Die Lage alter Menschen mit Migrationsgeschichte unterscheidet sich stark von denen, die hier geboren sind. Migrantische Senioren sind deutlich besser in ihre Familien eingebunden. Die Hilfsangebote aber nutzen sie kaum. Das will die Stadt ändern.
Menschen mit Migrationsgeschichte machen mit einem Anteil von 48,7 Prozent nahezu die Hälfte der Stuttgarter Bevölkerung aus. Bei den älteren Einwohnern von 65 Jahren und älter liegt dieser Anteil bei 34,2 Prozent. Von den insgesamt rund 115 000 Personen in dieser Altersgruppe haben fast 39 000 eine Migrationsgeschichte. Wie es dieser großen gesellschaftlichen Gruppe geht, will die Stadt sei Langem wissen. Das herauszukriegen, ist aber gar nicht so einfach. Am großen Alterssurvey 2013 hatte sich diese Gruppe nur wenig beteiligt. Deshalb entschieden Verwaltung und Gemeinderat sich für eine umfangreiche Befragung, und zwar in Wangen, das für Stuttgart sozusagen als Modellbezirk fungiert.
568 der rund 1500 Personen über 65 Jahre, die in Wangen leben, haben einen Migrationshintergrund. Sie wurden zu diesem Zweck kontaktiert, 283 haben das Gesprächsangebot angenommen, sie stammen aus Ländern wie der Türkei, Griechenland, Italien und des ehemaligen Jugoslawien. Mehr als 60 muttersprachliche Interviewer waren dafür im Einsatz und suchten Antworten auf Fragen zur Lebenslage der Menschen, zu ihrer Einbindung in Familie und Gesellschaft, zu Pflegesituation und zum Gesundheitszustand. Dazu wurden überdies noch 285 hier geborene Personen befragt.
Zu einem deutlich höheren Prozentsatz als bei den in Deutschland geborenen Befragten (51 Prozent) leben bei den alten Menschen mit Migrationshintergrund auch die Kinder in Stuttgart. Besonders hoch ist dieser Anteil bei den Senioren aus der Türkei (87 Prozent), gefolgt von Griechen (76 Prozent) und etwas geringer bei Italienern (62 Prozent) und den Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien (57 Prozent). Entsprechend häufiger geben sie an, sogar mit ihren Kindern zusammenzuwohnen.
Die in der Türkei Geborenen erreichen die höchsten Werte
Enger ist neben der Verbindung zu den Kindern oft auch die zu weiteren Angehörigen und zu Bekannten. Bei der familiären Einbindung erreichen die in der Türkei Geborenen ebenfalls die höchsten Werte (siehe unten). Bei der Befragung zeigte sich auch, dass viele der Migrantinnen und Migranten, obwohl sie teils mehr als 50 Jahre hier leben, schlecht Deutsch sprechen. Bei den Menschen aus Ex-Jugoslawien betreffe das „einen sehr kleinen Teil der Befragten“, bei den türkischstämmigen Personen „mehr als die Hälfte“. Ein Indikator für das mäßige Sprachvermögen ist, dass sehr viele das Angebot einer Befragung in ihrer Muttersprache angenommen haben. Bei den Italienern sei dies „mehr als die Hälfte“ gewesen, „bei den in der Türkei Geborenen fast alle“.
Dazu passt, dass viele der Befragten mit Migrationsgeschichte Hilfsangebote für alte Menschen fast gar nicht wahrnehmen oder nicht einmal kennen. Hilfe im Alltag erhielten diese „häufig aus dem unmittelbaren Umfeld der Familie“. Wenn sie organisierte Angebote annähmen, dann in muttersprachlichen Gemeinden und Vereinen. Aber mehr als die Hälfte der Befragten nutzt nichts davon. Beispiel Begegnungsstätten in der Stadt: Fast 20 Prozent der Deutschen unter den Befragten besuchten diese „regelmäßig“. Im Vergleich dazu tue dies „keine der Personen mit türkischer, griechischer oder italienischer Migrationsgeschichte“.
Mehr als die Hälfte der älteren Italiener, Türken und Ex-Jugoslawen kennen die Kurzzeitpflege nicht, anders als mehr als zwei Drittel der Deutschen und der Griechen. Vielen alten Menschen, die aus Italien und der Türkei stammen, ist selbst die Grundsicherung im Alter nicht bekannt. Pflegedienste nutzen bisher nur sehr wenige der Befragten, die Quote liegt unter 25 Prozent, bei den Senioren aus Italien und Ex-Jugoslawien ist dieser Anteil noch weit unter diesem Wert.
Pflegeangebote sind auch in dieser gesellschaftlichen Gruppe grundsätzlich akzeptiert. Wobei das Pflegeheim weniger anerkannt ist, vor allem bei türkischen und italienischen Senioren. Dabei schätzen ältere Menschen mit Migrationsgeschichte ihren Gesundheitszustand „deutlich schlechter ein als deutsche Befragte“, stellt die Stadt fest. Und sie haben durchaus den Wunsch, mehr Informationen über alle genannten Belange zu bekommen. Dies sollte aber, sagt die große Mehrheit, „in der jeweiligen Muttersprache zur Verfügung stehen“.
Stadt plant eine Reihe von Verbesserungen
Dem will die Stadt mit einer Reihe von Maßnahmen stärker Rechnung tragen. So wird man „die Bekanntheit der Beratungs- und Unterstützungsstrukturen in den migrantischen Communities“ stärken. Kinder und Enkelkinder der Senioren will man mehr unterstützen. An zwei Standorten in der Stadt wird man in diesem Jahr neue interkulturelle Beratungsstellen testen. Für Themen wie Demenz sowie Hospiz- und Palliativangebote sollen mehrsprachige Flyer erstellt werden. Für migrantische Communities soll es Handreichungen geben, damit diese stärker eigene muttersprachliche Angebote für alte Menschen anbieten können. Für die Träger von Treffpunkten soll es in diesem Jahr einen Workshop geben mit dem Ziel, die Angebote verstärkt auf diese Gruppe auszurichten. Die Anbieter von Tagespflege will man animieren, diese „kultursensibel zu erweitern“. Der Einsatz von migrantischen Lotsen durchs System soll ausgebaut werden.
Viele persönliche Kontakte
Familiäre Einbindung
Die Verbindung zu den Kindern, aber auch zu Angehörigen, Freunden und Bekannten ist in migrantischen Milieus oft enger als in denen mit deutscher Staatsangehörigkeit. Bei der familiären Einbindung erreichen die in der Türkei Geborenen insgesamt die höchsten Werte. Von diesen treffen 89 Prozent ihre Kinder jede Woche persönlich, aber auch andere Verwandte (64 Prozent) sowie Freunde (57 Prozent) und Nachbarn (70 Prozent). Auch die persönlichen Begegnungen pro Woche sind bei den anderen Gruppen entsprechend geringer: Griechen (Kinder 72 Prozent, Verwandte 28 Prozent, Freunde 38 Prozent, Nachbarn 24 Prozent), Italiener (Kinder 64 Prozent, Verwandte 48 Prozent, Freunde 40 Prozent, Nachbarn 32 Prozent), den Einwohnern aus Ländern des früheren Jugoslawien (Kinder 30 Prozent, Verwandte 10 Prozent, Freunde 16 Prozent, Nachbarn 75 Prozent) und den in Deutschland Geborenen (Kinder 46 Prozent, Verwandte 30 Prozent, Freunde 47 Prozent, Nachbarn 59 Prozent) .