Steht auf der Liste der baden-württembergischen Kampfhundeverordnung: American Staffordshire Terrier. Foto: dpa

Kampfhunde haben einen denkbar schlechten Ruf. Doch andere Hunde beißen sehr viel häufiger zu. Vor allem Kinder sind die Opfer von Hundeattacken.

Stuttgart - Drei Menschen wurden in den vergangenen Tagen von ihren Hunden getötet. In Hannover starben eine 52-jährige Frau und ihr 27-jähriger Sohn nach Beißattacken ihres Staffordshire Terriers, im hessischen Bad König biss ein fünf Jahre alter Mischlingsrüde ein Baby tot. Für den sieben Monate alte Jannis war dem Obduktionsergebnis zufolge ein einziger Biss des Mischlingshunds der Familie tödlich.

Der fünf Jahre alte Rüde hatte laut Staatsanwaltschaft die Fontanelle (die bei Babys noch vorhandene Lücke auf dem Kopf zwischen den Schädelknochen) des Kindes aus dem hessischen Bad König im Odenwald getroffen. Dadurch sei eine Arterie verletzt worden und der Säugling sei verblutet.

Kampfhunde mit Killerinstinkt?

Fachleute widersprechen allerdings der Behauptung, dass ein Killerinstinkt vor allem Kampfhunden in den Genen liegt. Der Grund für Hundeattacken sei ein anderer: Viele Menschen, darunter auch Halter, hätten keine Ahnung von Hunden . Experten wie die hessische Landestierschutzbeauftragte Madeleine Martin fordern deshalb seit langem einen Hundeführerschein.

„Wir verhindern eher den schlechten Halter, indem wir alle Halter verpflichten, eine Sachkundeausbildung zu machen, und zwar vorher“, sagte Martin im Interview mit unserer Zeitung . Diese Ausbildung müsse eine theoretische Sachkundeprüfung und danach den praktischen Nachweis mit dem Hund beinhalten.

Wie gefährlich sind Hunde wirklich? Sind vor allem die unter dem Begriff Kampfhunde zusammengefassten Rassen „Killermaschinen“? Sieben Fakten zu gefährlichen Hunden:

1. Es gibt immer mehr Hunde

Nach Angaben des Zentralverbandes Zoologischer Fachbetriebe in Deutschland leben hierzulande 31,6 Millionen Haustiere. Davon sind 8,6 Millionen Hunde (17 Prozent) und 13,4 Millionen Katzen (22 Prozent). Ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Im Jahr 2000 gab es fünf Millionen Hunde – ein Plus von mehr als 70 Prozent – und 6,8 Millionen Katzen. 2017 hielten 8,76 Millionen Menschen in Deutschland einen Hund, 1,4 Millionen zwei Hunde und 280 000 drei und mehr Hunde.

Als Hauptgrund für die wachsende Zahl der Hundeattacken hat das Bayerische Innenministerium einen einfachen Grund ermittelt: „Wenn mehr Hunde auf den Straßen sind, kommt es auch zu mehr Beißattacken.“

2. Die schlimmsten Beißer

In Deutschland gibt es pro Jahr 30 000 bis 50 000 Bissverletzungen durch Tiere. Laut einer Studie der Klinik für Kinderchirurgie der Berliner Charité (2015) werden davon 60 bis 80 Prozent durch Hunde und 20 bis 30 Prozent durch Katzen verursacht. Andere Tierarten wie Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten oder Mäuse beißen deutlich seltener.

Die Datenlage ist allerdings ungenau, weil in Deutschland keine Meldpflicht besteht und es keine bundesweite Beißstatistik gibt. Nur einzelne Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen, Berlin und Bayern geben Zahlen heraus und differenzieren nach Hunderasse.

3. Die Größe entscheidet

Schäferhunde, Dobermänner, Rottweiler und große Mischlingshunde beißen am häufigsten und schwersten zu. Das liegt daran, dass diese Hunde sehr beliebt und zahlreich sind. Laut einer Studie der Kinderchirurgie der Universität Graz führen der Deutsche Schäferhund und der Dobermann die Beißer-Statistik an. Aber auch kleinere Rassen wie Spitz, Schnauzer, Pekingese oder Dackel attackieren immer wieder Menschen.

