Was kostet die Freiheit? Banu Cennetoglu Arbeit „Being safe is scary“ Fridericianum. Foto: Haupt und Binder

Die aktuelle Documenta 14 bietet Spaziergänge an, bei denen alle das auf den Kopf gestellt wird, was im Kunstbetrieb wichtig ist.

Kassel - Gelohnt hat es sich auf jeden Fall. Zwei Tage sind die Freundinnen durch Kassel gezogen, waren in der Neuen Hauptpost und im Fridericianum, haben sich im Landesmuseum und in der Innenstadt Kunst angeschaut. Jetzt verschnaufen die jungen Frauen auf den Treppen des „Parthenon der Bücher“ und ziehen Bilanz: Anstrengend sei die „d14“, sagt die 29-jährige Galeristin aus Berlin, sehr politisch, „aber in Anbetracht der heutigen Zeit finde ich das gut und wichtig“. Trotzdem war sie von den aktuellen Skulptur Projekten Münster mehr beeindruckt, zumal der Eintritt dort sogar frei sei. „Die Documenta ist dann doch sehr teuer“. 38 Euro für zwei Tage.

Am 17. September geht die Documenta 14 in Kassel zu Ende – und der künstlerische Leiter Adam Szymczyk und sein Team müssen sich nicht grämen über das zum Teil vernichtende Presseecho. Es läuft gut, sehr gut sogar. Vermutlich wird man nach den legendären 100 Tagen alle Publikumsrekorde knacken, vor fünf Jahren kamen 905 000 Besucherinnern und Besucher.

Es ist ein internationales Völkchen, das derzeit bei jedem Wetter durch Kassel marschiert oder zwischenrein auch mal aufs Leihfahrrad steigt. Man spricht Französisch, Spanisch, Japanisch – und die Künstlerin, die mit einer Freundin aus Taiwan angereist ist, kann zumindest ein paar Sätze Englisch. Die beiden waren erst auf der Biennale in Venedig, jetzt stehen vier Tage Kassel auf dem Programm. Begonnen haben sie ihre Tour wie die meisten im Fridericianum, wo zeitgenössische Kunst aus Athen ausgestellt ist. „Richtig verstanden“, sagt die Künstlerin, hätte sie das aber nicht.

Der sogenannte Chor besteht aus Fachfremden – wie dem Studenten Emin Günaydin

Vor der Documenta-Halle begrüßt Emin Günaydin die Gruppe, mit der er nun zwei Stunden lang Kunst betrachten wird. Er warnt gleich vorab – manchmal seien Besucher enttäuscht von seinem Rundgang. Denn die Documenta „d14“ praktiziert, was viele Museen in Angst und Schrecken versetzt: Hier erklären nicht etwa Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern in Führungen, was man zu sehen hat und wie etwas zu deuten ist, sondern es wurde ein Chor eingesetzt, der dezidiert aus Fachfremden besteht.

Genau das hat Emin Günaydin interessiert. „Die Documenta“, sagt er, sei gerade deshalb so erfolgreich, „weil den Experten die Hoheit entzogen wird“. Er ist auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen, studiert in Kassel Soziologie und Philosophie, und so ehrfurchtsvoll, wie er von „Kunstwerk“ spricht, hat man den Eindruck, dass er von Bildender Kunst herzlich wenig Ahnung hat. Das muss er auch nicht. Denn die Chormitglieder sind bei ihren Spaziergängen eher Moderatoren, die die Gruppe zum Reden bringen sollen. Er sei „Taktgeber“, wie er es nennt, und wolle „Gedanken und Eindrücke teilen“. Nur eine Regel gibt es: „Verzichten Sie bitte auf die Kategorien gut und schlecht, richtig und falsch.“

