Mit Charme und Heiterkeit: die Entwürfe des ausgezeichneten Gestalters Jaime Hayon wirken womöglich gerade in beschwerlichen Zeiten besonders reizvoll.
Viel Hübsches, einiges Ödes, manches Praktisches, ist auf den internationalen Möbelmessen zu entdecken, doch nur selten wirklich Staunenswertes. Ein Tisch zum Beispiel, der ein bisschen zu schweben scheint, zumindest Teile davon.
Auf filigranen Füßen ruht eine hölzerne rasant geschwungene Tischplatte. Und darauf angebracht sind kleine weitere Platten auf kleinen, nicht minder filigranen Füßen. Eine Platte ist aus Messing und eine wiederum aus schön gemasertem Marmor. Das ist der „Palette“-Tisch von Jaime Hayon, einem 1974 in Madrid geborenen, vielfach ausgezeichneten Gestalter.
Hayon gründete im Jahr 2001 sein eigenes Studio, er hat inzwischen Dependancen auch in Italien und Japan. Das „Times Magazine“ bezeichnete ihn als einen der 100 wichtigsten Kunstschaffenden dieser Zeit, ebenso wie das „Wallpaper Magazine“, das ihn für einen der einflussreichsten Künstler hält.
Inspiriert ist der „Palette“-Tisch für die dänische Trendfirma &tradition von den Mobiles des US-amerikanischen Bildhauers Alexander Calder. Und bei einer Leuchte, die er jüngst auch auf der Designmesse „3 Days of Design“ in Kopenhagen in einer Art Installation zeigte, bemalte er den Papierschirm mit Mustern, die an die Kunst seines Landsmannes, den Maler Joan Miró erinnern.
Eine Leuchte wie ein Pilz
Es gelingt dem Spanier wie kaum einem zeitgenössischen Gestalter, selbst notorisch schlecht gelaunten Menschen angesichts der poetisch-verspielten Entwürfe zu guter Laune zu verhelfen. Oft tragen die Werke menschliche oder pflanzliche Züge, wirken putzig animiert. Sei es ein Wandhaken in Form eines lächelnden Gesichtes, sei es eine kleine tragbare Tischleuchte mit der Silhouette eines Pilzes. Oder ein Sessel, der da steht wie ein kleiner korpulenter Mensch, der seine zu kurzen Arme ausstreckt, um einen zu herzen.
Charmant ist auch seine „Hoffnungs-Vogel“-Skulptur mit schwarzen Punkten auf weißem Grund, die vor einem Krankenhaus in Seoul, Südkorea, Spalier steht. Knallbunte Tiere hat er gern, Furore machte sein grünes Huhn – die „Green Chicken“-Skulptur für die Constrasts Galerie in Hongkong.
Wiewohl ein Hauch Anarchie einiger seiner wild gemusterten Arbeiten umwehen, sind sie bequem und funktional, weshalb sie oft in mehreren Versionen vom Barhocker bis zum Loungesessel auf den Markt kommen. Deshalb arbeiten auch Firmen gerne mit Hayon, die qualitativ anspruchsvolle, dabei eher skandinavisch-minimalistische Entwürfe im Sortiment haben wie Fritz Hansen aus Dänemark oder elegant Klassisches wie Wittmann Möbelmanufaktur aus Österreich.
Zwischen Kunst und Handwerk
Oft ist die Grenze zwischen Handwerk und Kunst nicht klar zu ziehen bei Hayon. Und so finden sich seine Werke längst in den ständigen Sammlungen einiger der renommiertesten Galerien und Museen: im MAK Wien, im Design Museum London und im Centre Pompidou in Paris etwa.
Wie er arbeitet und was ihn inspiriert – das kann ein Film sein, eine Reise, eine Skulptur und mal nur eine gezeichnete Blume im Milchschaum einer Tasse Cappuccino – verrät Hayon in einem reich bebilderten Buch, erschienen im Gestalten Verlag, der einfach nur seinen Namen im Titel trägt. Berührungsängste mit großen Konzernen kennt er nicht, ist da zu erfahren, er hat bereits für Camper sowie für die spanische Modekette Zara Mode entworfen.
Begehrenswerte Unbeschwertheit
Die meisten Objekte sind allerdings nicht ganz so günstig wie Schuhe und Pullis. Der Designer hat aber auch Inneneinrichtungen für Restaurants, Läden und Hotels entworfen. Da kann der gestaltungsaffine Mensch so lange probesitzen, bis er auf Jaime Hayons Werke zu Ende gespart hat.
Die Leichtigkeit seiner Arbeiten, ihre heiter juxige Unbeschwertheit wirkt gerade in dieser von Krieg und Krisen beschwerten Zeit umso begehrenswerter.