Ein American Staffordshire Terrier mit Maulkorb: Seit dem Jahr 2000 gelten bestimmte Hunderassen in Baden-Württemberg als gefährlich. Mit einem Wesenstest können Besitzer dies allerdings widerlegen. Foto: dpa

Seit ein paar Jahren steigt in Stuttgart wieder die Zahl der Kampfhunde. Wobei die meisten Kampfhunde-Besitzer vom Ordnungsamt erwischt werden, nur die wenigsten melden sich selbst. Die Dunkelziffer dürfte entsprechend hoch sein.

Stuttgart - Die Zahl der Hunde in Stuttgart hat sich in den vergangenen neun Jahren um 27 Prozent erhöht. Das klingt gewaltig, ist aber im bundesweiten Vergleich eher ein moderater Anstieg. Schätzungen zufolge ist die Zahl der Vierbeiner in ganz Deutschland im gleichen Zeitraum um rund 50 Prozent angestiegen – auf nunmehr acht Millionen.

Hundedichte in Berlin höher

Auch was die Hundedichte angeht, ist Stuttgart im Städtevergleich eher im Mittelfeld. Studien zufolge liegen Städte im Ruhrgebiet vorne sowie Berlin, in dem rund 100 000 Hunde angemeldet sind – in Stuttgart sind es derzeit 14 242. In Berlin kommt rein rechnerisch auf 35 Einwohner ein Hund, in Stuttgart auf 43 Einwohner.

Den Besitzern machen die Hunde Freude, dem Ordnungsamt nicht selten Ärger. Bis zu 900 Vorfälle mit Hunden registriert man dort in etwa pro Jahr – Tendenz gleichbleibend. Komischerweise steige mit der Zahl der Hunde nicht auch die Zahl der Vorfälle, sagt Stefan Kinkelin vom Stuttgarter Ordnungsamt. Meist handelt es sich bei den Vorfällen um Bisse – entweder von Hund zu Hund oder von Hund zu Mensch.

612 Euro Steuer im Jahr für einen Kampfhund

Mit einer gewissen Besorgnis registriert Kinkelin seit rund zwei Jahren wieder einen Trend zum Kampfhund. Derzeit sind offiziell 70 Kampfhunde in Stuttgart angemeldet, vor drei Jahren waren es noch 59.

Die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Ein Grund dafür: Ein Kampfhund kostet seit dem Jahr 2000, als es noch 437 Kampfhunde in der Stadt gab und sowohl das Land als auch die Stadt die Regeln für Kampfhunde verschärften, 612 Euro Hundesteuer im Jahr, alle anderen Hunde 108 Euro (sowie 216 Euro für jeden weiteren Hund eines Besitzers). Die meisten Besitzer eines Kampfhundes oder eines Kampfhunde-Mischlings werden daher vom Ordnungsdienst erwischt und dann registriert. Beim Ordnungsdienst seien geschulte Leute dabei, die so etwas erkennen könnten, sagt Kinkelin.

Wesenstests wieder stark nachgefragt

Ein Kampfhund muss stets an der Leine geführt werden. Will der Besitzer erreichen, dass sein Hund nicht auch noch ständig einen Maulkorb tragen muss , muss er seinen Hund zum Wesenstest bringen. Der kostet 231 Euro und findet sechs Mal im Jahr statt. Ein Indiz für den Trend zum Kampfhund ist die gestiegene Nachfrage nach einem solchen Test: „Die Termine waren in den letzten zwei Jahren voll mit sechs bis zehn Hunden pro Termin“, sagt Kinkelin. Zwischenzeitlich sei das Interesse am Wesenstest deutlich geringer gewesen. „Mittlerweile nimmt das wieder stark zu“, so Kinkelin.

Die Beißkraft ist das Problem

Ein Grund für die wieder steigende Zahl an Kampfhunden sieht Kinkelin darin, dass es schon länger keinen Vorfall mehr gegeben habe, der gezeigt habe, wie gefährlich Kampfhunde sein können. Bei den normalen Beißvorfällen seien auch höchst selten Kampfhunde im Spiel, sagt Kinkelin. Das seien eher Wald- und Wiesenmischungen. Kampfhunde seien auch an sich nicht aggressiver als andere Rassen, deshalb bestünden sie auch zu 99,9 Prozent den Wesenstest.

Das Problem bei den Kampfhunde-Rassen sei allerdings ihre große Beißkraft. „Wenn die beißen, dann richtig“, sagt Kinkelin. „Und diese Tiere haben halt so einen Reflex, dass sie nicht mehr loslassen.“

Keine Sorgfalt mehr beim Hundekauf

Einen anderen Grund für die Entwicklung sieht Kinkelin in der Art, wie heutzutage zunehmend Hunde gekauft werden: nämlich billig übers Internet mit Übergabe auf einem Autobahnparkplatz. Wer derart sorglos irgendeinen Mischling kauft, braucht sich nicht zu wundern, wenn dieser Mischling zur Hälfte ein Kampfhund ist. Und dann wird Kampfhunde-Steuer fällig. Laut Kinkelin landen einige solcher Tiere letztlich im Tierheim, weil die Besitzer die saftige Steuer nicht zahlen wollen oder das Tier nicht in den Griff kriegen.

Als Kampfhunde-Rassen gelten in Stuttgart: American Staffordshire Terrier, Bordeaux Dogge, Bullmastif, Bullterrier, Dogo Argentino, Fila Brasileiro, Mastiff, Mastino Espanol, Mastino Napoletano , Pit Bull Terrier, Staffordshire Bullterrier und Tosa Inu.

Herausforderung für Briefträger

Die wachsende Zahl an Hunden ist auch eine Herausforderung für die, die von Berufs wegen regelmäßig in das Revier der Vierbeiner eindringen müssen. Zum Beispiel die Briefträger. Noch immer werden nach Angaben der Post täglich fünf Briefträger in Deutschland von Hunden gebissen. Zwei bis drei von ihnen fallen dadurch einen Tag oder auch länger aus. Gebissen werden die Briefträger meist in den Kniebereich oder die Wade (42 Prozent), gefolgt von Hüfte oder Oberschenkel (23 Prozent).

Früher sei es noch schlimmer gewesen, sagt Hugo Gimber von der Deutschen Post. Anfang der Neunziger habe die Zahl der jährlichen Hundebisse bei 3000 gelegen, mittlerweile liege sie bei 1819. Grund für den Rückgang sei, dass die zuständige Berufsgenossenschaft (BG Verkehr) ein Hundetraining eingeführt habe, an dem jährlich rund 1000 Zusteller teilnehmen würden.

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