Der Schriftsteller Jürgen Becker Foto: Rolf Haid/dpa

Der wichtigste deutsche Literaturpreis geht in diesem Jahr an den Schriftsteller Jürgen Becker. Der Büchner-Preis kommt für den 81-Jährigen völlig überraschend: "Ich habe weder damit gerechnet, noch darauf gewartet."

Der wichtigste deutsche Literaturpreis geht in diesem Jahr an den Schriftsteller Jürgen Becker. Der Büchner-Preis kommt für den 81-Jährigen völlig überraschend: "Ich habe weder damit gerechnet, noch darauf gewartet."

Darmstadt - Auszeichnung für ein Lebenswerk: Der Schriftsteller Jürgen Becker erhält den Georg-Büchner-Preis. Der mit 50 000 Euro dotierte Preis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung im deutschsprachigen Raum. „In seinem über Jahrzehnte gewachsenen Werk hat er die Gattungsgrenzen von Lyrik und Prosa beharrlich neu vermessen und verändert“, begründete die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am Freitag in Darmstadt die Ehrung.

„Becker ist einer der überragendsten Dichter der letzten Jahrzehnte“, meine Akademie-Präsident Heinrich Detering. „Er ist auch heute noch schöpferisch und gegenwärtig.“

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) würdigte Becker als „großartigen Poeten“ und einen „Schriftsteller der leisen und sensiblen Töne“. Ihm gelinge es, mit dem Zauber der Sprache die Dinge der Welt zu vermitteln. „Er ist ein Meister der Sprachgenauigkeit.“ Der Preis soll am 25. Oktober 2014 in Darmstadt verliehen werden.

Der 81-jährige Becker zeigte sich überrascht: „Ich habe weder damit gerechnet, noch darauf gewartet“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. „Ich weiß, dass dieser Preis ein sehr wichtiger Preis ist. Wenn er jetzt im Alter kommt, dann kann man sagen, dass es sich gelohnt hat, so alt zu werden.“ „Seine Gedichte leben aus einer sensiblen, sinnlichen, neugierigen Weltzugewandtheit und einer vollendeten, dabei ganz unaufdringlichen Sprachkunst“, hieß es in der weiteren Begründung der Jury. „In Beckers Naturansichten durchdringen sich die Zeiten, Beobachtetes und Erinnertes, Persönliches und Historisches.“

Mit seinen ersten Prosabänden „Felder“ (1964) und „Ränder“ (1968) wurde Becker als Autor experimenteller Texte bekannt, dann trat er laut Akademie als Lyriker hervor. Zu seinem umfangreichen Werk gehören unter anderem die frühen Bände „Das Ende der Landschaftsmalerei“ (1974) und „In der verbleibenden Zeit“ (1979). In Werken wie etwa „Foxtrott im Erfurter Stadion“ (1993) habe er Erinnerungen an seine ostdeutsche Kindheitslandschaft verarbeitet. Zuletzt erschien „Scheunen im Gelände“, Gedichte mit Collagen von Rango Bohne (2012). Noch dieses Jahr soll ein neues Buch fertig werden - „so eine Art Journalroman“, wie Becker sagte. „Ich nenne es „Journal der Augenblicke und Erinnerungen“. Es hat den Titel „Was wir noch wissen“.“

Becker wurde bereits als Lyriker, Hörspiel- und Prosaautor vielfach ausgezeichnet. Er erhielt 1994 den Peter-Huchel-Preis, den Uwe-Johnson-Preis (2001), den Hermann-Lenz-Preis (2006) und den Günter-Eich-Preis (2013).

Der Literaturkritiker Denis Scheck (49) reagierte mit „wilder Begeisterung“ auf den Preis für den Schriftsteller. „Becker ist ein großer Avantgardist und Revolutionär der Prosaform, trotz seiner 81 Jahre“, sagte Scheck, Redakteur beim Deutschlandfunk und Moderator des ARD-Büchermagazins „Druckfrisch“. Dem Preisträger gelinge eine hervorragende Balance „zwischen der Aufbewahrung historischer Erinnerungen und dem Aufbrechen etablierter Prosa- und Lyrikformen“. Der Suhrkamp Verlag zeigte sich hochzufrieden mit der Anerkennung. „Das freut uns sehr“, sagte Sprecherin Tanja Postpischil.

Vergeben wird der Büchner-Preis seit 1951, erstmals erhielt in Gottfried Benn. Es folgten weitere renommierte Namen der deutschsprachigen Literatur, wie etwa Heinrich Böll (1967), Friedrich Dürrenmatt (1986) oder Felicitas Hoppe (2012). Im vergangenen Jahr erhielt Sibylle Lewitscharoff die Auszeichnung. Der Namensgeber der Auszeichnung, Georg Büchner, war deutscher Revolutionär und Dramatiker („Dantons Tod“, „Woyzeck“). Der wegweisende Autor des 19. Jahrhunderts starb mit nur 23 Jahren am 19. Februar 1837 im Exil in Zürich an Typhus. 

Jürgen Becker im Porträt

Jürgen Becker machte sich als Lyriker, Prosa-Autor und Verfasser von Hörspielen einen Namen. Geboren wurde er am 10. Juli 1932 in Köln. Dort studierte er 1953 und 1954 drei Semester lang Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte und Germanistik. In den folgenden Jahren war Becker Lektor im Rowohlt Verlag, Leiter des Suhrkamp Theaterverlags und - von 1974 bis 1994 - Leiter der Hörspielredaktion des Deutschlandfunks.

Sein erster Prosaband „Felder“ (1964) machte Becker zunächst als Verfasser experimenteller Literatur bekannt. Die Wiedervereinigung wirkte sich entscheidend auf sein Schaffen aus. Bereits vor dem Mauerfall hatte er 1988 im „Gedicht von der wiedervereinigten Landschaft“ an Thüringen erinnert, wo er als Kind und Jugendlicher zeitweise lebte. Es folgten unter anderem 1993 sein Gedichtband „Foxtrott im Erfurter Stadion“ und 1999 der Roman „Aus der Geschichte der Trennungen“. 2012 erschien Beckers „Scheunen im Gelände. Gedichte mit Collagen von Rango Bohne“. Zu seinem 80. Geburtstag kam zudem mit „Wie es weiterging. Ein Durchgang.“ eine Auswahl von Prosawerken aus fünf Jahrzehnten heraus.

Bereits vor der Ehrung mit dem Büchner-Preis wurde Becker vielfach ausgezeichnet. Dazu gehören der Preis der Gruppe 47, Literaturpreise der Städte Köln, Bremen, Berlin und Düsseldorf, der Bayerische sowie der Thüringer Literaturpreis, der Heinrich-Böll-Preis, der Uwe-Johnson-Preis, der Schiller-Ring und der Günter-Eich-Preis.

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