Die Bauwirtschaft sieht sich als Konjunkturlokomotive. Doch die Branche drücken auch Sorgen – allen voran die Diskussion über Zuwanderer aus Osteuropa und das fehlende Geld für Großprojekte.
Stuttgart - Für die Bauwirtschaft in Baden-Württemberg ist das vergangene Jahr besser gelaufen als erwartet. Verbandspräsident Thomas Schleicher sieht die Branche „auf Wachstumskurs“. Alles bestens also? Mitnichten. „Ekel und Abscheu“ überkomme ihn, wenn er die Diskussion über die Zuwanderung aus Osteuropa verfolge, sagt Schleicher. Als ob nun „die Jungfrauen wegzusperren seien und abends die Bürgerwehr losziehen müsste“. Hintergrund ist die seit diesem Jahr geltende Niederlassungsfreiheit für Rumänen und Bulgaren in der EU, die hierzulande eine Debatte ausgelöst hat über die Zuwanderung in deutsche Sozialkassen. Schleicher, der auch Präsident der europäischen Bauverbände ist, bricht eine Lanze für die osteuropäischen Bauarbeiter: „Ohne die Expertise und Qualität der rumänischen und polnischen Bauarbeiter, die komplizierteste Bauwerke planmäßig fertigstellen, könnte die deutsche Bauwirtschaft einpacken.“
Deutliche Worte findet Schleicher auch für die Politik, die selbst „dringlichste Bauprojekte“ nicht in Angriff nehme. Und das, trotz deutlich gestiegener Steuereinnahmen. Es sei skandalös, dass etwa der Ausbau der A8 am Albaufstieg nicht vorankomme. Dieser Streckenabschnitt zählt zu den am meist befahrenen in Deutschland. Seit 1999 werde hier geplant, geschehen sei nichts. Für Schleicher „ein unhaltbarer Zustand“. Um die Finanzierungskosten von geschätzten 500 bis 600 Millionen Euro zu schultern, sollte der Ausbau als öffentlich-private Partnerschaft organisiert werden. Dabei plant, baut und betreibt ein privates Bauunternehmen die Strecke und erhält im Gegenzug für 30 Jahre die Mauteinnahmen für diesen Abschnitt. Weil die Politik, so Schleicher, den Ausbau des Albaufstieg von einer zusätzlichen kostenfreien Entlastungsstrecke abhängig mache, scheuten Investoren sich zu engagieren. Durch die Entlastungsstraße rechne sich die Mautstrecke nicht mehr.
Die Bauwirtschaft sieht bei vielen Infrastrukturprojekten Nachholbedarf. Schleicher nennt nur einige. So seien viele Brücken in einem unhaltbaren Zustand und mit schweren Lastwagen nicht mehr zu befahren. Auch die Kanalnetze müssten dringend saniert werden. „Es brennt an allen Ecken und Enden, doch der Bund stellt die öffentlichen Mittel nicht zur Verfügung“, sagt Dieter Diener, Geschäftsführer der Landesvereinigung Bauwirtschaft. Schleicher hat dafür kein Verständnis. Durch die geplante Rentenreform – die Rente mit 63 und die Mütterrente – entstünden bis 2030 Mehrausgaben von 160 Milliarden Euro, „gleichzeitig ist Deutschland auf dem Weg infrastrukturell eine Bananenrepublik zu werden“, beklagt der Baupräsident. Um größere Bauprojekte umzusetzen, fordert der baden-württembergische Verband vom Bund die Einrichtung eines Sonderetats für besonders dringliche Großprojekte. Dieser Sonderfonds sollte zusätzlich zum laufenden Verkehrshaushalt eingerichtet werden.
Die Bauwirtschaft in Baden-Württemberg ist gut ins neue Jahr gestartet. Der Verband rechnet aufs Jahr mit einem Umsatzplus zwischen 2,5 bis drei Prozent. Viele Betriebe haben inzwischen erhebliche Probleme geeignete Fachkräfte zu finden. Starker Mangel herrsche bei gewerblichem Führungspersonal und Bauingenieuren. Auf den Baustellen seien deshalb immer mehr „graue Panther“ zu sehen, sagt Schleicher in Anspielung auf die Haarfarbe älterer Ingenieure. Die demografische Entwicklung spiegele sich auch in den Ausbildungszahlen wider. 2013 ging die Zahl der Lehrlinge um zwei Prozent auf 5884 zurück.