Diese hölzerne, selbstgebaute Behausung, in die auf dem Bild nur spärlich Licht fällt, war drei Menschen ein Zuhause. Foto: dpa

In einer hölzernen, selbstgebauten Behausung entdeckten Beamte der bayerischen Polizei einen „Reichsbürger“, nach dem sie mit einem Haftbefehl gesucht hatten. Der 50-Jährige war mit seinen zwei Kindern untergetaucht.

Lichtenfels - Die Stiefel auf dem Holzboden bedeckt eine feine Staubschicht, neben ihnen steht ein Wasserkanister. Links an der Wand hängt eine Jacke mit Flecktarn-Muster. Ebenfalls auf dem Foto zu sehen, das die Polizei veröffentlicht hat: ein roter Einkaufskorb, Taschentücher, eine Shampoo-Flasche. Diese hölzerne, selbstgebaute Behausung, in die auf dem Bild nur spärlich Licht fällt, war drei Menschen ein Zuhause - einem Mann und zwei Kindern. Bis die Polizei dort auftauchte und den Mann festnahm, nach dem sie mit einem Haftbefehl gesucht hatte.

Der Mann ist „Reichsbürger“, wie die Beamten am Freitag bekanntgeben. Für diese Leute ist die Bundesrepublik kein souveräner Staat. Die Bewegung wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Vermeintliche Belege für ihre Weltsicht finden sie zuhauf. Einige sagen, Deutschland sei noch im Krieg und werde von den Siegermächten kontrolliert. Andere erklären, das Grundgesetz sei keine Verfassung - und basteln sich ihre eigene Grundordnung samt dazugehörigen Ausweispapieren.

Wie genau der sogenannte Reichsbürger tickt, der versteckt in dem Steinbruch im Landkreis Lichtenfels in Oberfranken mit seinem beiden Kindern hauste, ist zunächst unklar. Überhaupt hält sich die Polizei mit Details zu dem Fall zunächst zurück. 

Verdeckte Maßnahmen erhärten Verdacht

So viel jedoch verrät sie: Beamte der Kriminalpolizei wollen den Mann schon Mitte November 2018 festnehmen - wieso, das ist ebenfalls unklar. Zuhause treffen sie ihn aber nicht an. Also machen sie sich auf die Suche nach ihm und erfahren bei der Fahndung, dass der Mann sein familiäres Umfeld gemeinsam mit den minderjährigen Kindern verlassen hat. Möglich ist zu dem Zeitpunkt auch, dass sich das Trio im Ausland aufhält - das macht die Ermittlungen so schwierig, wie die Polizei mitteilt.

Anfang Mai ergeben sich dann Hinweise, dass sich der 50-Jährige mit seinen zwei Kindern in dem Steinbruch im Lichtenfelser Landkreis verborgen halten könnte. Verdeckte Maßnahmen erhärten den Verdacht - und schließlich schlägt die Polizei am vergangenen Samstag zu. Der Mann lässt sich widerstandslos festnehmen. Er sei „sehr überrascht“ gewesen, sagt eine Sprecherin der Polizei. Jetzt sitzt er im Gefängnis, um die Kinder kümmert sich das Jugendamt.

Es ist nicht der erste Fall mit einem „Reichsbürger“ in Deutschland, der für Schlagzeilen sorgt. Im Oktober 2017 etwa verurteilte das Landgericht Nürnberg-Fürth einen 50-Jährigen unter anderem wegen Mordes an einem Polizisten zu einer lebenslangen Haftstrafe. Der Mann hatte bei einem Polizeieinsatz im Oktober 2016 elf Mal auf Beamte geschossen.

911 politisch motivierte Straftaten

Die Zahl der Reichsbürger in Bayern stagniert dem jüngsten Verfassungsschutzbericht zufolge seit Mitte vergangenen Jahres bei rund 4200 Menschen. Bundesweit ist im Verfassungsschutzbericht 2017 von etwa 16 500 Personen (2016: 10 000) die Rede. Bei rund 900 davon handele es sich um Rechtsextremisten (2016: 500 bis 600). „“Reichsbürgern“ und „Selbstverwaltern“ wurden im Berichtsjahr 911 politisch motivierte Straftaten zugerechnet, von denen 783 als extremistisch eingeordnet wurden“, heißt es weiter.

Was den 50-Jährigen motiviert hat, bleibt zunächst offen - wie überhaupt viele Fragen: Wie genau sind ihm die Ermittler auf die Spur gekommen? Und wie lange schon hat die Familie in der Erdbehausung gelebt? Nur zwei Fotos lassen erahnen, wie die drei gehaust haben. Das Versteck in der Erde wurde inzwischen geräumt - und zugeschüttet.

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