Auf den Fildern und im Neckartal ist derzeit wegen der Stuttgart-21-Großbaustelle vieles im Umbruch. Bei Wendlingen sollen ab Dezember 2025 die ICE-Schnellzüge mit 250 Stundenkilometern in nur zweieinhalb Minuten durch den Kreis Esslingen rollen. 

Köngen/Denkendorf - Von der Baustelle des Projekts Stuttgart 21 bei Denkendorf ist die „Blaue Mauer“ der Schwäbischen Alb zu sehen, die schon der Dichter Eduard Mörike im 19. Jahrhundert gewürdigt hat. Auf den Fildern und im Neckartal ist derzeit wegen der Großbaustelle vieles im Umbruch. „Ab Dezember 2025 sollen die ICE-Schnellzüge in ganzen zweieinhalb Minuten durch den Kreis Esslingen rollen“, sagt Jan Dambach, der Pressesprecher für das Bahnprojekt. Die Züge werden auf dieser Strecke mit 250 Stundenkilometern unterwegs sein. Die Autos rollen auf diesem Abschnitt gerade mal halb so schnell. Die Bahnstrecke soll im Dezember 2025 in Betrieb gehen.

 

Fahrzeit wird von 54 auf 35 Minuten reduziert

Die Fahrzeit von Stuttgart nach Ulm soll auf der Schiene von 54 auf knapp 35 Minuten reduziert werden. Ziel ist es, dass die ICE-Züge fast auf der gesamten Bahnstrecke das hohe Tempo halten können. In Denkendorf führt ein Tunnel unter der Autobahn hindurch. „Um den Flächenverbrauch an der Neubaustrecke möglichst in Grenzen zu halten, führen wir die Bahnstrecke erst auf der einen, dann auf der anderen Seite der Autobahn“, erläutert Peter Wer, der Projektleiter des Bauabschnitts 1.4 zwischen dem Flughafen und Wendlingen.

Lesen Sie hier: So sieht die S-21-Großbaustelle bei Wendlingen aus der Vogelperspektive aus

768 Meter langes Bauwerk

Dieses Bauwerk ist 768 Meter lang. Der Bau ist bereits fertig. Mit modernstem Gerät haben die Arbeiter dieser Tage einen Scan durchgeführt, um mögliche Schäden oder Risse in dem Bauwerk aufzuspüren. „Das machen wir in allen Tunnelbauwerken an der Strecke“, erläutert Ingenieur Peter Wer. Schienen sind auf diesem Abschnitt noch nicht verlegt. Vor dem Tunnel haben die Planer eine große Fläche freigehalten. „Dort könnten Rettungsfahrzeuge halten, falls es einen Unfall geben sollte“, sagt der Bauexperte.

Gab es auf der Großbaustelle denn Probleme wegen der Coronapandemie? „Obwohl unsere Bauarbeiter in Containerunterkünften leben, hatten wir da keine Probleme“, zieht Wer ein positives Fazit der Arbeiten. Zufrieden ist er auch mit den Baufirmen, die beteiligt waren. Neben einem Großunternehmer habe man mit mittelständischen Firmen aus der Region zusammengearbeitet.

Umfangreiche Bauarbeiten an der A8-Anschlussstelle Esslingen

Auch bei Neuhausen an der Anschlussstelle der Autobahn sticht eine riesige Erdaufschüttung hervor. Wegen der Streckenführung der Schnellbahnstrecke muss die Zu- und Abfahrt der Autobahn neu geordnet werden. Der Umbau der Anschlussstelle Esslingen umfasst unter anderem den Bau von drei Bahnbrücken, zwei Straßenbrücken, einer Brückenverbreiterung und vier Stützwänden. Teil des Auftrags ist auch die Verbindung der Autobahn-Anschlussstelle mit der bereits fertiggestellten Nordumfahrung Neuhausen sowie der Umbau des Knotenpunkts von L 1202 und Neuhauser Straße. Das alles passiert bei laufendem Betrieb. „Während der Bauarbeiten bleiben alle Verkehrsbeziehungen auf der Autobahn 8 und der Landesstraße 1202 erhalten“, sagt der Bahnsprecher Jan Dambach. Die Arbeiten hatten im Frühsommer 2019 begonnen.

Insgesamt hat die Strecke im Planfeststellungsabschnitt I.4 eine Länge von 8167 Metern. Neben einer Reihe kurzer Straßen- und Eisenbahnüberführungen werden das Denkendorfer Tal (175 Meter) und das Sulzbachtal (386 Meter) auf Talbrücken gequert. Anschließend fällt die Strecke Richtung Neckartal ab. Unmittelbar vor der neuen Neckarbrücke Wendlingen endet der Planfeststellungsabschnitt 1.4 und damit der Bereich des Projekts S 21 – Neuordnung Bahnknoten Stuttgart.

Schallschutz hat hohen Stellenwert

Nahtlos schließt sich daran der Planfeststellungsabschnitt 2.1 a/b der rund 60 Kilometer langen Neubaustrecke Wendlingen-Ulm an. Der Streckenabschnitt verlaufe „durchweg im größtmöglichen Abstand zur Bebauung“, so Jan Dambach – nur an einzelnen Gebäuden am Ortsrand von Köngen seien Schallschutzmaßnahmen erforderlich. „Der Schallschutz hat für uns einen sehr hohen Stellenwert“, sagt Projektleiter Peter Wer. Das gelte auch für die Bahnbaustelle. „Wir haben den Stand der Arbeiten offen mit den Anwohnern kommuniziert“, sagt der Projektleiter. Deshalb haben sich die Beschwerden aus seiner Sicht auch in Grenzen gehalten.

Spektakulärer Brückeneinschub im Februar

Eine besondere Herausforderung ist es derzeit für Peter Wer, den Autobahnknoten in Wendlingen mit der Neubaustrecke in Verbindung zu verknüpfen. 22 Brücken gibt es insgesamt auf dem Bauabschnitt zwischen dem Flughafen und Wendlingen. Im Februar wurde die 820 Tonnen schwere Stahlbrücke über die Bundesstraße 313 geschoben. Das war ein besonders herausforderndes Projekt für Wer und die beteiligten Baufirmen. Für den Brückeneinschub wurde die Bundesstraße zeitweise für den Verkehr voll gesperrt. „Wann immer es geht, versuchen wir, die Arbeiten bei laufendem Betrieb zu realisieren“, sagt Peter Wer. Beim Blick von der Autobahnbrücke Köngen zeigt der Projektleiter auf die gelben Markierungen auf der Autobahn. Zwar ändere sich dann immer wieder die Verkehrsführung. Aber trotz des Großprojekts laufe der Verkehr weiter.

Mit den großen Bauprojekten an der Strecke werde man bereits 2022 fertig, sagt der Projektleiter. Dennoch gebe es dann noch viel zu tun, etwa, was den Schall- und Blendschutz betrifft. Da die Autobahn und die Schnellbahnstrecke dann parallel verlaufen, gelte es, beide Verkehrssysteme möglichst gut voneinander abzuschirmen. Da sei in der letzten Bauphase viel Detailarbeit gefragt. Bis die Strecke in Betrieb geht, sind zudem intensive Probeläufe erforderlich.