Daniel Brühl (li.) spielt den Designer vor seinem weltweitem Durchbruch als Modezar. An seiner Seite: Théodore Pellerin als Lagerfelds große Liebe Jacques de Bascher. Foto: Caroline Dubois - Jour Premier - Di/sney+

Daniel Brühl wird bei Disney+ zu Karl Lagerfeld: ohne gepudertes Haar, ohne Fächer, aber mit dem Drang nach oben. Im Zentrum der Miniserie steht auch seine große Liebe: Jacques de Bascher.

Erst das Korsett. Das Hemd mit dem eingestickten Monogramm. Die Manschettenknöpfe, das Einstecktuch, die Krawattennadel, zuletzt die getönte Sonnenbrille. Karl Lagerfeld zieht sich an – auch wenn es mehr so wirkt, als sehe man einem Ritter dabei zu, wie er seine Rüstung anlegt, um in den Kampf zu ziehen. Und einen Panzer kann er brauchen auf dem Schlachtfeld der Pariser Mode.

 

Daniel Brühl gibt in „Becoming Karl Lagerfeld“ bei Disney+ den Lagerfeld vor dem weißen, gepuderten Zopf, dem Fächer, den Handschuhen. Bevor der Couturier eine Ikone wurde, der unangefochtene Meister, vor dem die Modewelt auf Knien robbte, sondern noch bloß ein „Boche“ ist, ein Sauerkrautfresser, ein Deutscher, der als Jugendlicher in den 1950er Jahren nach Paris kommt, mit einem Skizzenbuch, einem Traum und unersättlichem Ehrgeiz.

Lagerfeld (Daniel Brühl) auf dem Laufsteg: Vor seiner ersten großen Modenschau hat er eine Panikattacke. Foto: Caroline Dubois - Jour Premier - Disney

Wie sich Lagerfeld nach oben kämpft, zäh und rücksichtslos, davon erzählt die sechsteilige Miniserie, die am 7. Juni bei dem Streaminganbieter startet. Die französischen Macher haben dafür Daniel Brühl gewonnen, einen der wenigen deutschen Schauspieler, die sich auch auf internationalem Parkett behaupten. Wem es nicht zu beschwerlich ist, der sollte sich die Serie unbedingt in der Originalversion ansehen: Brühl meistert Lagerfelds fließendes, rasend schnelles Französisch mit dem harten deutschen Akzent. Er sprach so schnell, weil er eine Mutter mit wenig Geduld hatte, Elisabeth, „Mutti“, in der Serie verkörpert von Lisa Kreuzer, die man aus vielen Filmen von Wim Wenders kennt.

Lagerfelds große Liebe: der Pariser Dandy Jacques de Bascher (Théodore Pellerin, links) Foto: Caroline Dubois/ Becoming Karl Lagerfeld/Disney+

„Becoming Karl Lagerfeld“ führt mitten ins Paris der 1970er Jahre. Lagerfeld entwirft damals für Chloé. Keine Haute Couture, sondern Prêt-à-porter – Schneiderkunst für alle, die zu einer beispiellosen Demokratisierung der Mode führte, aber von den Pariser Hohepriestern der Couture mit gerümpfter Nase beäugt wird. Doch Chloés Gründerin Gabrielle Aghion (Agnès Jaoui) steht dazu und beobachtet mit Sorge, dass ihr Chefdesigner offensichtlich nach Höherem strebt. Zum Beispiel danach, die alternde Filmdiva Marlene Dietrich, gespielt von Sunnyi Melles, einzukleiden, die dem Ehrgeizling einen weisen Rat mitgibt: „Ein Couturier ist ein Spiegel der Frau, die er einkleidet.“

Lagerfeld rivalisiert mit seinem kongenialen Freund und Konkurrenten Yves Saint Laurent (Arnaud Valois) – nicht nur um den Status als Mode-Wunderkind, sondern auch in der Liebe. Auftritt Jacques de Bascher (gespielt vom kanadischen Jungstar Théodore Pellerin), Erbe einer Weindynastie, ein blendend aussehender Pariser Dandy, der im legendären Pariser Gay-Club Le Sept unter bunten Neonröhren die Nächte durchmacht. Bald sind die drei Männer hoffnungslos in einem Dreiecksverhältnis verstrickt: de Bascher zwischen Lagerfeld, der keine Nähe zulassen kann, und Saint Laurent, der stets nach dem nächsten Rausch sucht – egal ob durch Sex oder Drogen. Der empfindsame YSL kann sich nicht selbst beschützen, das übernimmt sein Lebensgefährte und Geschäftspartner Pierre Bergé (Alex Lutz), wenn es sein muss, auch skrupellos. Karl Lagerfeld war ein höchst privater Mensch. Über die Beziehung zu de Bascher hat er sich stets in Schweigen gehüllt. Angeblich war der 18 Jahre Jüngere, der 1989 an Aids starb, Lagerfelds einzige wahre Liebe. Ob sie wirklich so turbulent, so zerstörerisch war, wie die Miniserie suggeriert?

Auch Yves Saint Laurent (Arnaud Valois, hinten) Foto: Caroline Dubois/ Becoming Karl Lagerfeld/Disney+

Die Geschichte basiert auf dem 2019 kurz nach Lagerfelds Tod erschienenen Roman „Kaiser Karl“ von Raphaëlle Bacqué. Dass die Miniserie nur lose auf wahren Begebenheiten aus dem Leben des Modezars fußt, darauf weist ein Einspieler am Anfang jeder Folge hin. Die Serie nimmt sich Freiheiten – manche sind glaubwürdiger als andere. Anstrengend wird es manchmal, wenn Namen von Modehäusern und Designern durch die Luft fliegen, ein bisschen auskennen sollte man sich im Modezirkus, denn lange erklärt wird nicht. Es ist Brühls Spiel, das die Serie trägt. Großartig die Szenen, in denen er sich mit Törtchen vollstopft, um die innere Leere zu füllen. Verehrt – und doch der einsamste Mensch in einem Saal voller Leute.

Die Ausstattung ist ein Fest für die Augen: Anzüge in Puderrosa, Schlaghosen, Haifischkragen, bordeauxrote Samtjacketts – die Kostümbildnerin Pascaline Chavanne (die unter anderem für François Ozons „8 Frauen“ arbeitete) ergeht sich in Materialien und Farben. Schließlich war es der Maestro höchstpersönlich, der einmal sagte: „Wer Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“

„Becoming Karl Lagerfeld“

Der Modezar
Karl Lagerfeld wurde 1933 in Hamburg geboren – obwohl er sich gern fünf Jahre jünger machte. Früh ging er nach Paris, begann seine Karriere bei Balmain, Patou und Chloé, bevor er 1983 zu Chanel wechselte, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 2019 gefeierte Haute Couture schuf.

Miniserie
Die Serie hat sechs Teile und startet am 7. Juni bei dem Streamingdienst Disney+. Macher der französischen Produktion sind Isaure Pisani-Ferry, Jennifer Have und Raphaëlle Bacqué. In die Hauptrolle schlüpfte Daniel Brühl („Im Westen nichts Neues“, „Inglourious Basterds“). Premiere feierte die Serie in Cannes.