Mathe, Bilanzen, Umschlaghäufigkeit: Der Lehrer Ali Daghighi hilft Azubis bei ihren Schwierigkeiten. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Sprachprobleme und schlechte Noten – für viele Azubis eine Hürde auf dem Weg zum Abschluss der Lehre. Die assistierte Ausbildung hält gezielt dagegen. Wie funktioniert sie?

Elyas Taghinian ist nicht auf den Mund gefallen. Freimütig erzählt der freundliche junge Mann mit dem braunen Lockenkopf und den großen dunklen Augen von seinen Lernproblemen: „Ich hatte reihenweise schlechte Noten in meinen Klassenarbeiten an der Berufsschule“, sagt der 25-Jährige. Seine Schwachpunkte: Gemeinschaftskunde, Wirtschaft und Fachkunde.

 

Sein Meister bei Netze BW kam auf ihn zu und erzählte ihm von einer besonderen Form der Nachhilfe, der assistierten Ausbildung, einem Programm der Bundesagentur für Arbeit, bei dem Ausbildungsbegleiter helfen, eine Ausbildung abzuschließen, inklusive sozialpädagogischer Betreuung.

Besondere Form der Nachhilfe für Azubis

Elyas Taghinian ging einmal pro Woche nach der Arbeit zu der Förderung, die in Stuttgart von der Deutschen Angestellten Akadamie (DAA) und dem Internationalen Bund (IB) angeboten wird. Mit Erfolg: Im Februar legte der Hauptschüler die Gesellenprüfung als Anlagenmechaniker ab. „Jetzt möchte ich mal arbeiten, Erfahrungen sammeln. Später mache ich vielleicht meinen Meister“, meint er selbstbewusst.

Anlagenmechaniker Elyas Taghinian: „Erst mal arbeiten und später vielleicht den Meister machen.“ Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Und der Erfolg des jungen Mechanikers bei Netze BW ist kein Einzelfall. Auch Klodiana Lepuroshi, die bei Dr. Eckert arbeitet, ein Unternehmen, das unter anderem Bahnhofsläden für Presse und Tabakwaren betreibt, strahlt, wenn sie von ihrer im Sommer erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung zur Verkäuferin erzählt.

Assistierte Ausbildung: für Azubis und Betriebe kostenlos

Bevor die 23-Jährige vor zwei Jahren aus Albanien nach Stuttgart kam, hatte sie sich per Videoplattform Youtube Deutsch beigebracht. Für das Visum habe das gereicht. „In der Berufsschule hatte ich aber in Deutsch, Gemeinschaftskunde und Mathe Probleme“, erzählt sie. Ihr Betrieb habe sie daraufhin auf das Zusatzprogramm aufmerksam gemacht, das für die Auszubildenden und ihre Betriebe kostenlos ist. Sie nahm es zwei Mal pro Woche nach Feierabend in Anspruch, vor Klassenarbeiten kam sie extra. „Das hat sich gelohnt“, sagt Lepuroshi.

Beate Beck, bei der DAA für berufliche Bildung zuständig, sieht bei den Problemen, mit denen die Azubis zu „Asa flex“ – so heißt das Förderprogramm im Behördenjargon – stoßen, ein Muster: „schlechte Noten, fehlende schulische Grundlagen, aber auch Lernschwierigkeiten, Prüfungsangst, Sprachdefizite und Probleme im Alltag“, zählt Beck auf.

Das Rezept der Lehrkräfte und Sozialpädagogen bei der DAA indes ähnelt dem der Elitenförderung: individuelles Lernen in der Kleingruppe. „Da kommt es auch auf die persönliche Beziehung und die Atmosphäre an“, betont Ali Daghighi, der seine Schüler in Mathe, Bilanzen oder auch beim Thema Umschlaghäufigkeit unterstützt. Die Berufsschulen könnten das auf diese Weise gar nicht leisten.

Die Erfolgsquote des Program ist hoch

Und die Erfolgsquote bestätigt die Macher: „Wir bringen mehr als 80 Prozent der jungen Menschen direkt in Arbeit“, betont Beate Beck von der DAA stolz. Der Wirtschaftswissenschaftler Gökay Demir vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist dabei, die Fördermaßnahme zu untersuchen. Zwar gebe es noch keine umfassende Evaluierung. Ein erster Trend zeichnet sich aber klar ab: Bundesweit haben 75 Prozent der Asa-Teilnehmer bis 25 Jahren ihre Ausbildung abgeschlossen“, so Demir. Die Erfolgsquote des Programms, für das Agentur für Arbeit und Jobcenter 2024 in Baden-Württemberg rund 6300 Azubis gefördert und dafür rund 14,5 Millionen Euro ausgegeben haben, sei „beachtlich hoch“.Auch Betriebe äußern sich positiv. „Sensationell“ nennt Angelica Branch, verantwortlich für die Ausbildung bei Kemmer Logistik in Leinfelden-Echterdingen, das Förderprogramm. Ihr Betrieb mit 50 Beschäftigten konnte so erfolgreich einen 27-jährigen Fachlageristen aus Georgien gewinnen.

Die Firma hätte den Mann auch ohne Ausbildung beschäftigt. Die Ausländerbehörde habe seinen Aufenthaltsstatus aber an den erfolgreichen Abschluss der Ausbildung geknüpft. Das Programm sei „ sehr sinnvoll, um Ausbildungsverhältnisse zu stabilisieren“, meint auch David Faiss von der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr mit Blick auf die hohe Zahl von abgebrochenen Ausbildungen. In Rems-Murr traf das 2024 auf mehr als jeden vierten Azubi zu.

Verkäuferin Klodiana Lepuroshi: „Ich hatte Probleme mit Deutsch.“ Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Ausbildungsprogramm nicht richtig bekannt

Umso erstaunlicher, dass viele Betriebe die Förderung auch nach Jahren nicht kennen. So gaben laut einer IAB-Studie von 2023 nur sieben Prozent der Ausbildungsbetriebe in Deutschland an, Asa flex zu kennen. Das Instrument sei besonders Kleinbetrieben nicht bekannt. In der assistierten Ausbildung steckt daher nach Ansicht der Bundesagentur für Arbeit (BA) „deutlich mehr Potenzial als aktuell genutzt wird“, teilt die Regionaldirektion Baden-Württemberg mit.

Die 19-jährige Nele Herzog, die im Sommer ihre Ausbildung als Mechatronikerin bei Bosch in Waiblingen erfolgreich abgeschlossen hat, hat das Hilfsangebot voll genutzt: „Vor Arbeiten bin ich zwei Mal und vor der Abschlussprüfung sogar vier Mal die Woche hingegangen.“ Vor allem das Wiederholen des Lernstoffs sei gut gewesen. „Das hat mir sehr geholfen“, meint sie dankbar.