Patricia Heidke (links) und Roswitha Marin am Ende eines Verkaufstags Foto: Roberto Bulgrin

Mehr Kunden, weniger Personal: Mit diesem Problem sehen sich derzeit die Tafelläden im Landkreis Esslingen konfrontiert. Durch den Krieg in der Ukraine und die Geflüchteten sind die Herausforderungen für Träger und Ehrenamtliche immens.

Die Folgen des Ukraine-Krieges fegen wie ein Tsunami über Deutschland und spülen allerhand Probleme in die Gesellschaft. Auch den Tafelmitarbeitern im Landkreis Esslingen steht das Wasser derzeit bis zum Hals. Sie müssen sich einer Flut von Neukunden stellen. Ungefähr 50 Prozent der Besucher sind derzeit Ukrainer. „Ab 8.30 Uhr stehen bereits die ersten Leute vor dem Geschäft – also drei Stunden vor Ladenöffnung“, sagt Roswitha Marin, die stellvertretende Leiterin der Caritas-Tafel Esslingen. Es ist absurd, aber es gilt: Jeder will der Erste sein. Bei Ladenöffnung werden aufsteigende Nummern verteilt. Damit können Kunden abschätzen, wann sie ungefähr dran sein werden. Die Eins kauft zuerst ein und hat die freie Auswahl, die Nummer 120 kommt zuletzt und muss schauen, was noch übrig ist. „Wir versuchen natürlich, unsere Waren so zu verteilen, dass auch für die hinteren Nummern etwas übrig bleibt“, sagt Marin.

 

Mehr Kunden, weniger Personal

„Vor sechs Monaten kamen zwischen 50 und 70 Kunden in die Esslinger Tafel, jetzt sind es zwischen 100 und 120 Kunden täglich“, sagt Helga Rütten, die Fachleiterin der Abteilung Solidarität der Caritas Fils-Neckar-Alb. Auch in Nürtingen stieg der Zahl der Kunden stark an. Dort habe man Mitte Juni sogar das Tafelkonzept ändern müssen. Eine Notmaßnahme, da die Tafel ihr Limit erreicht hatte.

Früher konnten die Kunden dort täglich einkaufen, jetzt darf nur noch einmal in der Woche eingekauft werden. „Vor einem halben Jahr kamen in Nürtingen 50 bis 60 Menschen täglich. Bevor wir auf einmal wöchentlich umgestellt haben, waren es 90 bis 100“, sagt Rütten. Besonders prekär mache die Situation, dass der Kundenzuwachs mit einem Personalmangel einhergehe.

„Nürtingen sucht ganz dringend Unterstützung von Ehrenamtlichen. Wir waren vergangenen Montag sogar schon kurz davor, dass wir den Laden nicht eröffnen konnten.“ Die Mitarbeitenden hätten Doppelschichten eingelegt, um das zu verhindern: morgens Waren sortieren und mittags verkaufen.

Der „ältere Nachwuchs“ fehlt

Der Personalmangel sei auch eine Folge der Coronapandemie. „Während Corona sind uns einige Ehrenamtliche weggebrochen. Viele waren über 70 und gehörten zur Hochrisikogruppe, weshalb sie nicht mehr gekommen sind“, sagt Patricia Heidke, die sozialpädagogische Begleitung des Ehrenamts und der berufsbegleitenden Maßnahmen der Esslinger Tafel. In Esslingen sei die Situation noch nicht so dramatisch wie in Nürtingen. Dies liegt laut Heidke daran, dass Esslingen mit 13 Mitarbeitern in sogenannten Arbeitsgelegenheiten arbeitet. Dabei handle es sich um ein Instrument des Jobcenters, das schwer Vermittelbaren und Langzeitarbeitslosen helfen soll, wieder Fuß auf dem Arbeitsmarkt zu fassen.

In Nürtingen ginge das nicht. Dort arbeiten ausschließlich ehrenamtliche Helfer. Trotzdem würden in Esslingen dringend Fahrer gesucht, die mit einem Sprinter die Lebensmittel abholen und zur Tafel bringen. Die Zahl der Tafelmitarbeiter sei zwar dank jüngerer Mitarbeiter ungefähr konstant geblieben, sagt Marin. Das Problem sei, dass die Jüngeren – im Vergleich zu den Älteren – oft nur stundenweise Zeit hätten. Rentner und Pensionäre hätten oft mehrere Tage in der Woche geholfen.

Neukunden verdrängen Altkunden

Ein weiteres Problem sei, dass durch den großen Andrang ukrainischer Flüchtlinge viele ältere Tafelkunden fernblieben. „Im Prinzip können wir die Gründe dafür nicht genau benennen. Die kommen einfach nicht mehr“, sagt Roswitha Marin. „Vermutlich hat es viel mit der Hitze und den langen Wartezeiten zu tun. Die Kunden müssen bis zu zwei Stunden in der Sonne stehen.“ Dies sei auch ein Problem der Räumlichkeiten. Die Esslinger Tafel kann ihren Kunden keinen überdachten Warteraum mit Sitzmöglichkeiten anbieten. Nur sieben Kunden können derzeit in den Verkaufsraum. Der Rest wartet draußen. Schon seit Längerem sucht man eine neue und geeignetere Örtlichkeit für den Laden. Dies sei aber nicht so einfach: Laut Patricia Heidke hat es schon öfters Absagen gegeben, weil Vermieter die Tafel nicht im Haus haben möchten.

Caritas-Tafeln im Landkreis

Kunden der Tafel
 In den Tafelläden kann sich jeder einen Tafelausweis ausstellen lassen, der nachweist, dass er über ein geringes Einkommen verfügt. Dieser Ausweis berechtigt zum Einkauf von gespendeten Lebensmitteln, die günstig verkauft werden.

Spenden und Ehrenamt
 Wer Interesse hat, die Tafeln durch Spenden oder im Ehrenamt zu unterstützen, findet weitere Informationen auf der Internetseite der Caritas unter www.caritas-fils-neckar.de. Die Esslinger Tafel erreicht man unter der Telefonnummer: 07 11 / 3 51 01 42. Die Tafel Nürtingen ist unter 0 70 22 / 30 23 65 erreichbar.