IHK-Präsident Herbert Müller. Foto:  

Herbert Müller ist bei der Wahl zur Vollversammlung durchgefallen – Rebellen wollen einen eigenen Kandidaten aufstellen.

Stuttgart - Größer hätten die Gegensätze kaum sein können. Während im Forum 3 in der Stuttgarter Innenstadt die Korken knallten, herrschte anderswo Enttäuschung pur. Hier feierte die Kaktus-Gruppe, die angetreten war, um die Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart umzukrempeln, eine Wahlparty; dort konnte der IHK-Präsident Herbert Müller das Ergebnis des Tages kaum fassen. Bei der Wahl zur Vollversammlung, dem Parlament der regionalen Wirtschaft, war er durchgefallen. Die Rebellen dagegen feierten ein überraschend gutes Ergebnis.

Müller wird künftig nicht mehr in der Vollversammlung sitzen. Damit kann er eigentlich auch nicht mehr als Präsident kandidieren. Doch die Formalien der IHK lassen möglicherweise ein Schlupfloch zu. Die 100 Köpfe starke Vollversammlung kann bis zu weitere 20 Mitglieder bestimmen, die kooptiert, also dazugeholt werden. Sollte Müller in diese Gruppe fallen, könnte er erneut als Präsidentschaftskandidat für die nächsten vier Jahre antreten.

„Um Präsident zu sein, muss man der Vollversammlung angehören“, sagt der IHK-Hauptgeschäftsführer Andreas Richter. Ob und wer kooptiert wird, darüber entscheide die Vollversammlung selbst. Normalerweise wird diese Option gezogen, wenn die Wirtschaftsvertreter das Gefühl haben, dass gewichtige Branchen oder auch Unternehmen unterrepräsentiert sind. Dass jemand, der per Kooptation in die Vollversammlung kommt, später zum Präsidenten gewählt wird, kommt laut Richter „gar nicht so selten vor“. Diese Möglichkeit bleibt ­Müller also offen.

Nicht nur Müller ist durchgefallen

Ob er sie auch wahrnehmen will, steht auf einem anderen Blatt Papier. „Ich habe eine Sondersitzung des Präsidiums für Mitte Oktober angesetzt“, sagt Müller, der als Bevollmächtigter der Unternehmensberatungsgesellschaft Ernst & Young zur Wahl angetreten war. Dabei wolle er hören, wie die Stimmung ist. Er selbst sei sehr enttäuscht und mache sich einige Gedanken, für eine Entscheidung seien die Ereignisse aber „noch zu frisch“. Er müsse das Ergebnis jetzt zunächst einmal hinnehmen, wie es ist.

Aus dem bisherigen Präsidium ist nicht nur Müller durchgefallen. Von den anderen zehn Mitgliedern und zehn Stellvertretern sind weitere drei abgewählt worden, darunter Ferdinand Piëch, Sohn des gleich­namigen VW-Aufsichtsratsvorsitzenden. Der Beratungsbedarf wird also groß sein. Zeit bleibt dafür genug. Die neue Vollversammlung wird erst im Februar das erste Mal zusammentreten. Das jetzige Präsidium muss allerdings dem   alten Parlament bis Dezember einen Vorschlag über einen Präsidenten unterbreiten. „Es gibt zwei Möglichkeiten“, sagt Müller. „Entweder man will am alten festhalten und geht den Weg über eine Kooptation, oder eine Findungskommission sucht einen neuen Kandidaten.“

Rebellengruppe hat bei der Wahl ihr eigenes Ziel von 20 Sitzen übertroffen

Konkurrenz wird es auf jeden Fall geben. Die Kaktus-Gruppe will „einen eigenen Kandidaten oder eine Kandidatin aufstellen“, sagt Clemens Morlok. Der Ditzinger ist wie 21 Kollegen in die Vollversammlung gewählt worden. Alle wollen sich für mehr Transparenz, besseren Service für kleine Unternehmen und gegen die gesetzliche Pflichtmitgliedschaft in der IHK einsetzen. „Wir kennen ja die anderen Mitglieder der Vollversammlung noch nicht persönlich, hoffen aber, dort noch viele von unseren Zielen überzeugen zu können“, so Morlok. Und damit auch von einem eigenen Kandidaten.

Die Rebellengruppe hat bei der Wahl ihr eigenes Ziel von 20 Sitzen übertroffen. Rechnet man die fünf Bezirkskammern hinzu, haben sie insgesamt 33 Kandidaten untergebracht. „Darüber sind wir sehr glücklich“, sagt Morlok. Allerdings ist die Wahlbeteiligung erneut sehr gering gewesen. Sie lag bei 10,68 Prozent – damit aber immerhin gut zwei Prozentpunkte höher als bei der ­vergangenen Wahl.

Die niedrige Wahlbeteiligung hat es in den Augen von Präsident Müller auch möglich gemacht, ihn durchfallen zu lassen. „Das war sicher das Ziel der Kammergegner“, mutmaßt er. In seiner Berufsgruppe haben lediglich 1600 der 17 000 Unternehmen abgestimmt. Die Kaktus-Gruppe holte dort fünf von neun Sitzen, weil sich viele Kleinfirmen darunter finden und sie dort viel Werbung gemacht hatte. Angesichts der 160 000 Gesamtmitglieder der IHK sagt Müller: „Ein Prozent von 160.000 hat den Präsidenten rausgekegelt.“ Was das für seine Zukunft bedeutet, bleibt zunächst offen.

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