Mittendrin in der Notaufnahme des Alb-Fils-Klinikums: Marianne Buck (links) und Sonja Tietze-Wenka helfen dort, wo Ärzte und Pfleger nicht zwingend gebraucht werden. Willy Fallscheer unterstützt die Ehrenamtlichen. Foto: Giacinto Carlucci

In der Notaufnahme der Göppinger Alb-Fils-Klinik geht es meist hektisch zu. Ehrenamtliche Begleiter hören zu, spenden Trost oder sorgen für einen Schluck Wasser.

Ein Patient hat Schmerzen, ein anderer das Bedürfnis, seine komplette Lebensgeschichte zu erzählen. Tränen fließen. Derweil ist ein Angehöriger außer sich vor Sorge, weil sein minderjähriges Kind gerade im Schockraum behandelt wird. Wieder andere sind nach einer langen Wartezeit einfach nur ungeduldig. „Die häufigste Frage ist: Wissen Sie, wie lange es noch dauert?“, sagt Sonja Tietze-Wenka. Kommunikation ist in der oft überfüllten Zentralen Notaufnahme (ZNA) wichtig. Die Notaufnahme sei der „Quell der Unzufriedenheit“, hatte Ingo Hüttner, Medizinischer Geschäftsführer des Klinikums, nach öffentlich gewordenen Beschwerden Ende des vergangenen Jahres konstatiert. Ein Aufenthalt hier ist für Patienten eine Ausnahmesituation, das Personal am Limit, die zu Versorgenden gereizt. „Wir haben alle Zeit der Welt“, sagt Marianne Buck. Zeit, etwas zu essen oder zu trinken zu bringen, die Abläufe zu erklären, Trost bei Trauer oder Angst zu spenden, mal einen Scherz zu machen oder einfach Kummerkasten zu sein. „Man ist erstaunt, was einem alles erzählt wird“, meint Marianne Buck.

 

Elf Ehrenamtliche teilen sich die Dienste

Die beiden Frauen sind seit etwa einem Jahr ehrenamtliche Notaufnahmebegleiter im Alb-Fils-Klinikum in Göppingen. Sie sind Allrounder und dann gefragt, wenn den ärztlichen und pflegerischen Teams die Zeit für Fragen oder kleine Serviceleistungen fehlt, weil sie sich in erster Linie um die medizinische Versorgung der Notfallpatienten kümmern müssen. „Wir nehmen den Pflegekräften nicht die Arbeit weg“, betont Sonja Tietze-Wenka. Anfangs habe sich alles einspielen, die Aufgabenteilung und -trennung abgesprochen werden müssen. „Jetzt sind wir voll integriert.“ Elf Ehrenamtliche teilen sich aktuell flexibel nach Absprache die Dienste, in der Regel ist einer ab 13 Uhr da, weil meist dann in der Notaufnahme die Post abgeht. Abende, Feiertage und Wochenenden werden bei den Diensten nicht ausgeklammert. „Wir haben an allen Tagen im Jahr den gleichen Bedarf“, verdeutlicht Willy Fallscheer, der Leiter der nicht-ärztlichen Bereiche in der Notfallpflege am Alb-Fils-Klinikum.​

Meist sind die Ehrenamtlichen einen Tag pro Woche da. „Es geht um Grenzen, was Security, Stress, Medizin und Seelsorge betrifft“, erklärt Fallscheer. „Das ist schon eine Belastung. Man ist nur am Rennen, um alle bei Laune zu halten. Langweilig ist es nie“, betont Tietze-Wenka. Langes Stehen am Bett gehört dazu, genauso wie die Konfrontation und Auseinandersetzung mit Trauer und Tod oder die Betreuung von schwer an Demenz Erkrankten. „Was ich hier erlebe, lasse ich hier“, sagt die 72-Jährige aus Börtlingen. Ihre Kollegin Marianne Buck pflichtet ihr bei: „Ich nehme keine Probleme mit nach Hause.“ Doch bei aller Distanz mache sie sich über die Schicksale, Entwicklungen in der Gesellschaft oder auch das Thema Alter Gedanken, fügt die 64-Jährige, die in Sichtweite der Klinik in Jebenhausen wohnt, nachdenklich hinzu.

Rückmeldung der Patienten gibt den Helferinnen recht

Beide Ruheständlerinnen sind aus voller Überzeugung und mit viel Freude Notaufnahmebegleiterinnen. Auch wenn die Dienste ihnen oft alles abverlangen, überwiegt die Tatsache, seinem eigenen Alltag Struktur geben und etwas Sinnvolles tun zu können. Die Rückmeldung der Patienten gibt ihnen recht: „Man bekommt sehr viel zurück“, sagt Marianne Buck. Die Patienten, aber auch das Klinik-Personal, wissen die Begleitung und Unterstützung zu schätzen und sind dankbar, sagen die beiden Frauen. „Ich habe noch nie eine Handgreiflichkeit erlebt. Und es gab noch nie ein böses Wort“, sagt Sonja Tietze-Wenka und kann dieser Arbeit auch für sich selbst sehr viel Positives abgewinnen: „Man ist geistig gefordert, wird gebraucht und nimmt auch für sich privat sehr viel mit.“ Die 72-Jährige hat einen medizinischen Hintergrund, war früher Krankenschwester und hat schon einmal zehn Jahre lang als Grüne Dame in der Klinik gearbeitet und Patienten Zuwendung und Hilfestellung gegeben. Die Aufgabe hängt jedoch nicht vom (früheren) Beruf ab. Marianne Buck beispielsweise war Verwaltungsleiterin einer VHS, „ich wollte jetzt bewusst etwas ganz anderes machen“.

Einzelkämpfer sind die Ehrenamtlichen nicht. Willy Fallscheer und auch die ZNA-Chefärztin Katja Mutter stehen ihnen zur Seite. Zudem gibt es regelmäßige Treffen. „Demnächst starten wir auch mit einer Supervision, um Dinge aufzuarbeiten“, sagt Fallscheer. Dafür sei ein Experte engagiert worden, der Förderverein des Klinikums finanziert das Ganze. Marianne Buck und Sonja Tietze-Wenka sind noch nie an ihre Grenzen gestoßen. Was sollte denn ein Notaufnahmebegleiter mitbringen? Die Börtlingerin muss nicht lange überlegen: „Empathie. Man sollte in Notsituationen ruhig bleiben, auf Leute zugehen und Blut sehen können.“​

Neuer Ausbildungskurs im April

Ausbildung
In einem zweiten Kurs sollen demnächst weitere Notaufnahmebegleiter im Alb-Fils-Klinikum ausgebildet werden. Anmeldeschluss dafür ist Anfang April, am 23. April 2026 soll die erste Schulung stattfinden. Ziel sei es, etwa 20 Ehrenamtliche zu schulen, sagt Willy Fallscheer, Leiter der nicht-ärztlichen Bereiche in der Notfallpflege. Die Bewerber werden nach einem Vorstellungsgespräch ausgesucht. Die mehrtägige Ausbildung bietet unter anderem Einblicke in Hygiene, Datenschutz und Schweigepflicht, Brandschutz und administrative Abläufe. Die Einsatzzeiten erstrecken sich auch auf Feiertage und Wochenenden, und das mindestens einmal die Woche.

Information
Am Samstag, 28. März 2026, findet um 14 Uhr eine Informationsveranstaltung im Hörsaal der Klinik statt. Dazu sind alle Interessierten eingeladen.