Beate Streicher hat in dem armen südamerikanischen Land Peru mit Müttern und Kindern gearbeitet. Foto: privat

Beate Streicher hat während ihres freiwilligen sozialen Jahres in Peru in einem Haus für Straßenkinder und in einem Frauenhaus gearbeitet. Das Schicksal einer jungen Frau ging ihr besonders nah.

Sillenbuch - Sie wollte die Welt verbessern und ist als anderer Mensch zurückgekommen: Ein ganzes Jahr war Beate Streicher in Südamerika und hat direkt am Meer gewohnt. Urlaub kann man das Ganze nicht nennen – im Gegenteil. Ihr freiwilliges soziales Jahr in Peru, organisiert vom Welthaus Bielefeld, hat die 20-Jährige an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geführt.

Keine ausreichende Vorbeireitung für das Elend Perus

Beate Streicher sitzt im Garten ihres Elternhauses in Sillenbuch und lässt sich die Septembersonne aufs Gesicht scheinen. Sie kann sich nur ganz langsam wieder an dieses saubere, aufgeräumte Deutschland mit den großen Autos gewöhnen. Es ist eine Welt, in der sie nicht in jeder Minute gebraucht wird wie in Peru. Ihre Gedanken sind noch immer ganz weit weg bei den jungen Mädchen und Frauen, für die sie bis Mitte August da war; bei den Straßenkindern, die bei der Organisation „Generación“ Unterschlupf finden.

„Ich habe unterschätzt, welch krasse Erfahrung das wird“, sagt Beate Streicher. In Stuttgart hatte sich Streicher noch als Schülerin im CVJM Möhringen, beim Evangelischen Jugendwerk, beim LAC Degerloch und bei Amnesty International engagiert. Doch für das Elend Perus war das keine ausreichende Vorbereitung.

Arbeit im Frauenhaus „Generación“

Tagsüber hat sie in einem Frauenhaus von „Generación“ geholfen, dort finden Frauen und Mädchen Unterschlupf und Schutz vor Gewalt und Prostitution. In dem Haus hatte sie Marisol kennengelernt, deren Schicksal der jungen Deutschen sehr ans Herz ging. Eigentlich hatte Marisol es geschafft. Als ehemaliges Straßenkind war sie bei „Generación“ groß geworden, studierte Jura und half als Freiwillige im Haus mit. „Sie wurde von allen respektiert“, erzählt Beate Streicher. Doch dann wurde die Peruanerin schwanger und zog aus, weil sie sich mit der Direktorin überworfen hatte.

Zurück zur Familie konnte sie nicht. So landete sie in äußerst schwierigen Verhältnissen. Beate Streicher ließ den Kontakt aber nicht abreißen. Als im Juni schließlich das Kind zur Welt kam, verbrachte die Deutsche den ganzen Tag im Krankenhaus: „Ich legte mich mit allen Ärzten und Krankenschwestern an, bis ich Marisol und das Neugeborene nachts um zehn endlich sehen konnte.“ Beate Streicher überredete die Peruanerin, wieder zurück ins Frauenhaus zu kommen.

Geschichten von Misshandlungen im Knast

Doch nicht nur Marisol verdeutlichte ihr, wie schwierig das Leben in Peru sein kann. Beate Streicher arbeitete auf der Straße und lernte Straßenkinder kennen, die lieber ohne Dach über dem Kopf leben als in ihren Familien. Sie hörte von Misshandlungen im Knast und anderen krassen Geschichten: „Manche lassen sich missbrauchen, um einen besseren Schlafplatz im Gefängnis zu bekommen“, erzählt Beate Streicher. Im Frauenhaus sowie im Haus für Straßenkinder in San Bartolo in der Nähe der Hauptstadt Lima hat sie geholfen, wo es ging. Mal brachte sie Kinder abends ins Bett, dann wiederum kümmerte sie sich um den Putzplan, half bei den Hausaufgaben oder in der Küche. Mit dem örtlichen Krankenhaus hat sie so lange verhandelt, bis sie die Straßenkinder sowie die Mädchen und Frauen kostenlos behandelten.

Beate Streicher hat geholfen und gearbeitet, bis im Januar dann ihre persönliche Krise kam. Aber die junge Frau hat sie überwunden, hat viel gelernt in diesem Jahr in der Ferne. Dass etwa nach deutschen Maßstäben manche Dinge besser hätten gelöst werden können. Aber irgendwie hat es in Peru dann doch immer geklappt – auf die südamerikanische Weise. Für Streicher war es auch sehr schwierig, die emotionale Distanz zu wahren. „Die Rückfälle haben mir zu schaffen gemacht“, erzählt sie. Nach mehreren schmerzhaften Erfahrungen habe sie gemerkt, „dass man anderen nur helfen kann, wenn sie sich selbst helfen wollen“.

Beate Streicher will nun in Heidelberg Jura studieren – damit sie eine Basis hat für ihren Traum, auch in Zukunft gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen.

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