Verdiente Pause: Nach einer Radtour rund um den Chiemsee lohnt sich ein Bad mit Blick auf die Chiemgauer Berge. Foto: Erne

Im Chiemgau sind Radfahrer richtig: hier ein See, dort ein Kirchlein und viele einsame Wege.

Auf dem langen Holzsteg über den See zum Kloster rumpelt ein Fahrrad. Der Mesner, auf dem Weg zu seiner fünften Kirche, die er morgens auf- und abends wieder zusperrt. Weil sein stattlicher Schlüsselbund in der Lenkertasche für Aufsehen sorgt, bleibt Matthias Linke auf einen kleinen Schwatz stehen. Er erzählt den neugierigen Passanten, dass er nicht nur die Schlüsselgewalt über die Seeoner Kirchen hat, nicht nur die Gotteshäuser schmückt, Dachrinnen reinigt und Weihwasser nachfüllt, sondern dass er sonntags auch als Fremdenführer durch das ehemalige Benediktinerkloster führt. Mit einer Einladung zum Gottesdienst und zur Klosterbesichtigung steigt er auf sein altes Wanderer-Fahrrad, grüßt und gondelt weiter.

Im Seeoner See spiegelt sich das Kloster mit zwei kecken Zwiebeltürmchen, roten Dächern und weißen Mauern. Tiefe Stille an diesem Wochentag. Nicht einmal die Enten sind unterwegs, geschweige denn Ruderboote oder Gäste des Klosterhotels. Die scheinen unterwegs zu sein, vielleicht auf Tour zum nahen Chiemsee, zur Kampenwand oder zu einem der vielen Gewässer, die hier in verschwenderischer Fülle aus den grünen Wiesen blitzen. Rund um Seeon und Eggstätt haben die eiszeitlichen Gletscher ganze Arbeit geleistet und regelrechte Seenplatten ausgehöhlt, aber mit ihren gewaltigen Zungen auch den größten See Bayerns ausgehoben, den Chiemsee. Dank der längst dahingeschmolzenen Giganten ist also die hügelige Landschaft des Chiemgaus entstanden, wo es viele stille Winkel und unzählige Postkartenansichten gibt.

Um die zu erkunden, ist das Fahrrad ein probates Fortbewegungsmittel. Für Genussfahrer sind viele ebene Strecken um Seen und entlang von Flüssen ausgewiesen, für Sportliche die Touren über schweißtreibende Berge – und wer sich lange Strecken nicht mehr zutraut, der kann sich ein E-Bike leihen und damit unbeschwert loskurven. Damit niemand verloren geht, durchziehen Radwege mit unterschiedlichen Themen die Region zwischen Inn und Salzach: Der Mozart-Radweg führt vorbei an Seeon, wo der junge Wolfgang Amadeus einst komponiert und aufgespielt hat. Der Archäologische Rundweg verbindet Seebruck am Chiemsee mit Seeon und Truchtlaching an der Alz, wo Römer und Kelten ihre Spuren hinterließen. Der Salinenweg spürt den alten Salz-Handelswegen zwischen Bad Reichenhall und Rosenheim nach und der Benedikt-Radweg dem Leben und Wirken des heutigen Papstes. Radfahrer, die sich ohne Karten und GPS treiben lassen wollen, kreuzen einfach durch die Landschaft und finden überall ein lohnendes Ziel. So ein Ziel könnte die Eggstätt-Hemhofer Seenplatte sein, 18 perfekt in die Landschaft gebettete Seen nordwestlich des Chiemsees zwischen Rimsting, Hemhof und Eggstätt. Von Seeon aus führen kleine Sträßchen durch Wiesen und Weiler. Kein Verkehr, kein Lärm, nur das Tuckern eines alten Traktors ist zu hören. Die Alpen zeigen sich als Zacken und Zitzen am Horizont, Pferde und Kühe oder kleine Weiher mit Ruderboot wirken hingegossen wie für einen Werbeprospekt. Zwischen Oberbrunn, Niederham und Meisham zeigen Münchner und Rosenheimer gelegentlich ihre flotten Flitzer, ansonsten sind hier nur Fahrräder und Hühner unterwegs. Im Kautsee spiegeln sich weiße Schäfchenwolken, das Schilf raschelt leise, kein Tier, kein Mensch, obwohl gleich um die Ecke Badeplätze und Biergärten gut besucht sind und der Chiemsee nur zehn Kilometer entfernt ein starker Anziehungspunkt ist.

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