Dan Ettinger in Aktion Foto: Froehlingsdorf

In der Stuttgarter Liederhalle hat Dan Ettinger mit seinen Stuttgarter Philharmonikern und dem Tschechischen Philharmonischen Chor Brünn aus Beethovens neunter Sinfonie ganz großes Theater gemacht.

Stuttgart - Der Beethovensaal ist voll besetzt, aber das Publikum unruhig. Man kann das verstehen – schließlich ist, wer ein „Seid umschlungen, Millionen!“ erwartet und „Diesen Kuss der ganzen Welt!“, nicht unbedingt eingestimmt für A-cappella-Chormusik. Mit gutem Grund indes hatten die Stuttgarter Philharmoniker beim Jahresabschlusskonzert der SKS Russ am Montagabend ihrer Aufführung von Beethovens neunter Sinfonie unbegleitete Vokalmusik vorangestellt, komponiert von Francis Poulenc, Anton Bruckner, Henryk Górecki und Petr Fiala.

 

Zuspitzung und Leidenschaft

Letzterer ist Gründer und Leiter des Tschechischen Philharmonischen Chors Brünn, der dem Orchester der Landeshauptstadt seit Jahr und Tag bei chorsinfonischen Werken singend zur Seite steht; sein „Gratias musa tibi“ machte starke Wirkung, und der Chor durfte endlich einmal alleine glänzen. Ganz in seinem Element waren die Sänger aber vor allem bei Góreckis „Totus tuus“ von 1987, einem mit viel Innigkeit und Klangschönheit vorgetragenen Gebet, dessen wiederholte „Maria“-Anrufungen am Ende von immer weniger Sängern gesungen und von immer mehr nur gesummt werden, bis nurmehr Einzelstimmen übrig bleiben.

Man konnte das als Kontrastprogramm zu Beethovens Neunter verstehen. Oder auch als interessanten Versuch, dessen – trotz des herbeizitierten „lieben Vaters“ – insgesamt eher weltliche „Ode an die Freude“ in einen geistlichen Zusammenhang einzuordnen. Dies allerdings ging mit dem Zugriff des Orchesterchefs nicht zusammen. Schon im ersten Satz machte Dan Ettinger am Pult deutlich, worauf er hinauswollte: Aus zögerlichem, fast ein wenig diffus wirkendem Beginn schälten sich Klang und Körper der Musik nur zögerlich heraus; um Zuspitzung ging es dem expressiv agierenden Dirigenten, um Leidenschaften, um ein Drama, das aus weit gespannten Kontrasten Spannung bezieht. Dass einzelne Einsätze nicht vollends präzise gerieten, nahm Ettinger in Kauf, auch im Scherzo-Satz, dessen „Presto“-Vorgabe er ins Rasante steigerte. Die Streicher machten das exzellent mit. Gemessen an diesem Zugriff wirkte das Hineinpoltern der Bläser ins Finale mitsamt dem anschließenden kollektiven Zusammenkehren der musikalischen Motivkrümel eher unterspannt und harmlos.

Gebrüllt, nicht gesungen

Aber dann: Vor den Beginn der „Freude, schöner Götterfunken“-Melodie in Celli und Kontrabässen dehnte Dan Ettinger die Generalpause bis an den Rand des noch Erträglichen – und dann ging’s los, als wolle man noch einmal hör- und spürbar machen, welch hohe Erwartungen Beethoven und Schiller als Textdichter in die Ideale der französischen Revolution gesetzt hatten.

Ohne Nebenwirkungen ging die theatralisch aufgeraute Darstellung indes nicht ab: Der Bass Adam Palka, eine der Edelstimmen des Stuttgarter Opernensembles, musste sein „Freunde, nicht diese Töne!“ sehr laut ansetzen, das Solistenquartett hatte insgesamt Probleme, sich dynamisch durchzusetzen, und auch im Chor hätte manche Passage deutlich schöner und zwingender gewirkt, wenn sie nicht gebrüllt, sondern gesungen worden wäre. Packend war das Ganze aber schon – bis hin zu einer hier überaus heißblütigen Version jenes türkischen Marschgeklingels, mit dem der Satz auf so zwielichtig-un(be)greifbare Weise schließt. Die Virtuosität des Geschwindmarsches wurde am Ende laut bejubelt. Geht es nach dieser Aufführung des Silvester-Paradestücks, dann wird 2020 sehr bunt, sehr laut und ziemlich dramatisch.