Keramikgefäße aus einem römerzeitlichen Gräberfeld bei Merklingen Foto:  

Spannende Funde haben Archäologen entlang der Baustelle für die neue S 21-Bahnstrecke zwischen Stuttgart und Ulm ausgegraben. Eine Ausstellung in Ulm zeigt die wichtigsten Stücke.

Ulm/Stuttgart - Ein einziger Kulturacker ist dieses Baden-Württemberg. Man fange nur großflächig an zu graben, ganz gleich wo, und schon sprießen Scherben altrömischer Amphoren aus der Erde, Pfahlreste keltischer Gehöfte, Silex-Pfeilspitzen steinzeitlicher Jäger oder Schwertklingen ruhmreich bestatteter alamannischer Krieger. Mit ein wenig Glück findet sich sogar ein Silberschatz.

So geschah es von 2010 bis 2016 entlang der ICE-Neubaustrecke zwischen Stuttgart und Ulm, die auf der Albhochfläche eine Doppelbaustelle ist, weil dort zugleich die Autobahn 8 neu entsteht. Die Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege schlossen sich zu einer stillen Vorhut für Bagger und Tunnelvortriebsmaschinen zusammen. Bei dieser Rettungsgrabung – einer der größten im Bundesgebiet – werteten sie alte Luftbilder des Baustellengebiets aus, scannten und gruben, bargen und sortierten, reparierten und komplettierten. Völlig neue Fenster in die früheste Siedlungsgeschichte des Südwestens öffneten sich ihnen. Die spektakulärsten Funde sind jetzt in einer Ausstellung versammelt, die im Museum Ulm gezeigt wird.

Der Albboden bewahrte Schätze der Vergangenheit

Die Schau trägt den Titel „41 Minuten“, das ist exakt die Zeit, die nach der Fertigstellung der neuen Gleisverbindung die Regionalbahnen zwischen Ulm und Stuttgart unterwegs sein sollen. Gleichsam diese Bahnfahrt der Zukunft schon jetzt vollziehend, reist der Museumsbesucher über die Vitrinenstationen Dornstadt und Merklingen, Nellingen und Hohenstadt, Aichelberg und Wendlingen zum Stuttgarter Hauptbahnhof. Wo zurzeit der große Trog gähnt, so klärt die Ausstellung auf, haben die Römer einst Ziegel gebrannt, und nach ihnen ließen sich am selben Ort germanische Bauern nieder.

Die spannenderen Grabungsstellen fanden sich allerdings auf der Albhochfläche, wo die Böden im Winter lange gefroren sind und die Überschwemmungsfluten eines Nesenbachs keinen Schaden anrichten konnten. In Merklingen zum Beispiel. Dort meldeten die Landesarchäologen 2014 den Sensationsfund eines Silberschatzes. 42 keltische Silbermünzen, nur so groß wie Centstücke, wurden in Kleinarbeit zusammengetragen. Vermutlich die Pflüge der Bauern haben die Silberlinge verstreut, doch ursprünglich waren sie wohl zusammen in einem Kleingefäß vergraben worden. Möglich, sagt Kurt Wehrberger, der Ulmer Kurator der Ausstellung, dass es sich um den Lohn eines Söldners handelte. Warum der Besitzer nie mehr zurückkam, bleibt ein Geheimnis.

Tausende Schuhnägel im Lehmboden bei Nellingen

Die archäologische Ausstellung besitzt – auch aufgrund ihrer Verbindung zum Zukunftsthema Bahn – eine sehr technische Ausstrahlung, die weiß gestrichenen hohen Räume im Erdgeschoss des Museums verstärken die gefühlte intellektuelle Kühle. Die Leitfarbe ähnelt dem Rot im Signet der Deutschen Bahn, präzise technische und wissenschaftliche Erklärungen waren den Ausstellungsmachern wichtiger als die Suche nach der Emotion.

Aus dem Münzschatz von 2014 ist in der Ausstellung ganz dröge ein „Münzhort“ geworden. Als ob im Museum ein Misstrauen gegenüber allzu hochfliegenden Fantasien der Betrachter herrsche. Dabei zählen die Ausflüge ins Unbekannte, Spekulative zu den schönsten Erfahrungen bei der Schau.

Ganz sicher gilt das für eine bisher unbekannte römische Wegtrasse bei Nellingen. Gegen ihre sonstigen Maßstäbe haben die Römer auf diesem Abschnitt nur die Grasnabe abgehoben und den Lehm festgewalzt. In diesem zähen Untergrund fanden sich, auf nur 500 Meter Länge und in unterschiedlicher Tiefe, mehr als 6000 Nägel römischer Soldatenstiefel. Einige Nägel seien älter als die bekannten frühesten römischen Siedlungen der Region, sagt der Kurator Wehrberger. Er vermutet, sie könnten von „römischen Stoßtrupps“ stammen. Oder Wendlingen: Dort stießen die Archäologen auf einen alamannischen Friedhof. Einige Grabbeigaben zeigt die Ulmer Schau vorab, denn das frühmittelalterliche Gräberfeld insgesamt ist noch längst nicht ausgewertet.

Ein zusätzlicher Sinn für die Großaustelle?

Wenn die große Gleisschneise über die Schwäbische Alb ein Raub an wertvollen landwirtschaftlichen Böden ist, wie viele Kritiker meinen, dann könnten all die neuen Funde und Erkenntnisse einen Gegenwert bilden. Die S-21-Baustelle macht die Reisenden von morgen nicht nur schneller, sondern bringt ihnen ein bisher unbekanntes Stück regionaler Menschheitsgeschichte nahe. Die Ausstellung „41 Minuten“ ein Mittel des Ausgleichs und der Versöhnung – das wäre ein ganz großer Wurf. Mal sehen, was das Publikum meint.

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