Die mehrachsigen Kipplaster für den Erdaushub sind beladen weit über 20 Tonnen schwer – und zu groß für die Straßen im Raitelsberg. Foto: Jürgen Brand

Die Siedlung ist umzingelt von drei Baustellen. Weil die Laster zu groß sind, wird auch auf dem Gehweg gefahren.

S-Ost - Seit Wochen leiden die Anwohner in der Siedlung Raitelsberg unter immer mehr Baustellenverkehr. Vor den Ferien quälten sich Tag für Tag große Kipplaster durch die engen Raitelsberg-Straßen. An der Parkstraße nahmen morgens die riesigen Schwergewichte hintereinander Aufstellung, um auf ihren Abruf zu einer der Baustellen zu warten. Die Straßen sind für die großen Laster zu klein, die Kurven zu eng, Reifenspuren zeigen deutlich, dass die Fahrer oft über lange Strecken auch auf den Gehwegen fahren, mit schon deutlich sichtbaren Folgen für den Belag und die Randsteine.

Ein Bäcker, zwei Schulen

Der Raitelsberg ist sozusagen der letzte Zipfel des Stadtteils Ostheim, direkt neben dem Gaskessel. Die eigentliche Siedlung wird umgrenzt von der Parkstraße, der Sickstraße und der Röntgenstraße. An der Röntgenstraße liegt die Raitelsbergschule, die sich in den vergangenen Jahren herausgeputzt hat und fast schon zu einer Vorzeigeschule geworden ist. Nur wenige Meter daneben ragt die ungleich größere Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule an der Sickstraße mit ihren Gebäuden und Sportanlagen weit in den Park der Villa Berg hinein.

Die erste große Baustelle am Rand der Wohnsiedlung – wo die Stuttgarter Städte- und Wohnungsbaugesellschaft mbH (SWSG) kontinuierlich die in die Jahre gekommenen Sozialwohnungsbauten saniert – war das Kindergartenprojekt an der Ecke Parkstraße/Abelsbergstraße. Dort wird seit 2017 gebaut. Erst wurde der alte, schon länger aufgegebene Kindergarten abgerissen, dann begann der Bau der neuen Kindertagesstätte für 55 Kinder. In zwei der vier Gruppen sollen Kinder im Alter von 0 bis 3 Jahren betreut werden, was den Versorgungsgrad gerade in dieser Altersgruppe im Stuttgarter Osten deutlich verbessert. Nach dem ursprünglichen Zeitplan, der im Januar 2017 im Bezirksbeirat vorgestellt wurde, hätte die Kita jetzt eröffnet werden sollen. Daraus wird nichts, die Bauarbeiter haben noch einiges zu tun. Nach jetzigem Stand der Dinge soll Anfang 2020 mit der Inneneinrichtung begonnen werden. Bauarbeiter und Handwerker werden also bis ins nächste Jahr hinein dort für Verkehr sorgen.

Zwei große Wohnbauprojekte

Zu dieser fast schon Langzeitbaustelle kam vor einigen Monaten die Großbaustelle an der Ecke Hackstraße und Abelsbergstraße schräg gegenüber der Kita-Baustelle. Dort entsteht laut Aushang ein „Wohn- und Geschäftsgebäude mit 32 Wohneinheiten, Büros für Architektur, Fotostudio, Werbefabrik, Grafikdesign, Lagerflächen + 69 Garagenstellplätze“. Bauherr ist die „Kulturpark Berg KPB Gmbh & Co. KG“. Das Bauprojekt hatte schon lange im Vorfeld für Verärgerung bei den Nachbarn gesorgt, weil zum Beispiel die direkt benachbarte Merz-Akademie die Fläche gerne für eine Erweiterung gehabt hätte, zumindest als Mieter in dem Neubauprojekt. Dazu kam es jedoch nie. Im Frühsommer litt die Akademie dann unter dem Lärm des Erdaushubs der gewaltigen Baugrube, inzwischen haben die Betonierarbeiten begonnen. Die Arbeiten sollen laut Aushang bis Juli 2020 beendet sein – was angesichts der Größe des Bauprojekts ein sehr ambitionierter Zeitplan sein dürfte.

Das dritte ähnlich große Bauprojekt direkt am Raitelsberg firmiert unter dem Namen „dreizeit – Wohnen an der Villa Berg“. Geplant sind dort 48 Wohnungen mit gehobenem Standard. Die Bauarbeiten sollen spätestens Ende 2020 beendet sein, das Parkverbot in einem größeren Abschnitt an der Sickstraße gilt laut Aufschrift bis Oktober 2020. Der Erdaushub auf der Fläche des ehemaligen Betriebshofs des Garten-, Friedhofs- und Forstamtes an der Sickstraße direkt neben der Cotta-Schule ist inzwischen beendet.

Gefährlich für die Schulkinder

Karin Dünkel vom Familien- und Begegnungszentrum Raitelsberg hatte wegen der Baustellen schon frühzeitig im Bezirksbeirat Stuttgart-Ost vorgesprochen und um eine bessere Koordination und Abwicklung des Baustellenverkehrs gebeten, nicht nur mit Rücksicht auf die Anwohner, sondern vor allem auch auf Hunderte von Schülern, die Tag für Tag durch die Raitelsberg-Siedlung von und zu ihren Schulen laufen. Passiert ist allerdings nichts, was nicht nur Dünkel ärgert, sondern beispielsweise auch Maria Dehmer. Sie wohnt seit elf Jahren in dem Gebiet. Sie leidet unter dem Lärm und auch dem Dreck, den die Lastwagen fast zwangsläufig mit ihren Reifen aus den Baugruben über die Straßen und Gehwege des Gebiets verteilen. Und sieh hofft jeden Tag, dass nichts passiert, so eng, wie es zeitweise zugeht. Außerdem fragt sie sich, wer die zunehmend beschädigten Wege, Randsteine und Straßen nach dem Ende der Arbeiten wieder in Ordnung bringt.

Auch Martin Blankenhorn, Chef der gleichnamigen Bäckerei im Raitelsberg, sieht das ähnlich. Es sei manchmal schon gefährlich für die Kinder und die Straßen würden auch kaputt gehen. Allerdings profitiert er auch von den Baustellen – weil die Bauarbeiter bei ihm Kaffee und Vesper kaufen. Ferruh Dutar wohnt seit 15 Jahren in dem Gebiet und hatte im Juli öfter mal Probleme, Termine einzuhalten. „Die Lastwagen stehen Schlange, man kommt morgens kaum aus dem Parkplatz raus“, erzählt er von seinen Erfahrungen im Juli. Ob es jetzt, nach dem Ende des Erdaushubs, besser wird, bleibt abzuwarten. Jetzt kommen die Betonmischer und die Lastwagen mit Baumaterial.

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