Der längste Baumwipfelpfad steht im Bayerischen Wald. Foto: Erlebnisakademie AG

Der Betreiber gibt wegen Kritik auf. Die Touristenattraktion im Kreis Göppingen hätte dem Kreis Esslingen mehr Verkehr gebracht.

Wiesensteig - Beim Göppinger Landratsamt und in Wiesensteig schlug die Absage am Montag ein wie eine Bombe: „Wir sind sehr enttäuscht über diese Entscheidung, denn sowohl der Landkreis Göppingen als auch die Stadt Wiesensteig haben in diesem Projekt eine riesige Chance für die touristische und auch wirtschaftliche Weiterentwicklung gesehen“, so Landrat Edgar Wolff und Bürgermeister Gebhard Tritschler. Beide betonen: „Wir waren mit dem Verlauf der letzten Bürgerversammlung zufrieden und sahen dem Bürgerentscheid und einer möglichen Realisierung des Projekts positiv entgegen.“

Völlig überraschend auch für die Gegner hat der Betreiber das Projekt eingestellt. „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht“, teilte das Unternehmen mit. Viele Menschen hätten viel Arbeit und Herzblut in die Sache gesteckt und seien von der Nützlichkeit überzeugt gewesen. Nach Abwägung aller Fakten und der Bewertung aller Risiken, nach der Entwicklung und Dynamik mit Leserbriefen und Anfeindungen könne man zu keiner anderen Entscheidung kommen. „Die unternehmerische Vorsicht gebietet uns, keine weiteren Ressourcen in das Projekt zu stecken.“ Auch werde der Ruf der Erlebnisakademie durch anhaltend unsachliche Darstellungen und gezielte Falschinformation beschädigt.

Der geplante Baumwipfelpfad bei Wiesensteig hat vor allem die Nachbarkommunen im Kreis Esslingen auf den Plan gerufen: Ein Gutachten bestätigt Befürchtungen in Weilheim und Neidlingen, dass die meisten Besucher durch diese Ortskerne anreisen würden. Vorteile habe nur Wiesensteig. Tatsächlich erscheint die Vorstellung, in 20 Meter Höhe 750 Meter weit durch Baumwipfel zu spazieren, vielen Menschen reizvoll. Der Baumwipfelpfad bei der Ruine Reußenstein sollte sich 500 Meter weit in einer Spirale auf einen 40 Meter Aussichtsturm winden – mit Blick weit ins Stauferland hinein und bis zur Landeshauptstadt. Dann ginge es teils auf schwankenden Holzplanken 750 Meter durch die Baumkronen.

Gutachten sieht allein an zehn bis 15 Spitzentagen im Jahr bis zu 4000 Besucher den Pfad erklimmen

Dass der Pfad auf Stelzen – er wäre nach dem Baumkronenweg Waldkirch der zweite in Baden-Württemberg gewesen – das Zeug zur Touristenattraktion hätte, ist unstrittig. Der Veranstalter geht von jährlich 250.000 Besuchern aus. Das Gutachten sieht allein an zehn bis 15 Spitzentagen im Jahr bis zu 4000 Besucher den Pfad erklimmen.

Doch was vom Göppinger Landrat Edgar Wolff forciert wurde, um den Tourismus an der Kreisgrenze anzukurbeln, stößt bei vielen Bewohnern auf Unmut. In Wiesensteig ist die Bevölkerung längst gespalten in pro und contra – ähnlich wie bei Stuttgart 21 in der Landeshauptstadt. Offenbar gab es sogar anonyme Drohungen. In der 2200-Einwohner-Stadt hatte man sich deshalb auf einen Bürgerentscheid verständigt. Er sollte am 7. Oktober Klarheit darüber bringen, was die Wiesensteiger wollen und ist nun hinfällig.

Die Sache hatte von vorneherein einen Haken. Der Baumwipfelpfad liegt praktisch auf der Kreisgrenze zu Esslingen. Und auch dort, konkret in Weilheim und Neidlingen, fühlte man sich von dem Mammutprojekt betroffen. So gibt das Gutachten die Zahl der potenziellen Nutzer mit 4,6 Millionen Menschen an: „Das Einzugsgebiet umfasst die Landkreise Göppingen, Esslingen, Reutlingen und den Alb-Donau-Kreis, darüber hinaus die Stadt Stuttgart und die anderen Landkreise der Region sowie den Ostalbkreis, die Landkreise Heidenheim, Günzburg, Biberach, Tübingen und die Stadt Ulm. Selbst aus Pforzheim und dem Enzkreis oder aus Heilbronn ist der Baumwipfelpfad in weniger als einer Stunde erreichbar“, heißt es da.

„Ohne einen positiven Effekt für Neidlingen ginge die Lebensqualität zurück und die Dorfidylle verloren“

Die Gutachter haben auch die erwarteten Hauptverkehrsströme aufgezeigt. Demnach würden 59 Prozent aus der Region Stuttgart anreisen: Über die A 8 bis zur Ausfahrt Aichelberg, von dort durch Weilheim und durch Neidlingen bis zum Ziel. Auf Wiesensteig selbst kämen mit 23 Prozent nicht einmal halb so viele Fahrten zu, über die Albhochfläche (über Schopfloch im Kreis Esslingen) immerhin noch 18 Prozent.

Das Gutachten bestätigt somit die düstere Ahnung von Johannes Züfle, Bürgermeister von Weilheim, und Rolf Kammerlander, Bürgermeister von Neidlingen. Kammerlander hält den Baumwipfelpfad selbst „für durchaus attraktiv für Familien“, eine Verdoppelung des Verkehrsaufkommens in Neidlingen von 1800 auf dann 3600 Fahrzeuge an Spitzentagen aber für schlicht untragbar: „Ohne einen positiven Effekt für Neidlingen ginge die Lebensqualität zurück und die Dorfidylle verloren.“ Beide Bürgermeister waren skeptisch: „Rein rechtlich wären wir in keinem Verfahren dabei“ Denn das notwendige Bebauungsplanverfahren würde von Wiesensteig aus betrieben, die Flächennutzungsplanänderung von der Region, das naturschutzrechtliche Verfahren vom Kreis Göppingen, und für Vogelschutz und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie ist das Regierungspräsidium zuständig. Nun haben sich alle diese Verfahren erledigt.

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