Beim Seifen-Lenz und seinen Nachbarn liegen wegen des Bau- und Verkehrslärms die Nerven blank. Foto: red

Der Kundenstrom in das Stuttgarter Bohnenviertel ist durch die Baustelle am ehemaligen Breuninger-Parkhaus abgewürgt. Einzelhändler und Gewerbebetriebe haben Umsatzverluste. Nun wird ein Steg vorgeschlagen.

Die städtische Marketingagentur preist das innerstädtische Quartier in höchsten Tönen an. „Das Bohnenviertel war im 16. Jahrhundert von Stuttgarts ärmerer Bevölkerung bewohnt, auf deren Speiseplan vor allem die Hülsenfrucht stand, die dem Quartier seinen Namen gab. Durch seinen ursprünglichen Charme, den es sich aller Sanierungen zum Trotz bewahrt hat, ist das . . . Gebiet heute ein beliebtes Szene-Viertel, das in seinen schmalen Gassen eine bunte Vielfalt von Bars, Cafés, kleinen Modegeschäften und Antiquitätenläden beherbergt.“ Die Werbebotschaft spiegelt die Realität allerdings nicht. Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Grüne) sagt: „Die Einzelhändler brauchen keine Touristen, sondern Stuttgarter Bürger, die dort einkaufen.“

 

Bezirksbeirat fordert Abhilfe

Denn im Rahmen des Neubaus des am Bohnenviertel gelegenen Breuninger-Parkhauses wurde eine Fahrspur der Hauptstätter Straße gesperrt und der Verkehr in die enge Esslinger Straße eingeleitet. Seitdem sind „Läden und Gewerbe des Bohnenviertels schwerer erreichbar, schlechter sichtbar und baustellenbedingt für KäuferInnen weniger attraktiv“, wie der Bezirksbeirat Mitte schon im Sommer mahnte und Abhilfe forderte, die er mit einem Zehn-Punkte-Plan unterlegte. Läden und Gewerbe stellten „erhebliche Umsatzeinbußen“ fest. Einzelne Inhaber berichteten „von einem Kundenrückgang in nicht mehr vertretbarem Ausmaß“. In der Folge müssten voraussichtlich einzelne Einrichtungen schließen.

Der Verkehrsführung Dass die Verkehrsführung die Anlieger beeinträchtigen würde, war im Rathaus seit Langem bekannt. Die Straßenverkehrsabteilung hat sie als alternativlos bezeichnet. Vorschläge von Bezirksbeiräten und Stadträten sind zwar in öffentlichen Sitzungen vorgetragen, aber ignoriert worden. Ordnungsbürgermeister Clemens Maier (Freie Wähler) hatte sich zur Aussage verstiegen, die Haltung des Gemeinderats interessiere ihn nicht, die Verkehrsführung sei allein die Sache seiner Behörde.

Umsatzrückgang gefährdet Existenzen

Die Folgen für die Händler Mit der Konsequenz, dass die betroffenen Händler nach Monaten, in denen sich die Laufkundschaft wegen des unerträglichen Baulärms, des Verkehrs und des engen Gehwegs zum großen Teil verabschiedet hat, nicht wissen, wie lange sie das noch durchhalten. Sie haben den Eindruck gewonnen, dass die Beamten im Rathaus nicht nachvollziehen können, wie verheerend sich schon ein 20-prozentiger Umsatzeinbruch auswirkt. Dabei wäre das noch untertrieben, bestätigt der Vorsitzende des Gewerbe- und Handelsvereins Bohnenviertel, Thomas Rodens. Dabei wird sich die Lage noch zuspitzen, wenn jetzt mit der Schließung der Unterführung das Bohnenviertel komplett von der City abgeschnitten wird und nur doch die unattraktiven oberirdischen Übergänge an der Leonhardskirche und am Charlottenplatz verbleiben.

Die Alternativen mit Stegen Deshalb hatte der Verein schon 2019 provisorische Stege mit Rampen, Auf- und Abgängen ins Spiel gebracht. Für die Stadtverwaltung erschien das sehr schnell mit unverhältnismäßigem Aufwand verbunden. Nun haben Bezirksbeirat und der Verein einen neuen Anlauf gestartet, um eine halbwegs attraktive Überbrückung der Stadtautobahn hinzubekommen – immerhin droht die Abbindung nicht vor 2029 zu enden. Allerdings zeigt die Stadt beim Bau des Hauses für Tourismus, dem Gebäude neben dem Tagblattturm und der Ersatzoper, dass es gerne etwas länger dauern darf, wenn sie selbst die Verantwortung trägt.

