Auf knapp 200 Quadratmetern bietet Karla Mehls so ziemlich alles, was man in Poppenweiler zum Überleben braucht. Foto: factum/Granville

Am Dorfladen in Poppenweiler sind alle froh– und trotzdem ist er in Gefahr. Die Stadt möchte einen Discounter in dem kleinen Ludwigsburger Ortsteil ansiedeln. So paradox es klingt: Damit möchte sie den Bürgern einen Gefallen tun.

Ludwigsburg - Wer Karla Mehls das erste Mal begegnet, womöglich sogar in ihrem Geschäft in Poppenweiler, kommt nicht sofort auf die Idee, dass sie die Managerin hier ist. Kein Kostüm frisch aus der Reinigung, keine hochhackigen Schuhe, kein Handy in der Hand, vom Rollkoffer mit wichtigen Akten drin – keine Spur. Stattdessen an diesem warmen Tag: Sonnenbrille im Haar, ärmelloses Top, Schuhe, die auch im Freibad praktisch sind und ein sehr gewinnendes Lachen. Wenn sie von ihrem Studium Ende der 80er-Jahre in Leipzig erzählt zum Beispiel. „Heiße Zeit!“ Lachen. Oder von ihrem Weg aus dem wilden Osten in den gediegenen Süden. „Die Liebe!“ Lachen. Oder eben davon, wie sie zu diesem Laden in Poppenweiler kam. „Ein Abenteuer!“ Lachen. Wobei das Abenteuer gerade erst begonnen hat. Und das ist nicht zum Lachen.

Dorfladen oder Discounter

Seit November 2015 betreibt Karla Mehls, 50, den Laden in der Steinheimer Straße, der offiziell Dorfladen heißt. Die Verkaufsfläche umfasst keine 200 Quadratmeter, aber sie ist mit den Geschäften zufrieden, die Kunden sind es auch. Gäbe es den Dorfladen nicht, gäbe es in Poppenweiler keinen Ort zum Milch oder Waschpulver, Essiggurken oder Eis, Chips oder Zigaretten kaufen.

Trotzdem ist nicht ausgemacht, dass der Laden eine Zukunft hat. Die Stadtverwaltung möchte ein größeres Geschäft im Ort ansiedeln. Das kleine würde das nicht überleben, davon sind alle überzeugt. Karla Mehls, ihre Kunden, die Mitglieder des Stadtteilausschusses, ja, sogar die Leute im Rathaus. Es klingt paradox, doch die Stadt verfolgt den Plan mit dem größeren Geschäft in Poppenweiler nur deshalb, weil sie sich um die Nahversorgung im abgelegensten der Ludwigsburger Stadtteile sorgt.

Ein Segen für den Ort

Wie schafft man es, dass ein Ort nicht verödet? Wie hindert man Geschäftsleute am Aufgeben oder gewinnt sie zur Ansiedlung? Wie kriegt man es hin, dass auch übermorgen all jene noch einkaufen können, die nicht mehr mobil sind? Fragen wie diese treiben viele Kommunen um. Die Geschichte vom Dorfladen könnte deshalb an vielen Orten im Land spielen.

Die Konservenwurst bezieht Karla Mehls von Bauer Abele in Poppenweiler, die Kartoffeln von Bauer Dussmann. Die Eier werden aus Brackenheim geliefert, und der Wein kommt von Winzern aus dem Bottwartal. Man kann bei Karla Mehls Lotto spielen, Pakete abgeben und sogar schmutzige Wäsche. Seit Kurzem macht sie schon um halb acht auf, weil das geschickter ist für die Leute, die ihre Kinder zur Schule bringen. Feierabend ist um 19 Uhr, und von halb eins bis drei Mittagspause.

Wenn man Karla Mehls reden hört, kann man glauben, sie hätte den Laden aus reiner Nächstenliebe übernommen. Das stimmt natürlich nicht ganz. Geld verdienen will sie damit schon auch. Aber das Mitgefühl mit den Poppenweiler Bürgern habe eine große Rolle gespielt. „Wenn es hier keine Lebensmittel mehr zu kaufen gäbe, das wäre schlimm“, sagt Mehls, die in Neckarweihingen einen noch kleineren Laden betreibt. 70 Quadratmeter für Briefmarken, Lotto, Fahrkarten und so.

