Der Fellbacher Orthopädieschuhmacher Felix Rademaker befestigt den Schaft eines Maßschuhs an der Innensohle. Foto: Gottfried Stoppel

Manche Arbeitgeber verzweifeln fast: Sie haben Stellen zu vergeben, aber keiner bewirbt sich. Bei Schuhwerk in Fellbach kennt man dieses Problem: Dort werden Einlagen und Maßschuhe gefertigt, doch den Orthopädieschuhmachern fehlt Nachwuchs.

Fellbach - Felix Rademaker (39) greift das Leder­ mit der Zwickzange und zieht es über den Leisten. Dann befestigt er es mithilfe eines Nagels, den er mit wenigen Schlägen in den Boden des Maßschuhs treibt. „Wir sprechen nicht von Nägeln, sondern von Zwickstiften“, erläutert er. Rundherum wird der sogenannte Schaft, also das Oberteil des Schuhs, auf diese Weise mit der Innensohle verbunden. Rademaker betrachtet seine Arbeit mit einem prüfenden Blick: „Es ist wichtig, darauf zu achten, dass der Schuh auch gut aussieht.“ Denn orthopädische Schuhe wirken häufig recht breit.

Felix Rademaker ist Orthopädieschuhmacher beim Schuhwerk in Fellbach (Rems-Murr-Kreis). Viele seiner Kunden leiden an schweren Fehlstellungen der Füße. „Manche von ihnen können gar nicht ohne Schuhe gehen, nicht einmal vom Bett ins Badezimmer“, erzählt er. Deshalb wird vor der Anfertigung eines Schuhs genau geprüft, inwieweit der Fuß noch bewegt werden kann und wo der Kunde etwa an Druckstellen leidet. Dann wird ein Gipsabdruck erstellt, mithilfe dessen der Leisten gefertigt wird – quasi ein Modell des Fußes, auf das der Schuh ­direkt angepasst wird.

Nachwuchs zu finden ist schwierig

Rademaker schlägt einen weiteren Zwickstift in den Boden des Schuhs. „Diese Arbeit ist das Reizvollste“, findet er. Deshalb möchte der Mann, der aus Weinstadt kommt und seit rund 15 Jahren als Orthopädieschuhmacher arbeitet, auch keinen Meister machen, sondern Geselle bleiben.

„Ich mag das Handwerkliche, das macht mir einfach am meisten Spaß“, sagt er. Zu den Hauptaufgaben des Meisters gehöre es hingegen in der Regel, die Kunden zu beraten und zu entscheiden, nach welchen ­Kriterien der Maßschuh oder die Einlage angefertigt wird.

Heike Rothfuß und Kerstin Busemann sind Orthopädieschuhmachermeisterinnen und Geschäftsführerinnen des Schuhwerks, das insgesamt acht Beschäftigte zählt. Nachwuchs zu finden ist schwierig, bestätigt Heike Rothfuß. „Wir hätten zu Beginn, 2012, locker zwei Gesellen einstellen können, aber wir haben keine gefunden.“ Also entschieden sich Rothfuß und Buse­mann, selbst auszubilden. Derzeit haben sie zwei Lehrlinge, beide mit Abitur.

Das sei jedoch keine Voraussetzung, betont Heike Rothfuß. Momentan ist sie auf der Suche nach weiteren Auszubildenden, sie nimmt auch Quereinsteiger. „Ich glaube, der Wille, etwas mit den eigenen Händen herzustellen, geht in unserer Gesellschaft zunehmend verloren“, versucht Rothfuß die Personalnot zu erklären.

Sorgfältiges Arbeiten ist sehr wichtig

„Freude am Handwerk sollte man natürlich schon mitbringen“, betont der Geselle Felix Rademaker. Und noch etwas ist wichtig, um ­Orthopädieschuhmacher zu werden: „Man muss von Anfang an sehr sorgfältig arbeiten.“ Schließlich soll der eigens angefertigte Schuh dem Kunden das Gehen erleichtern und den Fuß stabilisieren.

Aber nicht nur Maßschuhe werden im Schuhwerk gefertigt. „Wir passen auch Konfektionsschuhe individuell an“, sagt Rademaker und nimmt einen Sportschuh aus einem Regal. Weil dessen Besitzer eine Beinlängendifferenz hat, wird die Sohle des einen Schuhs um 1,3 Zentimeter höher gemacht. „So kann man eine Differenz ausgleichen, wenn eine Einlage nicht reicht.“

Die Schuhmodelle, die Rademaker zuvor mit der Zwickzange bearbeitet hat, müssen zunächst über Nacht trocknen: Zwischen Innenfutter und Oberleder sind eine Hinter- und eine Vorderkappe verklebt – um die Ferse zu stabilisieren und um die Zehen zu schützen. Ist der Kleber getrocknet, kann der Rahmen für die Sohle angebracht werden. Für die Laufsohle gibt es dann je nach Bedarf verschiedene Profile. Der letzte Arbeitsschritt führt den Orthopädieschuhmacher­ an die Schleifmaschine. Hochkonzentriert und mit viel Fingerspitzengefühl führt Rademaker die Seiten der Sohle über das Schleifband. „Da muss man sehr aufpassen, dass man nicht aus Versehen ans Leder kommt und eine Macke hineinmacht“, erklärt Felix Rademaker. Seine Chefin bestätigt das: „Unser Qualitätsanspruch ist extrem hoch“, sagt Geschäftsführerin Rothfuß.

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