Ohne einen starken Automobilbereich – hier ein Blick in die Sindelfinger Produktion von Mercedes – sorgen sich die Menschen um den Wohlstand im Land. Foto: imago images/Hans-Günther Oed

Die kritische Lage vor allem der Industrie führt zu Einschränkungen bei einem Gutteil der Menschen. Dies zeigt der aktuelle BaWü-Check der baden-württembergischen Tageszeitungen.

Über Jahrzehnte waren die Automobil- und Zulieferindustrie und der Maschinenbau die Garanten einer florierenden baden-württembergischen Wirtschaft. Wenn ausgerechnet in den einstigen Hochburgen der Stabilität im großen Stil Personalabbau betrieben wird, macht das was mit den Menschen. Ein erheblicher Teil sieht dahinrinnen, was das Land stark gemacht hat.

 

Jeder kann verfolgen, wie Mercedes-Benz, Porsche sowie die Zuliefererkonzerne Bosch, ZF & Co. ins Straucheln kommen. Am eindrücklichsten macht sich dies im neuen BaWü-Check der baden-württembergischen Tageszeitungen an der Frage fest, ob der Region Stuttgart ein Szenario droht wie der US-Autostadt Detroit (Michigan), sofern sich die Lage in der Automobilindustrie nicht verbessert – ein Niedergang auf ganzer Linie nämlich. Bemerkenswerte 45 Prozent halten dies für möglich, wie das Institut für Demoskopie Allensbach feststellt. Lediglich knapp jeder Dritte hält dies für zu pessimistisch.

Entsprechend zeigen sich 57 Prozent der Befragten über die Lage der Automobilindustrie stark oder sehr stark beunruhigt. Unter denjenigen Beschäftigten, die die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes im Blick haben, geben sogar 71 Prozent an, dass sie stark oder sehr stark beunruhigt sind.

„Wer eine negative Bilanz der eigenen wirtschaftlichen Lage zieht, der bewertet auch die wirtschaftliche Lage des Landes negativer, als das der Durchschnitt der Bevölkerung tut“, sagt die Geschäftsführerin des Allensbacher Instituts, Renate Köcher. Insofern lässt sich auch ein erstaunlicher Wandel im Meinungsbild der Baden-Württemberger erkennen: Vormals zeigte die Mehrheit der Bevölkerung zwar besorgt, aber kaum persönlich von der Krise betroffen. Nun hat sich der Kreis derer, die Konsequenzen für ihren Arbeitsplatz fürchten, deutlich vergrößert.

Der Stimmungswandel führt zu einem veränderten Konsumverhalten. Zwei Drittel der Bevölkerung achten nach eigenen Angaben beim Einkaufen derzeit mehr auf den Preis als früher, knapp jeder Zweite versucht sich generell einzuschränken und sparsamer zu leben, und fast jeder Dritte hat zuletzt größere Anschaffungen vorerst verschoben.

Auch die Probleme des Arbeitsmarktes rücken näher an die Bevölkerung heran: 16 Prozent wissen von Angehörigen zu berichten, die sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen, weitere sieben Prozent haben Familienangehörige, die ihren Job bereits verloren haben. Jeder Zehnte macht sich auch Sorgen um die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes, unter den Berufstätigen sind es 15 Prozent. Drei Prozent haben ihren Arbeitsplatz bereits verloren. Köcher relativiert jedoch: Der Anteil der Erwerbstätigen, die um ihren Arbeitsplatz fürchten, sei deutlich niedriger als beispielsweise in der kritischen Phase nach der Jahrtausendwende, was trotz Wirtschaftsflaute an einem noch relativ robusten Arbeitsmarkt liege. „Die große Mehrheit rechnet mit einem nur moderaten Anstieg der Arbeitslosigkeit“, so Köcher.

Die Mehrheit der Arbeitnehmer wäre dennoch bereit, Einschränkungen für den Erhalt des eigenen Jobs in Kauf zu nehmen, falls er gefährdet wäre: So würde es knapp jeder zweite Arbeitnehmer akzeptieren, sich umschulen zu lassen oder eine Fortbildung zu machen, um den eigenen Arbeitsplatz zu erhalten. Jeweils 37 Prozent könnten sich vorstellen, ihre Arbeitszeiten zu verlängern oder Kurzarbeit zu machen; knapp jeder Vierte wäre bereit, auf Urlaubstage zu verzichten. Eine Minderheit von neun Prozent hingegen würde Lohnkürzungen akzeptieren, um den eigenen Job zu erhalten. Und lediglich 15 Prozent der Arbeitnehmer wären gar nicht zu Zugeständnissen bereit. Speziell Berufstätige aus den unteren Einkommensgruppen würden Einschränkungen weniger akzeptieren als Berufstätige aus den mittleren oder höheren Einkommensstufen.