Größe ist wichtig

Was ein richtiger Supermarkt sein will, fängt unter einer Verkaufsfläche von 1500 Quadratmetern gar nicht an. Ist ja logisch: Je größer das Angebot, desto mehr Kunden, desto mehr Umsatz. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Wenn das Einzugsgebiet an einer Stelle wächst, schrumpft das Angebot woanders. Auch logisch, und schlecht. Eine flächendeckende, fußläufige Nahversorgung in Stadtteilen mit wenigen Einwohnern „ist aufgrund des anhaltenden Trends zu größeren Verkaufsflächen kaum noch zu bewerkstelligen“, schreibt ein Gutachter, der die Nahversorgungssituation für Ludwigsburg analysiert hat.

Und dann kommt das Unternehmen Norma und teilt der Stadt mit, dass es gerne einen 800-Quadratmeter-Discounter in Poppenweiler bauen möchte.

Bei Karla Mehls gibt es Marmelade, Dosenmais und Cola. Zahnpasta, Klopapier und Slipeinlagen. Batterien, Klebstoff und Paketschnur. Drei Mal pro Woche schickt Edeka frisches Obst und Gemüse. Auf Wunsch schafft Karla Mehls auch mal ein paar Päckchen Mascarpone an oder alkoholfreies Bier. Und im Sommer hat sie kleine Grills ins Sortiment genommen. Was es bei ihr nicht gibt: Milchsorten mit wilddrehenden Bakterien, Flips in hunderterlei Geschmacksrichtungen und unzählbar viele Körperlotionen. Das käme ja nicht weg. Das und vieles mehr kaufen die Poppenweiler Kunden in Hochberg, im großen E-Center mit dem Aldi daneben. Oder bei Kaufland und Lidl in Marbach. Oder bei Edeka in Neckarweihingen. Zumindest diejenigen, die ein Auto haben.

Weite Wege

Der Nahversorgungsanteil in Poppenweiler beträgt 59 Prozent. Das bedeutet, dass 59 Prozent der 4600 Einwohner nicht weiter als 500 Meter zurücklegen müssen, um einkaufen zu können. In der Gesamtstadt liegt dieser Wert bei 76 Prozent – auch das ist nicht sonderlich berauschend. Was natürlich auch mit den großen Geschäften zusammenhängt. Ein Blick in den Süden Eglosheims als Beispiel: Viele Einkaufsmöglichkeiten gibt es dort nicht. Im Norden, genauer im Tammerfeld, dafür umso mehr. Oder Pflugfelden: Ein hohes Nahversorgungsdefizit hat der Gutachter der Stadt bescheinigt. Und dass sich das mit Kaufland und Lidl ein paar Straßen auch weiter kaum ändern lasse.

Die Stadt hat das Gutachten beauftragt, damit sie weiß, was sie tun soll, wenn ein Konzern einen Niederlassungswunsch äußert. Ob ein Geschäft da oder dort nützlich wäre oder schädlich. In Poppenweiler kam der Experte zu dem Ergebnis, dass ein Discounter der Sicherung und Weiterentwicklung der Nahversorgung dienen würde.

Bürgerinfo und die Angst der Betreiberin

Die Kunden des Dorfladens sehen das anders. Ihnen genüge das Sortiment, sagen sie. Außerdem: Man könne da so gemütlich Schwätzen. Wenn ein Discounter komme, machten wahrscheinlich auch noch die drei Bäcker und der Metzger zu. Die Stadtverwaltung kennt diese Argumente und kann sie nachvollziehen. Andererseits: Norma gebe es wahrscheinlich auch dann noch, wenn Karla Mehls, die Bäcker und der Metzger lange im Ruhestand sind. Am Mittwoch, 20. September 2017, veranstaltet die Stadt in der Kelter um 19 Uhr einen Bürgerdialog.

Karla Mehls wird hingehen, natürlich. Sie ist sauer. Sie hat ihr Erspartes in die Renovierung des Dorfladens gesteckt. Sie hat Mitarbeiter eingestellt und eine Auszubildende. Nun hat die Betreiberin Angst. Sollte das alles für die Katz’ gewesen sein?

Handel im Wandel und in Zahlen

Allgemein
Die durchschnittliche Verkaufsfläche im deutschen Lebensmitteleinzelhandel stieg zwischen 2006 und 2015 von 770 auf 935 Quadratmeter, das sind 22 Prozent mehr. Im selben Zeitraum verringerte sich die Zahl kleiner Lebensmittelgeschäfte um annähernd die Hälfte. Die Zahlen stammen aus der Nahversorgungsuntersuchung für die Stadt Ludwigsburg.

Speziell
In Ludwigsburg gibt es knapp 200 Betriebe, zu deren Kernsortiment Nahrungs-, Genuss- und Lebensmittel gehören sowie Drogerieartikel. Zusammen kommen sie auf eine Verkaufsfläche von fast 40 000 Quadratmetern und einen Jahresumsatz von rund 250 Millionen Euro.

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