Nils Körner (rechts) und Patrick Henry Nagel arbeiten seit 2018 als Haus Otto zusammen Foto: Julia Sang Nguyen

Ein Regal ist ein Regal? Nicht für das Stuttgarter Duo Haus Otto. Design? Kunst? Nils Körner und Patrick Henry Nagel ziehen in der Galerie Parri Blank alle Verwandlungsregister.

Ikeas „Billy“-Regal ist längst globales Kultobjekt. Aber ist es auch ein Objekt an sich und damit Kunst? Nils Körner und Patrick Henry Nagel umgehen die Frage auf ihre Art – charmant, aber doch Distanz provozierend und unmissverständlich im Anspruch. „Furniture Paintings“ taufen Körner und Nagel das Ergebnis – zu sehen aktuell in der Galerie Parri Blank in Stuttgart (Immenhofer Straße 47).

 

Haus Otto nutzt gefundene Materialien

Nicht nur der Begriff „Furniture Paintings“ ruft Erinnerungen wach. Die Verwandlungen von Sperrholz- und PDF-Elementen aus der industriellen Möbelproduktion beziehungsweise das Nutzen der Materialien an sich führt mitten hinein in eine vergangene Lust Stuttgarts am Konzept. Und damit auch mitten hinein in die vergebene Chance, die einstigen Räume der Galerie Achim Kubinski in der Olgastraße 109 – unter anderem mit eigens entwickelten Werken von Imi Knoebel – stolz zum begehbaren Schaufenster jüngerer Kunstgeschichte zu machen.

Skulptur? Beistelltisch? Haus Otto spielt mit Begriffen, Materialien und Funktionen Foto: Haus Otto

In der Gegenwart aber haben Nils Körner und Patrick Henry Nagel sich längst selbst eine Marke geschaffen. 2018 als Designstudio gestartet, ist ihr „Haus Otto“ Büro, Denkmodell und Bühne in einem. Wirkt hier der Dreiklang der Kunstakademie Stuttgart mit den Feldern Design, Architektur und Kunst nach? Körner (1992 geboren) und Nagel (1993 geboren) lenken die Aufmerksamkeit sanft aber präzise auf „unsere Themen“. Die da sind? Offiziell „die Rolle von Dingen innerhalb von Produktions- und Konsumsystemen“.

Und also verwandeln sie sich, die Schubladen, Rückwände und Seitenwände. Werden Objekte wie ein nun absichtsvoll absichtslos positionierter Beistelltisch, werden Bodenskulpturen wie ein auch als Teppich oder gar Liegefläche nutzbares Geflecht, werden Bilder. Eine Prise Humor darf nicht fehlen, und so darf man sich bei einer vielfach verwendbaren „Dead Corner“ zwar an Joseph Beuys’ Fettecken erinnern, zugleich aber brechen Körner und Nagel bei dieser Neuformierung von Produktionsresten mit der eigenen Perfektion. Eine Unschärfe kommt ins Spiel, die wie selbstverständlich das Haus Otto-Gesamtszenario bei Parri Blank buchstäblich aus der hintersten Ecke neu aufrollt.

Haus Otto spielt mit Materialien und Ebenen

Man ahnt den Verlauf, wenn Nils Körner und Patrick Henry Nagel auf kleinste Verschiebungen aufmerksam machen, Schubladeneingriffe als reale Eingriffe auftreten lassen, fast euphorisch auf Oberflächenunschärfen hinweisen. Zeichnung wird hier Skulptur, Objekt, Bild – aber eben auch umgekehrt. Zellstoff verdichtet sich, entwickelt eigene Körperlichkeit und löst sich in überraschend Zeichnerischem auf.

Bei Parri Blank: Haus Otto, Five Draws, 2025 Foto: Haus Otto

„Mich faszinieren diese Verwandlungen total“, sagt Carla Benzing, die – gemeinsam mit Simon Nalbatow – unter dem Signet Parri Blank in der einstigen Produktionsetage einer Druckerei weit mehr als einen Ausstellungsraum schaffen will. „Ganz unterschiedliche Menschen“ möchten Benzing und Nalbatow in der Immenhofer Straße 47 in Stuttgart „zusammenbringen“ – an diesem Samstag, 18. Januar, etwa von 10 bis 13 Uhr bei einem weiteren Termin in der Parri Blank-Reihe „Coffee & Croissants“.

Haus Otto als Herausforderung für den Ort Galerie

Zur „Frage, was eine Galerie heute überhaupt sein kann“ (Carla Benzing) passt die aktuelle Haus-Otto-Präsentation zum Stand der (Kunst-)Dinge denn auch perfekt. Mehr noch aber: Die „Billy“-Wiedergeburt als Wandobjekt provoziert auch einen neuen Blick auf die bisherigen Raumkonzeptionen von Haus Otto. Ein „Warteraum“ etwa bleibt im Rückblick eben dies – und doch nimmt man die skulpturale Qualität der Elemente wie des Gesamtszenarios noch einmal anders war.

Haus Otto noch bis zum 23. Januar bei Parri Blank

Noch bis zum 23. Januar zu sehen, schärft das Haus-Otto-Prinzip von Dekonstruktion und Neuanordnung die Sinne. Und obwohl die Schau zum Ensemble-Denken verleitet: Auch ein einzelnes „Furniture Painting“ aus zwei vormaligen Schubladenvorsätzen (1500 Euro) bringt die Haus-Otto-Idee aktueller konzeptuell-konkreter Kunst überzeugend in die eigenen vier Wände – überraschende Materialpoesie inbegriffen.