Kein Geld fürs Bohnenviertel

Der Bezirksbeirat wollte 10 000 Euro zur Verfügung stellen, um das Vorhaben in Gang zu bringen – ein neues „Bürokratiemonster“ der Stadt habe aber am Jahresende diese Summe verschluckt, bedauert Kienzle. Auch die übrigen Ideen des Bezirksbeirats, um Bürger und Kunden auf das Bohnenviertel aufmerksam zu machen, sind an Runden Tischen nur diskutiert, aber nie umgesetzt worden. In den meisten Fällen ignoriert die Verwaltung Anfragen einfach. Im Quartier wünscht man sich, OB Frank Nopper (CDU) würde sich für sie so einsetzen wie für die Beschicker der Markthalle, für die er um jeden Stellplatz vor der Tür kämpfe. Er sei aber vor Ort gewesen und habe mit einem Einzelhändler gesprochen, teilte sein Sprecher auf Anfrage mit.

Wirtschaftsförderer vertröstet Händler Die Wirtschaftsförderung hatte auf die Hilfe von Stuttgart Marketing, Influencer-Touren und die Runden Tische verwiesen, in denen „Ideen diskutiert“ und von der Stadt und der auch beteiligten Firma Breuninger „auf ihre Umsetzung geprüft“ worden seien. Dazu gehörte auch ein Pop-up-Store im Dorotheen-Quartier, in dem drei Einzelhändler vorübergehend untergekommen sind und deren Miete mit 6000 Euro subventioniert worden ist. Wie sensibel die für die Beeinträchtigungen verantwortlichen Personen vorgingen, beschreibt Grieb am 28. Oktober auf Anfrage sehr gut: Der Laden im attraktiven Dorotheen-Quartier müsse „erst“ zum Jahresende geräumt sein, „sodass das wichtige Weihnachtsgeschäft dort noch stattfinden kann“. Bezirksvorsteherin Kienzle sieht es genau anders herum: „Nur weil es Proteste gab, wurde verhindert, dass den Einzelhändlern vor der attraktiven Zeit gekündigt wurde.“

An Hilfen ist nicht gedacht Am Ende könnte das Quartier in fünf Jahren mit einem modernen Mobility-Hub und einem sehenswerten Haus für Film und Medien aufwarten, allerdings ohne inhabergeführten Einzelhandel. Eigenverantwortung zu übernehmen und den Unternehmern Umsatzeinbußen zu erstatten, wie es der Bezirksbeirat fordert und während der Coronapandemie üblich war, sei nicht vorgesehen, teilte Stadtsprecher Sven Matis mit. Es gelte der Grundsatz der Gleichbehandlung, die Stadt habe keine finanziellen Mittel, um Umsatzeinbrüche zu kompensieren.

Keine Soforthilfe von der Stadt

Verwaltung auch früher unbarmherzig

Bernd Walter erinnert das an die Zeit des Baus der unterirdischen Stadtbahnlinie an der Hauptstätter Straße Ende der 1960er Jahre. Lärm und Dreck hielten die Kunden fern, so der Inhaber eines Uhrengeschäfts. Die Stuttgarter Zeitung titelte damals: „Der Bagger gräbt den Umsatz ab“. Gehör habe man bei der Stadt nicht gefunden, so der 85-Jährige. Den Bedenken sei die Stadtverwaltung mit Arroganz begegnet: „Von Seiten des Rechtsamts kam die Aussage, dass es sich bei uns um Waren des täglichen Bedarfs handele“, erzählt Walter. Die Kunden würden eben anderswo einkaufen, die Stadt verlöre also keine Steuereinnahmen. „Es war ihnen egal, ob ein Geschäft an der Baustelle zugrunde geht – was auch geschah“, sagt Walter. Der Gang vor Gericht war auch nicht von Erfolg gekrönt. „Wir haben letztlich nur einen Bruchteil der Umsatzeinbußen zugesprochen bekommen.“