Das Konzept geht auf. Die Gruppe kommt sofort ins Gespräch und überlegt, in welchen Sprachen auf den bunten Fahnen am Friedrichsplatz „Wir (alle) sind das Volk“ steht. Beim Parthenon der verbotenen Bücher weiß jemand, warum Goethes „Werther“ einst auf den Index kam. Es entsteht eine leidenschftliche Debatte darüber, dass die Documenta-Leitung Hitlers „Mein Kampf“ entfernt hat, das „Manifest“ von Marx und Engels aber nicht. Als jemand erklärt, das hier doch letztlich jene Werke hingen, die „wir alle in der Schule gelesen haben“, fragt der Chorleiter stirnrunzelnd „alle?“ zurück. Aber die Frau besteht darauf: Thomas Mann, Bertolt Brecht, Franz Kafka – „das haben wir alle gelesen.“

Das Kunstpublikum soll auf den richtigen Weg geführt werden

In fünf Workshops wurde den Chormitgliedern das Konzept erklärt. Emin Günaydin hatte bisher wenig mit Kunst am Hut, aber durch seine „kritische Herangehensweise“ schaue er aus einem anderen Blickwinkel auf die Kunst. Außerdem habe er durch seine türkische Abstammung „eine Minderheitenperspektive – wie viele der ausgestellten Künstler auch.“

Der Student nimmt seine Sache sehr ernst. Er will die Erfahrungen mit den Spaziergängern nicht nur als Hausarbeit im Fach Soziologie verarbeiten, sondern das Kunstpublikum auch auf den rechten Weg führen. Bei den Indigo-Pflanzen, die in der Documenta-Halle in Töpfen wachsen, einer Installation von Aboubakar Fofana, lenkt er das Gespräch auf den Kolonialismus und die Schattenseiten der Jeansproduktion. Bei Miriam Cahns existenziellen Bildern sagt er „Das Gesicht passt nicht zum Rest des Gemäldes“ – aber gerade weil er ohne die üblichen Phrasen auskommt und eher nach den politischen Hintergründen und den Lebensumständen der Künstlerinnen und Künstler fragt, entwickelt sich ein interessanter Austausch – nicht über Kunst und Kunstgeschichte, sondern über Demokratie, Ausbeutung oder Flucht.

Aktuelle Themen aus künstlerischer Sicht

Von den geborstenen Flüchtlingsbooten, die der mexikanische Künstler und Komponist Guillermo Galindo in Musikinstrumente umfunktioniert hat, ist die Gruppe besonders angetan. Die meisten Teilnehmer sind Mitarbeiter der Diakonie Frankfurt und haben tagtäglich mit Flüchtlingen zu tun – und deshalb einen Betriebsausflug nach Kassel unternommen. Sie interessiere, wie auf der Documenta Fragen zu Demokratie, Gerechtigkeit, Flucht verhandelt werden, erklärt eine Frau, „und das nicht theologisch, nicht sozialpädagogisch, sondern künstlerisch aus der Erfahrung von Künstlern heraus.“ Für sie habe sich die Reise nach Kassel schon deshalb gelohnt.

Nach zwei Stunden sind alle ermattet, aber dem Geist dieser Documenta ein gutes Stück näher gekommen. Es ist bezeichnend, dass Emin Günaydin die Namen der Künstler wenn überhaupt, dann nur am Rande erwähnt. Denn Kunst ist hier ein Mittel, um ins Gespräch zu kommen, um Diskussionskultur zu üben und zu reflektieren – aber nicht wie üblich über Kunst, Markt und Mythos, sondern über aktuelle gesellschaftliche Fragen. Wobei es ganz nebenbei auch durchaus lehrreich ist, ausnahmsweise auf die Kategorien gut und schlecht, richtig und falsch zu verzichten. Selbst wenn es nur für zwei Stunden ist.

Bis 17. September,
geöffnet täglich von 10 bis 20 Uhr, die Spaziergänge kosten zwölf Euro zuzüglich Eintritt und können im Internet gebucht werden unter www.documenta.de
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: