Münchens Generalmusikdirektor Kirill Petrenko Foto: dpa

Szenisch geht es an der Bayerischen Staatsoper oft dekorativ und langweilig zu. Am Pult aber steht mit dem Russen Kirill Petrenko ein Mann, den alle lieben. Seinetwegen gaben die Kritiker der Zeitschrift „Opernwelt“ die Auszeichnung „Opernhaus des Jahres“ 2014 nach München.

Nicht nur am Pult des Bayerischen Staatsorchesters hat der seit 2013 amtierende kleine große Münchner Generalmusikdirektor seinem Haus viel Glück beschert. Der Ruhm, mit dem Kirill Petrenko für sein Dirigat beim Bayreuther „Ring des Nibelungen“ im letzten und auch wieder in diesem Jahr überschüttet wurde, ist auch in die bayerische Landeshauptstadt hinübergeschwappt. Und jetzt ist es vor allem der gerade mal gut 1,60 Meter lange Russe, der die begehrteste Auszeichnung des Opernbetriebs nach München holt: 2014 ist die Bayerische Staatsoper Deutschlands „Opernhaus des Jahres“.

Genialer, stiller Pultstar

Dabei macht der 1972 im sibirischen Omsk geborene Petrenko nichts außer Musik. Keine Interviews, keine CDs. Wer ihn erleben will, muss zu ihm pilgern. Dann kann er etwas hören, was einer enormen Vertiefung in die Musik erwachsen ist. Auch dies bewirkt, dass der Mann, der sich jenseits des Dirigentenpults so rar macht, eine Kultfigur geworden ist. In Mozarts „La Clemenza di Tito“ (Inszenierung: Jan Bosse) und in Zimmermanns „Soldaten“ (Inszenierung: Andreas Kriegenburg) war Petrenko der stille Star. Sogar Krzysztof Warlikowskis wirre Inszenierung von Richard Strauss’ „Frau ohne Schatten“ hat er gerettet.

Dekorative Szene

In den letzten Jahren und Jahrzehnten ging die Auszeichnung „Opernhaus des Jahres“ an Institutionen, die sich durch künstlerischen Wagemut auszeichneten. Dabei liegt die Oper Stuttgart an der Spitze: Sechsmal hat sie vor allem für die Qualität ihrer Inszenierungen den begehrten Titel errungen. Ähnliches galt für das Theater Basel, während in der Oper Frankfurt vor allem die Qualität des (jungen) Ensembles überzeugte. Dass jetzt mit der Bayerischen Staatsoper ein Haus das „Opernhaus des Jahres“ ist, das vor allem mit kulinarischen, oft im Dekorativen verharrenden szenischen Bebilderungen und mit dem Glanz zahlreicher Sängerstars Kasse macht, wirkt wie eine ästhetische Kehrtwende. Die Auszeichnung für sein Haus, sagte jetzt Münchens Opernintendant Nikolaus Bachler, sei „eine schöne Anerkennung für Mut und Risikobereitschaft“. Für manches Haus, das Seltenes und Schwieriges mühsam mit Hits des Opernrepertoires gegenfinanziert, mag das ziemlich zynisch klingen. Und für Michael Volle, den die „Opernwelt“ jetzt für die Titelpartie im langweiligen Münchner „Wilhelm Tell“ zum „Sänger des Jahres“ kürte, mag der Preis nur eine kleine Genugtuung sein – schließlich war Volle als Münchner Ensemblemitglied unter dem eher auf junge Akteure setzenden Bachler zuvor kaum mehr zum Zuge gekommen.

Auszeichnung für Hölszky

Nur wenig Ruhm bleibt für andere: Der „Chor des Jahres“ kommt vom Nationaltheater Mannheim – ebenso wie die „Uraufführung des Jahres“, bei der er sich besonders auszeichnete, Adriana Hölszkys Oper „Böse Geister“. „Regisseur des Jahres“ ist Romeo Castellucci, der in Wien und Brüssel Glucks „Orpheus und Eurydike“ inszenierte. „Bühnenbildner des Jahres“ wurde der Serbe Aleksandar Denic, der den „Ring“ in Bayreuth ausstattete, „Kostümbildnerin des Jahres“ ist Gesine Völlm („Meistersinger“ in Salzburg).

Der Rest gehört wieder den Münchnern: „Beste Nachwuchskünstlerin“ ist Münchens Ensemblemitglied Hanna-Elisabeth Müller, Gewinnerin des Liedwettbewerbs der Hugo-Wolf-Akademie 2012; „Aufführung des Jahres“ wurden Kriegenburgs „Soldaten“. Dass Kirill Petrenko auch „Dirigent des Jahres“ ist, wirkt konsequent. In dieser Saison wird er in München „Lulu“ und „Lucia di Lammermoor“ (mit Diana Damrau) leiten, und es dürfte nicht verwundern, wenn die allgemeine Liebe zu ihm auch im nächsten Sommer wieder die Kritiker blind machen wird.

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