Besonders umstritten: die Umstellung vom neunjährigen auf das achtjährige Gymnasium Foto: dpa

Was die baden-württembergischen Kultusminister der vergangenen 20 Jahre erreichen wollten – eine Bestandsaufnahme

Stuttgart - Annette Schavan, CDU 1995–2005

Während der zehnjährigen Amtszeit von Annette Schavan ändern sich die Gymnasien grundlegend. Die Wahlmöglichkeiten in der Oberstufe werden eingeschränkt – die Allgemeinbildung soll gestärkt, eine zu frühe Spezialisierung verhindert werden. Die Leistungskurse (fünf Stunden pro Woche) und Grundkurse (drei Stunden) werden abgeschafft. Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache werden als verbindliche, vierstündige Fächer bis zum Abitur weitergeführt und schriftlich geprüft, dazu kommen ein je vierstündiges Profilfach (naturwissenschaftlich, sprachlich, musisch oder Sport) und Wahlfach sowie eine besondere Lernleistung. Die Zahl der Abiturprüfungen wird von vier auf fünf erhöht.

Auch die Lehrerbildung wird reformiert. Von 2002 an müssen sich Lehramtsstudenten an den Universitäten nun auch mit pädagogischen, fachdidaktischen und ethisch-philosophischen Themen beschäftigen. Ein dreizehnwöchiges Praxissemester im Studium soll sie früher mit dem Schulalltag vertraut machen (und im Zweifelsfall einen Studienwechsel erleichtern). Dazu kommt ein dreiwöchiger Kompaktkurs vor Beginn des Referendariats. Dafür wird die bis dahin 24-monatige praktische Ausbildungsphase, das Referendariat, auf 18 Monate verkürzt. Lehrerverbände und die Opposition sehen darin vor allem ein Sparmodell, weil die Studenten anders als die Referendare kein Geld erhalten.

Den größten Einschnitt bringt die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre 2004. Seit langem klagt die Wirtschaft lautstark darüber, dass Berufseinsteiger in Deutschland deutlich älter seien als anderswo. Schon seit Anfang der 90er Jahre erproben vier Gymnasien im Land achtjährige Züge. 1996 kündigen Ministerpräsident Erwin Teufel und Schavan an, den Modellversuche auszuweiten, um „die Startchancen der baden-württembergischen Abiturienten auf dem europäischen Arbeitsmarkt“ zu verbessern. 1997 haben 15, 1998 dann 33 der 378 Gymnasien sogenannte Turboklassen, die in acht Jahren zum Abitur führen und als Klassen für besonders begabte und motivierte Schüler gelten. Bald darauf beschließt die CDU-FDP-Koalition, von 2004 an die Gymnasialzeit für alle zu verkürzen. Der Stoff von Klasse sechs soll auf die Schuljahre fünf bis zehn verteilt werden. Im gleichen Jahr werden an allen Schularten auch neue Bildungspläne eingeführt – zwei Drittel sind vorgegeben, ein Drittel sollen die Schulen selbst gestalten.

Für besonders begabte Schüler richtet Schavan 2003 in Schwäbisch Gmünd ein Hochbegabten-Gymnasium ein, ab 2005/06 folgen Hochbegabtenzüge an 15 Gymnasien.

Helmut Rau2005–2010

Nach dem Start des achtjährigen Gymnasiums klagen viele Eltern, dass ihre Kinder überlastet seien. Der bisherige Stoff sei einfach zusammengepresst worden. Helmut Rau begrenzt den Unterricht in Klasse 5 und 6 auf je 32 Stunden pro Woche, bei Nachmittagsunterricht soll es keine Hausaufgaben mehr geben. Weil die Kritik anhält, kündigt 2008 der damalige Ministerpräsident Günther Oettinger an, die Bildungspläne zu „entrümpeln“ und bei den Naturwissenschaften zu streichen. Nach scharfen Reaktionen aus der Wirtschaft, die händeringend Nachwuchs in den sogenannten Mint-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sucht, wird diese Idee nicht weiterverfolgt. Die Gymnasien erhalten Extrastunden, um Hausaufgabenbetreuung für Fünft- und Sechstklässler zu organisieren – die wird zunächst kaum angenommen. (In ländlichen Regionen könnte das mit dem Schülertransport zusammenhängen, vermutet der Landeselternbeirat. Er fordert den Ausbau der Gymnasien zu Ganztagsschulen – dann könnte die Hausaufgabenbetreuung im Rahmen des rhythmisierten Unterrichts erfolgen.) Teil der Qualitätsoffensive ist auch die schrittweise Verkleinerung der Klassen von höchstens 32 auf höchstens 28 Schüler – die endet unter Grün-Rot bei 30 Schülern.

