht teurer geworden, nur die Alternative wurde attraktiver“, sagt Blocher. Schließlich wolle er die Leute ja auch – ohne erhobenen Zeigefinger – dazu anregen, die pflanzlichen Alternativen zu probieren, „und das geht über den Preis am besten“. Er räumt freimütig ein, dass „Milch gut schmeckt – und Pflanzenmilch anders“. Letztlich sei das aber Gewohnheitssache.

„Ich mache keine Verluste, nur weniger Gewinn“

So wie auch Verantwortungssache. Und zwar nicht nur die der Kunden: „Viele Betriebe werden heute nicht mehr ihrer gesellschaftlichen Pflicht gerecht – ich aber möchte nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern auch volkswirtschaftlich denken und handeln“, sagt Blocher. Auch, wenn die Rechnung zu seinem eigenen Nachteil ausfällt? Schließlich kostet seinen Angaben zufolge die Demeter-Milch im Bio-Supermarkt um die Ecke, bei dem er einkauft, nur 1,50 Euro, während er für die Pflanzenmilch 2,40 Euro zahlt. „Ich mache aber keine Verluste, nur weniger Gewinn“, sagt Blocher. Zudem profitiere auch er von einer intakten Umwelt.

Er kauft Soja- und Hafermilch, die von einem Bauernhof am Bodensee kommt: „Kürzere Wege gibt es nicht“, sagt Blocher. Das ist ihm den höheren Preis allemal wert. Zudem findet er, dass „Milch viel zu billig ist – so dass viele Menschen darauf zurückgreifen“. Wenn man sich allerdings überlege, was Milch eigentlich ist – nämlich ein „Eutersekret“ –, habe man keine Lust mehr darauf.

Lutz Graeve sagt klar, dass Milch nicht essenziell ist

Da gibt ihm Lutz Graeve recht. Graeve, der bis zu seiner Pensionierung an der Uni Hohenheim das Fachgebiet Biochemie der Ernährung leitete und Vorsitzender des Vorstands der Sektion Baden-Württemberg der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. ist, weist darauf hin, dass Milch eigentlich Babys vorbehalten ist. Derzeit werde ihr ernährungsphysiologischer Nutzen kontrovers diskutiert, teilweise gelte sie gar als krebsfördernd. Vor Panikmache aber warnt er, denn dafür gebe es keine ausreichenden Belege. Lieber verweist er auf die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, der zufolge Milch nach wie vor ein wertvolles Nahrungsmittel ist. Sie enthält viele Proteine, Vitamine und Kalzium.

Graeve sagt aber auch klar, dass Milch nicht essenziell ist. Das sehe man schon daran, dass 85 Prozent der Weltbevölkerung eine Laktoseintoleranz aufwiesen. Nur in Europa und Nordamerika ist das Verhältnis umgekehrt: Hier leiden nur 15 Prozent an der Milchzuckerunverträglichkeit.

Fest stehe, dass alle pflanzlichen Varianten weniger Inhaltsstoffe als die Milch liefern

Er glaubt indes, dass bei den vielen Konsumenten von pflanzlichen Alternativen weniger gesundheitliche Erwägungen eine Rolle spielen als der Umweltschutzgedanke. „Besonders junge Leute aus der Fridays-for-Future-Bewegung legen Wert auf Nachhaltigkeit“, sagt Graeve. Nach der gesündesten pflanzlichen Alternative gefragt, kann er keine eindeutige oder einfache Antwort bieten: „Das ist, als sollte ich sagen, ob eine Banane oder Orange gesünder ist.“ Fest stehe, dass alle pflanzlichen Varianten weniger Inhaltsstoffe als die Milch liefern. Dennoch seien sie ernährungsphysiologisch wertvoll. Man könne die Nährstoffe der Milch auch durch den Konsum anderer Nahrungsmittel decken.

Blocher hat einige Nachfragen von Cafébetreibern aus Dänemark, Österreich und Deutschland bekommen. Vielleicht wird es ja bald Normalität, dass die Hafer-Latte zumindest nicht mehr kostet als die mit Milch.

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