Spielen Geschichte auf der Bühne und unterhalten vorzüglich: Aron Kelata, Diana Gantner, Amelie Sturm, Sorina Kiefer, Benjamin Hille (v.l.). Foto: Tobias Metz

Murat Yeginer erzählt in „Bei mir warst du schön“ in der Komödie im Marquardt die Geschichte der Andrew Sisters und lässt sie gegen Rassismus rebellieren.

Schwestern waren sie tatsächlich, LaVerne Sophie, Maxene Angelyn, Patricia Marie. Geboren wurden sie zwischen 1911 und 1918 in Minnesota. Ihr Manager wird es ihnen sagen: „Ihr singt für Rednecks. Euer Publikum ist der weiße Mittelstand. Ihr seid Mainstream.“ Auf sehr alten Fotos, schauen sie kess in die Kamera, nie ohne ein strahlendes Lächeln, vorzüglich frisiert und kostümiert. Die Andrew Sisters waren Superstars ihrer Zeit, und manch einen Hit, den sie vor mehr als 80 Jahren trällerten, hat man heute noch im Ohr: „Rum and Coca Cola“, oder: „Bei mir bist du schön“.

 

Durchbruch im konservativen Amerika

„Bei mir warst du schön“, so heißt der nostalgisch-musikalische Schwank, die Uraufführung, mit der die Komödie im Marquardt ihre Spielzeit eröffnet. Murat Yeginer inszenierte am selben Ort bereits „Das Fräulein Wunder“, Spielzeitauftakt 2023, in nahezu identischer Besetzung: Amelie Sturm, Diana Gantner und Sorina Kiefer spielten drei Damen der Stuttgarter Nachkriegszeit, die diese Trübsal als swingendes Trio aufmischten – zu ihrem Repertoire gehörte bereits „Bei mir bist du scheyn“, das Stück, das den Andrew Sisters 1937 den Durchbruch brachte. Auch Benjamin Hille war damals mit dabei – als Organisator eines Swing-Festivals. Nun ist er vor allen Dingen Dave, der die Sisters als Manager durch ihre Karriere begleitet.

Dave ist nicht die einzige fiktive Figur, die Murat Yeginer, Autor und Regisseur, dem Trio zur Seite stellt. Graham ist Hawaiianer, Person of Colour, und bringt den Rassismus ein als Nebenthema. Yeginer bündelt in ihm mehrere Komponisten, denn Graham schrieb, so behauptet es das Stück, für die Andrew Sisters Hits wie „Mele Kalikimaka“, im Original von Robert Alexander Anderson, und „Unforgettable“, komponiert von Irving Gordon für Nat King Cole.

Und Graham liebt Patty, Patty liebt Graham. Offensichtlich, unausgesprochen. „Jede Sekunde von unserem Glück würde getrübt vom Hass der Menschen, die es uns nicht gönnen würden“, sagt er und wendet sich ab. Sein Vater stirbt beim Angriff auf Pearl Harbor. Aron Keleta, in der vergangenen Spielzeit bei „Ladies Night“ erstmals auf Stuttgarter Bühne, spielt Graham frisch und klar konturiert. Das Schicksal der Juden kommt durch den größten Hit der Andrew Sisters mit ins Spiel: „Bei mir bist du schön“ wurde ursprünglich für ein erfolgloses jiddisches Musical geschrieben, die Autoren erhielten ein geringes Honorar. Die Schwestern lachen, im Stück, noch sehr herzlich über den Diktator, der mit einem Charlie-Chaplin-Bart die Welt erobern möchte.

Leben in Liedern

Amelie Sturm ist LaVerne, Diana Gantner Maxene, Sorina Kiefer Patty. Sie glänzen, harmonieren, begeistern als Sängerinnen, schwärmen umher in purpurnen Chiffon-Kleidern oder grünen Damen-Uniformen beim Truppenbesuch (Bühne und Kostüme: Anike Sedello). Benjamin Hille ist allzeit um sie – als Manager Dave, als Trompeter, als Pfarrer. In dieser Rolle, mit einer sehr konservativ amerikanischen Rede im Munde, wird er von den Schwestern gewissermaßen zum Teufel gejagt. Dass Hille später dann mit Dean Martin keine Ähnlichkeit besitzt, auch nicht den lässig hochprozentigen Ton in der Stimme, macht er durch eigenen Charme und eigene Stimme wett und singt mit den Stuttgarter Andrew Sisters eine flotte Version des Evergreens „Memories are made of this“.

Erzählt wird die Geschichte im Blick zurück. LaVerne erlag 1967 einem Krebsleiden, Maxene starb 1995. Patty folgte ihnen 2013. Sie ist es, die letzte der Andrew Sisters, die auf der Stuttgarter Bühne im Gehwagen zu swingen beginnt, wenn die Vergangenheit vor ihr aufsteigt, sich dann wieder mühselig in ihren Sessel hievt. In ihrer Vorstellung singt sie mit ihren Schwestern ihre größten Hits noch einmal, kehrt eine Zeit wieder, in der die Musik harschen Widerständen trotzte, die Lebensfreude feierte, dem Krieg und dem Rassismus trotze. Patty träumt sich ihre Schwestern auch herbei, um mit ihnen Lieder neueren Datums zu singen – die Vorstellung beginnt und endet mit Queen: „I want to break free“ steht ganz am Anfang, „The Show must go on“ kommt zuletzt.

„Bei mir warst du schön“ ist, mit knapp 80 Minuten, ein recht kompaktes Stück. Das allein bleibt hier zu bemängeln: Die Andrew Sisters haben mehr als 700 Titel eingespielt. Murat Yeginer komprimiert ihr Repertoire und die Zeitgeschichte, die sie durchlebten, auf einige Schlaglichter. Amelie Sturm, Diana Gantner und Sofia Kiefer präsentieren das Ergebnis mit ausgiebigem Lächeln und bringen Schwung in die Komödie.

Weitere Termine bis 16. November.