Dass die Krise ins Bewusstsein eindringt, zeigt sich auch daran, dass der Kreis derer, die für die kommenden fünf Jahre mit Wohlstandseinbußen rechnen, kontinuierlich wächst. Aktuell befürchten schon 28 Prozent der Bevölkerung eine Verschlechterung ihrer materiellen Situation. In einer bundesweiten Befragung des Allensbach Instituts im Mai lag der Anteil noch bei 16 Prozent, damit deutlich niedriger. Doch glaubt die Mehrheit nach wie vor nicht, dass sich ihre materielle Lage nennenswert verschlechtert. Da lohnt aber auch der Blick auf die Altersgruppe: In der jungen Generation geht rund die Hälfte davon aus, dass sich ihre eigene ökonomische Lage verbessern wird – bei den über 60-Jährigen sind es nur zehn Prozent.

Vier Monate vor den Landtagswahlen im Südwesten überrascht nicht, dass das Wahlverhalten von der aktuellen Misere geprägt sein dürfte. 68 Prozent meinen, dass die Landesregierung mehr tun müsste, um den Wirtschaftsstandort zu stärken. Überdurchschnittlich sind die Anhänger von AfD und FDP davon überzeugt, unterdurchschnittlich die Anhänger von SPD, Grünen und Linken.

Entsprechend skeptisch wird die Wirtschaftsministerin des Landes, Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU), bewertet: Von denen, die die Ministerin kennen, beurteilen 34 Prozent die Arbeit der Politikerin positiv, während ihr 22 Prozent eine „weniger gute“ und 21 Prozent „keine gute“ Arbeit attestieren. Rund jeder Vierte traut sich in dieser Frage kein Urteil zu. Besonders kritisch äußern sich erneut die potenziellen Wähler von AfD und FDP, während das Urteil der Anhänger der Regierungsparteien, Grüne und CDU, überwiegend positiv ausfällt.

Die bildungspolitische Agenda der Bevölkerung

Wenn es generell um Wege in eine bessere Zukunft geht, wird stets das Bildungssystem genannt. Die Erwartungen sind hoch. An der Spitze der Forderungen, wofür sich ein Bildungspolitiker besonders einsetzen sollte, stehen Integrationsmaßnahmen und eine bessere Vorbereitung auf das Berufsleben. 60 Prozent erwarten den Einsatz für verpflichtende Deutschkurse zugunsten von Schülerinnen und Schülern mit Sprachproblemen, 59 Prozent fordern, dass Kinder und Jugendliche in den Schulen mehr auf das Berufsleben vorbereitet werden, und 50 Prozent werben für die Sanierung maroder Schulbauten.

Knapp jeder Zweite sieht es als zentrale Aufgabe der Bildungspolitik an, für eine bessere digitale Ausstattung der Schulen sowie für weniger Stundenausfall zu sorgen. Vier von zehn Bürgern halten es zudem für besonders wichtig, dass der Wert von Ausbildungsberufen erhöht wird, damit sich mehr Schüler für eine Lehre entscheiden, ebenso viele wünschen sich kleinere Klassen. Auch die Förderung von leistungsschwächeren Schülern sowie die Integration von ausländischen Schülern halten viele für elementar.

Beim Übergang von der Schule in den Beruf hapert es offenkundig – die Wirtschaft wirbt schon seit Jahren darum, mehr Einfluss auf die berufliche Orientierung der Schülerinnen und Schüler zu gewinnen. Erfolge stellen sich nur langsam ein. Auch die große Mehrheit der Befragten hat den Eindruck, die Schulen im Südwesten würden unzureichend auf das Berufsleben vorbereiten: 60 Prozent sind davon überzeugt, dass die Kinder weniger oder gar nicht gut auf den Wechsel eingestimmt werden; lediglich 29 Prozent halten die Anstrengungen der Schulen in dieser Hinsicht für gut oder sehr gut.