Künftig soll es keine Umwege mehr geben – nicht nur für Rollstuhlfahrer. Foto: dpa

Im Teilhabebeirat beraten geistig Behinderte die Politik. Die Aufgabe, ihre Belange zu berücksichtigen, ist gesetzliche Pflicht. Die Bewältigung hat erst begonnen.

Böblingen - Die Zeit zerrt niemandem an den Nerven an diesem Nachmittag. Für zwei Stunden verlangsamt sich alles in dem Saal, in dem sonst die Ausschüsse des Kreistags ihre Beschlüsse fällen: Bewegungen, Sprache, Gedanken. Der Teilhabebeirat tagt. Er soll „den Schwächsten eine Stimme geben“, sagt Reinhard Hackl, der Behindertenbeauftragte des Kreises. Dreimal jährlich versammeln sich Menschen, die anders denken als der Durchschnitt, um über Kreispolitik mitzubestimmen. Sie sind geistig behindert. Das Plenum belohnt nahezu jeden Redebeitrag mit Beifall, am anhaltendsten diese These: Würde die Waffenproduktion eingestellt, gäbe es reichlich Geld, um Bahnhöfe behindertengerecht umzubauen.

Die Arbeit des Beirats werde im Kreistag „durchaus gehört und gewürdigt“, sagt Hackl. Der flächendeckende Umbau von Bushaltestellen, eine Internetkarte zur Barrierefreiheit zähle zu seinen Verdiensten. Im Fall des Falles sei die Meinung Betroffener auch finanziell wertvoll. Im Rems-Murr-Kreis „ist ein modernes Krankenhaus nicht behindertengerecht“, sagt Hackl. Ein solcher Fehler soll sich beim Bau des Flugfeld-Klinikums nicht wiederholen.

8,5 Prozent der Baden-Württemberger sind betroffen

Integration, Inklusion, Teilhabe – die Schlagwörter wechseln, die Aufgabe bleibt, sie ist gesetzlich verankert. Ihre Bewältigung hat erst begonnen, ihre Dimension offenbart die Statistik: Rund 930 000 Baden-Württemberger sind als behindert erfasst, 8,5 Prozent der Bevölkerung. Ihnen jedwede Beteiligung am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, ist Pflicht. Ihr verdankt Hackl seinen Arbeitsplatz wie vier Kollegen in umliegenden Landkreisen. Die Stadt Stuttgart und der Kreis Ludwigsburg lassen die Aufgabe noch im Ehrenamt erledigen.

Auf der Teilhabe wächst auch ein Wirtschaftszweig. An diesem Nachmittag ist Christian Nolte Sitzungsgast. Er arbeitet für die 1 A Zugang. Die Firma berät zur Barrierefreiheit in jeder Hinsicht. Nicht nur Treppen sollen fallen. Aktuell hat Nolte die neue Geschäftsordnung des Beirats in leicht verständliche Sprache übersetzt. 20 Millionen Deutsche, sagt er, seien unfähig, Texte auf dem Niveau der Bild-Zeitung zu erfassen. Vorschulkinder abgezogen, wäre demnach mehr als ein Viertel der Bundesbürger dem Analphabetismus nahe. „Nehmen Sie die Antibabypille? Dann sollten Sie nicht rauchen.“ So wäre laut Nolte die für jederfrau verständliche Medikamenten-Warnung zu formulieren.

Die 1 A Zugang ist eines von drei Unternehmen, die sich unter dem Markenzeichen „Campus Mensch“ zusammengeschlossen haben. 2016 setzten sie gemeinsam 95 Millionen Euro um. Die 1 A Zugang ist mit 16 Mitarbeitern die mit Abstand kleinste der Firmen, aber sie entwickelt sich vielversprechend. 2014 gegründet, verneunfachte sie binnen drei Jahren ihren Jahresüberschuss auf 185 000 Euro. Ein guter Teil davon stammt aus Steuerkassen. Der nächste öffentliche Auftrag ist ein Spezialproblem: Wie soll das Landratsamt Blinden Informationen übermitteln, denen niemand vorliest? Selbst die Musikkassette wird erwogen. Amtsdokumente jedem zugänglich zu machen, zählt zu den neuen Pflichten. „Es geht auch um eine kostengünstige Lösung“, sagt Hackl. Der Etat für die Eingliederung Behinderter ist innerhalb von zehn Jahren um gut 60 Prozent gestiegen.

Den Beirat bewegt, was andere Gremien auch diskutieren

Im Teilhabebeirat bricht Ärger über die Bahn aus: Oft vergehen Wochen, manchmal Monate, bis deren Aufzüge repariert sind. Der Vorsitzende Utz Mörbe wird einen Brandbrief unterschreiben mit der Forderung, dass die Frist auf einen Tag zu verkürzen ist. Auch ansonsten bewegt den Beirat, was in anderen Gremien ebenfalls diskutiert wird: Wohnungen, Arbeitsplätze, Freizeitangebote. Arbeitsgruppen für Jugendliche und Erwachsene sind gegründet worden. Die Mitglieder haben an ihren Wohnorten, in Behindertenwerkstätten und Schulen Meinungen erfragt. Das Ergebnis ist insgesamt freundlich, nach Schulnoten eine Zwei: Es ist gut, auch wenn es besser sein könnte.

Etwas mehr als die Hälfte aller Betroffenen im Landkreis lebt selbstständig in der eigenen Wohnung oder benötigt nur ambulante Hilfe. Dies entspricht dem Landesschnitt. Ein Dauerproblem bleibt der Wunsch, auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzukommen. „Da muss auf jeden Fall etwas gemacht werden“, stellt Mörbe fest, der Vorsitzende. Zahlen zum Thema „sind ganz schwer zu bekommen“, sagt Hackl.

Was in den Erfolgen begründet sein mag. 2016 „lag die Übergangsquote aus Werkstätten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt in Baden-Württemberg bei unter 0,5 Prozent“, stellte der Kommunalverband Jugend und Soziales fest. Woran auch Sonderbemühungen des Landes wenig änderten. Bereits 2005 begann die „Aktion 1000“. 2900 Betroffene, meist Sonderschüler, kamen mit ihrer Hilfe bei einem Unternehmen unter – in zwölf Jahren. Diese Zahl, so stellen es die Initiatoren selbst fest, „ist sicherlich steigerungsfähig“.

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