Bauen ohne CO2- Emissionen mitten in Stuttgart – wie geht das? Mit ihrem preisgekrönten Holzhaus MaxAcht beschert eine Baugemeinschaft der Stadt das erste klimaneutrale Wohnhaus.
Stuttgart - Wohnen in den eigenen vier Wänden, mitten in der Stadt: Um diesen Traum zu verwirklichen, haben sich die Mitglieder der Baugemeinschaft Max Acht vor zehn Jahren zusammengefunden. Gemeinschaftlich im Stuttgarter Westen auf dem Gelände des ehemaligen Olga-Hospitals leben war das eine Ziel. Das andere: ein CO2-neutrales Haus – damals, als es noch keine Fridays-forFuture-Bewegung gab und die Welt den Namen Greta Thunberg nicht kannte, noch kein selbstverständliches Ansinnen.
Die 29 Max-Acht-Bewohner haben mit dem Büro Architekturagentur der Stadt das erste klimaneutrale Mehrfamilienwohnhaus beschert. Max Acht heißt es, weil sie ursprünglich mit maximal acht Parteien zusammen bauen wollten. Aus acht wurden elf, aber der Name ist geblieben.
Vorbild: das Woodcube in Hamburg
Die Null-Emissions-Qualität erreicht der Viergeschosser, weil Fassade, Tragwerk, Wände und Decken aus unverleimten, unbehandelten und metallfreien Massivholzlagen bestehen. „Der Kohlenstoffspeicher Holz gleicht die herstellungsbedingte Entstehung von Kohlenstoffdioxid anderer verwendeter Baustoffe aus“, erklärt Architekt Oliver Hilt. Vorbild war der Woodcube – ein ebenfalls von Hilts Büro geplantes CO2-neutrales Holz-Wohngebäude auf der Internationalen Bauausstellung in Hamburg. Wie der Woodcube lässt sich auch das Max Acht durch die Holzbauweise wieder demontieren und ist durch den Verzicht auf Leime, Lacke und Holzschutzmittel schadstoffarm und recycelbar.
Seine ökologische Korrektheit trägt das im Herzen des Areals gelegene Gebäude nicht demonstrativ vor sich her, aber es versteckt sie auch nicht. Die Architekten entschieden sich für eine Fassade aus vorgegrauter Fichte. Die mit einer Pigmentlasur behandelte, horizontale Lamellenstruktur verleiht dem an einem Spielplatz gelegenen Eckhaus im Herzen des Olga-Areals eine natürliche Eleganz, die nicht alle der benachbarten Baugemeinschaftshäuser vorweisen können. Auch in den Wohnungen ist Holz an Wänden und Decken das bestimmende Material, durch die mit Holzseife aufgehellte Fichte wird jeder Anflug von Blockhausrustikalität vermieden. Im Kontrast zum Naturmaterial steht der ganz in Sichtbeton gehaltene Treppenhauskern – hier haben sich die Bauherren auch aus Kostengründen von der Holzdoktrin frei gemacht. Die raumhohen Fenster geben der Fassade eine regelmäßige Struktur; das oberste Geschoss springt durch eine große Dachterrasse von der westlichen Gebäudekante zurück. Im Erdgeschoss bieten schwarz beschichtete, drehbare Aluminiumlamellen den Bewohnern Privatsphäre.
Individuell zugeschnittene Wohnungen
Dem klar gegliederten Äußeren steht im Inneren ein Puzzlespiel aus individualisierten Wohnungszuschnitten gegenüber. Den Bauherren war bei den Zwei- bis Fünfzimmerwohnungen – bis auf das Erdgeschoss sind es drei Einheiten pro Stockwerk – an flexiblen Grundrissen und einer variablen Erschließung gelegen, um sich an verändernde Lebenssituationen anpassen zu können. So gibt es ans Treppenhaus angrenzende Zimmer, die sich wahlweise der einen oder der anderen Wohnung zuordnen lassen oder auch autark – etwa als Studenten- oder Pflegeapartment – funktionieren.
Jede Wohnung verfügt über einen zentralen Wohn-Ess-Raum samt Loggia, der nach zwei Seiten orientiert ist; das erzeugt Großzügigkeit, obwohl die Wohnungsgrößen mit 60 bis 115 Quadratmetern nicht luxuriös bemessen sind. Mit 34 Quadratmeter pro Person bewege man sich unter dem aktuellen Durchschnittswert von 46 Quadratmetern Wohnraum pro Kopf in Baden-Württemberg, betonen Bauherren und Architekt in dem Papier, mit dem sie sich bei der Stadt um das zum Verkehrswert angebotene Grundstück bewarben – den Zuschlag erhält bei der sogenannten Konzeptvergabe nicht der Meistbietende, sondern das interessanteste Konzept.
Für den Staatspreis nominiert
Auf Flure und Nebennutzflächen wurde verzichtet. Die Raumökonomie in den Wohnungen erlaubte es den Parteien, im Erdgeschoss statt einer dritten Wohnung einen fünfzig Quadratmeter großen Gemeinschaftsraum unterzubringen. Gemeinschaftlich leben, zusammen feiern, sich gegenseitig unterstützen – das war den Bauherren genauso wichtig wie die nachhaltige Bauweise. Die Gruppe ist eine Mischung aus Familien, Paaren und Singles verschiedener Altersgruppen und auch Nationalitäten. Das Haus ist barrierefrei, es gibt zwei für Rollstuhlfahrer geeignete Inklusionswohnungen; zwei weitere wurden mit dem städtischen Programm Preiswertes Wohneigentum gefördert.
Das Max Acht ist für den Staatspreis Baukultur Baden-Württemberg nominiert und wurde beim Wettbewerb Beispielhaftes Bauen Stuttgart 2015–2019, einer gemeinsam von der Architektenkammer Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart verliehenen Auszeichnung, prämiert. Bleibt zu hoffen, dass der mit 4200 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche auch noch ausnehmend günstige Öko-Prototyp in Stuttgart Schule macht.