Eine juristische Niederlage holt sich Rau beim Thema Fremdsprachen: Entlang der französischen Grenze will er Französisch als erste Fremdsprache am Gymnasium zur Pflicht machen – der Verwaltungsgerichtshof stoppt ihn.

Marion Schick2010–2011

Trotz aller Klagen drängen immer mehr Schüler eines Jahrgangs ans Gymnasium, sagt Marion Schick, 2010 überraschend berufen. Sie hält die Umstellung von G 9 auf G 8 für weitgehend gelungen und kündigt an, die Gymnasien „organisatorisch zu entlasten“.

Gabriele Warminski-Leitheußer 2011–2013

Mit dem Regierungswechsel 2011 gerät die Bildungspolitik erneut in Bewegung. Grün-Rot erhebt den Anspruch, das Schulsystem gerechter zu machen. Internationale Schülerstudien wie Pisa zeigen, dass in Deutschland die Bildungschancen überdurchschnittlich von der sozialen Herkunft abhängen. Bei gleicher Begabung machen Akademikerkinder deutlich öfter Abitur als Kinder von Facharbeitern und Ungelernten. Einen Grund dafür sehen Grüne und SPD darin, dass Kinder schon nach der vierten Klasse getrennt werden. Seit Jahren fordern sie längeres gemeinsames Lernen. Das soll die Gemeinschaftsschule ermöglichen, in der die Schüler zusammen lernen und je nach Leistung und Motivation alle Schulabschlüsse machen können. In ihr sollen alle weiterführenden Schulen aufgehen, fordern manche. Ministerpräsident Winfried Kretschmann, früher Lehrer am Gymnasium, macht aber schnell klar, dass er am Gymnasium nicht rütteln will – und spricht von einem Zweisäulenmodell mit dem Gymnasium auf der einen und integrierten Schulen auf der anderen Seite. Beide Wege können zum Abitur führen – das Gymnasium in acht Jahren, Gemeinschaftsschule, Realschule, Werkrealschule mit beruflichem Gymnasium in neun Jahren. Auch die Lehrerausbildung bleibt anders als von einer Expertenkommission vorgeschlagen getrennt – Übergänge sollen aber möglich sein. Beim Zweisäulenmodell gibt es aber Ausnahmen: Die SPD hat eine Rückkehr zum G 9 versprochen und trotzt den Grünen, die lieber das G 8 verbessern wollen, schließlich 44 Modellschulen ab. Die bieten ganz oder teilweise neunjährige Züge an. Die Nachfrage ist groß, nicht alle Schüler können aufgenommen werden. SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel fordert deshalb immer wieder mehr G-9-Gymnasien,

Andreas Stochseit 2013

Andreas Stoch, der die glücklose Warminski-Leitheußer ablöst, hält das neunjährige Gymnasium für den „natürlichen Feind der Gemeinschaftsschule“. Derzeit gibt es 209 Gemeinschaftsschulen, vom nächsten Schuljahr an 271. Die meisten sind aus Haupt- und Werkrealschulen hervorgegangen. Von den 271 waren 26 bisher Realschulen. Vereinzelt gibt es Kooperationen, auch mit Gymnasien. Aber kein Gymnasium ist bisher Gemeinschaftsschule geworden. Veränderungen an den Schulen bringt auch der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung 2012. Seitdem entscheiden nicht mehr die Grundschullehrer darüber, an welche weiterführende Schule Kinder nach der vierten Klasse wechseln, vielmehr haben die Eltern das letzte Wort. Mit Folgen: Die Hauptschulen verlieren noch mehr Schüler, Realschulen und Gymnasien legen zu. Doch nicht alle sind der ausgewählten Schulart gewachsen. Der Anteil der Sitzenbleiber steigt deutlich: An den Gymnasien mussten im vergangenen Jahr 1,6 Prozent der Fünft- und 2,6 Prozent der Sechstklässler wiederholen, an den Realschulen waren es 4,4 Prozent der Fünftklässler und 3,8 Prozent der Sechstklässler. Dort ist die Leistungsbandbreite deutlich größer als an den Gymnasien. Damit die individuelle Förderung verbessert werden kann, stellt das Land zusätzliche Stunden bereit: Die sogenannten Poolstunden am Gymnasium werden von zehn auf 11,7 erhöht, die Realschulen erhalten erstmals solche Extrastunden. Derzeit sind es 2,2 je Zug, 2017 sollen es zehn sein.

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