In Nordrhein-Westfalen, dessen Statistik am differenziertesten ist, waren 2014 insgesamt 458 000 große Hunde (ab 20 Kilogramm und 40 Zentimeter Rückenhöhe) gemeldet. Von den 657 Vorfällen waren Schäferhunde für 101 Beißattacken verantwortlich. Der Grund: Die meisten Rassehunde in NRW sind Schäferhunde (45 000). Auf das Konto von Dobermännern gingen 20 Bisse, auf das von Rottweilern 19 Bisse. Unter den 7252 „gefährlichen Hunden“ (davon 2839 American Staffordshire Terrier) kam es zu 17 Attacken (Staffordshire: acht).

4. Kinder sind die Hauptopfer

Laut Statistischem Bundesamt sterben in Deutschland jährlich zwischen einem und sechs Menschen an den Folgen eines Hundebisses. Für kleine Kinder sind Bissverletzungen besonders gefährlich. Zweidrittel der Opfer sind der Charité-Studie zufolge Heranwachsende. 25 Prozent aller Opfer sind jünger als sechs Jahre, 34 Prozent zwischen sechs und 17 Jahren alt.

Männer werden mehr von Hunden, Frauen mehr von Katzen gebissen. Schwere und tödlich endende Hundeattacken betreffen vornehmlich Kinder und ältere Menschen, das sie sich schlecht selbst verteidigen können.

5. Wo Hunde zubeißen

Bei 70 bis 80 Prozent der Hundeattacken werden Arme und Beine, in zehn bis 30 Prozent der Kopf und Hals verletzt. Dieser Bereich wird bei Kindern bis vier Jahre am häufigsten verletzt. Größere Hunde können den Kopf eines Säuglings in die Schnauze nehmen und zubeißen.

Die Verletzungen reichen laut der Charité-Studie von Schürf-, Riss- und Quetschwunden über Abrissverletzungen bis hin zu schweren Gefäßverletzungen und Schädel-Hirn-Trauma.

Aber auch leichte Bisse können gefährlich sein, weil über die Zähne und den Speichel der Hunde Krankheitskeime wie Staphylokokken, Streptokokken und Pasteurellen in die Wunde gelangen. In zehn bis 25 Prozent der Bisse kommt es danach zu Infektionen.

6. Tatort Baden-Württemberg

In der baden-württembergischen „Kampfhundeverordnung“ ist keine Erhebungspflicht zur Zahl der Hundebisse für die Ortspolizeibehörden vorgesehen. Hundeattacken gelten als fahrlässige Körperverletzung und werden in der jährlichen Polizeilichen Kriminalstatistik aufgeführt.

Demnach gab es 2017 im Südwesten 1319 fahrlässige Körperverletzungen mit dem „Tatmittel Hund“ (2016: 1210; 2014: 1100) sowie 30 Verletzungen mit dem „Tatmittel Kampfhund (2016: 25) aus. Den Zuwachs führt das Innenministerium auf die steigende Zahl von Hunden im Land zurück.

7. Vorsicht ist besser als Bisse

Laut Charité-Studie beißen Rüden dreimal häufiger zu als Hündinnen. In 90 Prozent der Fälle kennen die Opfer den Hund, weil er der Familie, Verwandten oder Nachbarn gehört. Attacken durch fremde Hunde beim Joggen oder Spazierengehen sind eher selten.

Nach Aussage von Experten sind die meisten Attacken auf ein Abwehrbeißen des Hundes – die sogenannte defensive Aggression – zurückzuführen. Die Tiere beißen, weil sie Angst haben, erschreckt oder beim Fressen gestört werden.

Bissverletzungen seien vermeidbar, die Prävention sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, erklärt die Leiterin der Klinik für Kinderchirurgie der Charité, Karin Rothe. Notwendig seien klare Regeln für die Tierhaltung sowie eine bessere Aufklärung und Erziehung von Kindern im Umgang mit Tieren. Spezielle Schulungsprogramme, vor allem die von Tierärzten durchgeführten Kurse für einen Hundeführerschein, hätten sich bewährt.

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