Glücklich vereint: Martina Pfauth und Rudolf Bauer Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

27 Jahre sind sie schon zusammen, am Wochenende haben sich Rudolf Bauer und Martina Pfauth das Jawort gegeben. Doch es ist eine Hochzeit, wie es sie nur selten gibt – denn Braut und Bräutigam sind geistig behindert.

Stuttgart - Rudolf Bauer hat lange überlegt. Soll er seine Martina fragen, ob sie ihn heiraten möchte? Immerhin sind sie schon seit 27 Jahre lang ein Paar. „Eines Nachts ­habe ich es mir ganz fest vorgenommen“, erzählt Bauer. Martina möchte. Irgendwann geht er los und kauft zwei Ringe. „Martina hat das gar nicht mitbekommen“, sagt er und lacht. Das war vor anderthalb Jahren. Nun steht Rudolf Bauer auf seiner Hochzeitsfeier und sagt: „Ich bin wirklich der glücklichste Mann der Welt.“ Denn an diesem heißen Samstagnachmittag im Juli wollen sich Martina Pfauth, 49, und Rudolf Bauer, 51, vor rund 100 Gästen das Jawort geben.

Die Hochzeit der beiden ist keine Selbstverständlichkeit. Rudolf Bauer hat das Downsyndrom, und auch Martina Pfauth ist geistig behindert. Zwar steht es geistig ­behinderten Menschen in Deutschland grundsätzlich offen zu heiraten. Dennoch erfordert dieser Schritt von einem Paar viel Mut. „Sie gehören einer Generation an, die in solchen Dingen kaum Selbstbewusstsein hat“, sagt Stefanie Krämer, die bei der Stuttgarter Lebenshilfe das Haus am Probstsee leitet. Dort wohnt das Paar. So sei es auch für die Lebenshilfe die erste Hochzeit. „Ich habe mich riesig gefreut“, sagt Stefanie Krämer. Für sie ist der Ehewunsch der beiden eigentlich ganz normal.

Deshalb hat sich die Lebenshilfe ins Zeug gelegt und im Garten der Wohnanlage in Stuttgart-Möhringen ein großes Partyzelt aufgebaut. Die Familie der beiden ist da, ­einige Bewohner der Anlage, Freunde des Brautpaars und ein paar frühere Lehrer. Es gibt einen Tisch für die Geschenke, auf einem anderen steht das üppige Kuchenbüfett. Ein Hochzeitsfotograf schießt von allen Gästen Fotos durch einen Bilderrahmen. Schließlich hatte sich das Brautpaar ein großes Fest gewünscht.

Die Zeremonie beginnt mit dem Hochzeitsmarsch. Ohne Kleid, aber ganz in Weiß, kommt die Braut am Arm ihres Onkels zum provisorischen Altar. Der Bräutigam trägt ein türkisfarbenes Hemd und eine blaue Krawatte. Die zwei nehmen vor Pfarrer Jochen Klein Platz, er wird sie trauen. Wirklich nervös wirkt das Brautpaar nicht. Den Pfarrer kennen sie immerhin schon: Klein ist von der Freikirche Vaihingen, die einmal im Monat mit den Hausbewohnern Gottesdienst feiert. Eine standesamtliche Hochzeit war im Fall von Pfauth und Bauer aus rechtlichen Gründen nicht möglich, für die beiden aber auch zweitrangig. „Die beiden wollten ausdrücklich eine Hochzeit, bei der Gott nicht ausgeklammert wird“, sagt Pfarrer Klein. So endet die Zeremonie mit den Worten: „Ich erkläre euch zum Ehepaar vor dem Angesicht Gottes.“ Schüchtern drückt die Braut dem Bräutigam einen Kuss auf die Wange.

Nach der Zeremonie stehen beide unter den Obstbäumen im Schatten und nehmen Glückwünsche entgegen. Rudolf Bauer strahlt. „Ich bin der glücklichste Mann der Welt“, sagt er wieder und wieder. Und: „Ich fühle mich geadelt.“ Auf die Frage nach dem Warum deutet er auf seine Martina, schaut vielsagend und erwidert, dass man das mit Worten nicht beschreiben könne.

Dass sich nun etwas für sie ändert, ­glauben die beiden aber nicht. Immerhin haben sie schon vor drei Jahren eine gemeinsame Wohnung bezogen. Bauer und Pfauth kennen sich seit dem Kindergarten, gingen später auch zusammen zur Schule. Ein Paar wurden sie aber erst, als sie Ende der achtziger Jahre in die Wohnanlage am Probstsee zogen.

Auch bei den Hochzeitsgästen ist die Freude groß. „Ich bin begeistert, dass sie ihr Eheversprechen ganz offen kundtun wollten“, sagt Pfarrer Klein. Auch er habe zuvor noch kein geistig behindertes Paar getraut. Reinhard Bratzel, Geschäftsführer der Lebenshilfe, sagt: „Es ist großartig, dass es endlich ein Paar anpackt.“ Sie stelle sich schon auf weitere Hochzeiten ein, sagt Stefanie Krämer und lacht. Inge Pfauth, die Mutter von Martina, strahlt ebenfalls zufrieden. Überrascht hat sie die Hochzeit aber nicht: „Ich habe es vermutet, Martina hat immer so gestrahlt, wenn sie von Rudolf erzählt hat.“

Die nächste Herausforderung für das Brautpaar rückt bereits in greifbare Nähe. Bald werden sie in eine größere Wohnung umziehen, nach Weilimdorf. Sorgen müsse man sich um die zwei aber nicht machen, sagt Inge Pfauth. Denn: „Die beiden können einfach nicht ohneeinander.“