Spätestens im Jahr 2014 offenbarte sich, dass immer neue Flickversuche nicht mehr helfen. Foto: factum/Granville

Der vollständige Abriss der Tiefgarage unter dem Marktplatz bleibt der Stadtkasse erspart. Trotzdem wird die Sanierung des Parkhauses fast 30 Millionen Euro kosten. Markt- und Geschäftsleute müssen mehrere Jahre Bauzeit erdulden.

Sindelfingen - Die Täter sind die Jahreszeiten. Ihretwegen droht der Tiefgarage unter dem Sindelfinger Marktplatz der Zusammenbruch – oder der Stadtkasse die Sanierung für geschätzte 27 Millionen Euro. „Einen Konstruktionsfehler“ nennt der Oberbürgermeister Bernd Vöhringer den Grund dafür, dass Wände reißen, Stahlträger rosten, der Bodenbelag sich auflöst.

Die Schuldigen sind die Konstrukteure. Sie haben Anfang der Achtziger die Garage ohne Dehnungsfugen bauen lassen, weil ein angegliederter Schutzraum einem Atombombenangriff standhalten sollte. Dass in einem 170 Meter langen Bauwerk allein wegen der durch Temperaturunterschiede bedingten Ausdehnung der Beton reißt, ist folgerichtig und war schon wenige Jahre nach der Eröffnung sichtbar. Seither dringt Wasser durch Risse in Wänden, Decken und Boden.

Seit 2014 tüfteln das Bauamt und Ingenieurbüros an den Plänen

Dass Flickversuche – einschließlich des Aufbaus von Holzstützen – nicht mehr helfen, offenbarte sich spätestens im Jahr 2014. Seither tüftelt das Tiefbauamt mit Hilfe von Ingenieurbüros an Plänen für eine Sanierung. Damals wurden die Kosten auf neun Millionen Euro geschätzt. Stand heute ist offen, ob die dreifache Summe reichen wird. Von jenen 27 Millionen Euro „sind Abweichungen bis zu 30 Prozent möglich“, sagt Tiefbauamtsleiter Horst Färber – optimistisch betrachtet auch nach unten. In den Kosten ist eine neue Gebäudetechnik enthalten. Allein die Gutachten kosteten eine knappe Million Euro. Das Geld soll reichen, um die mittlere von drei Varianten zu verwirklichen, die infrage kommen.

Insgesamt hatten die Ingenieurbüros ein Dutzend Möglichkeiten untersucht, die Standfestigkeit der Garage auf Jahrzehnte hinaus zu garantieren. Einige Stadträte hatten gewitzelt, die beste Lösung wäre, den Bau zuzuschütten. Tatsächlich erwogen die Gutachter auch diese Möglichkeit. In einer Sparversion für 23 Millionen Euro würden die Decken erneuert und die Wände saniert; die undichte Bodenplatte würde geflickt. In der Maximalversion würde das komplette Bauwerk aus der Erde geschält und neu betoniert. Dies „ist zum Glück unnötig“, sagt der Oberbürgermeister – und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr diskutiert. Jetzt muss der Gemeinderat entscheiden, welche Variante die beste scheint. Die von den Fachleuten empfohlene Variante bedeutet, „dass wir praktisch in dem Bauwerk ein neues Bauwerk errichten“, sagt Färber. Probebohrungen haben ergeben, dass das Außengerüst der Wände dauerhaft standfest bleiben wird. Die Bodenplatte muss hingegen einer 100-prozentig wasserdichten Nachfolgerin weichen. Ansonsten „könnte es sein, dass schon in wenigen Jahren wieder Wasser eindringt“, sagt der Tiefbauamtsleiter.

Die Bauzeit dauert zwischen 38 und 44 Monate

Weil ein Marktplatz eben das Zentrum des kommunalen Lebens ist, sind alle Versionen mit jahrelangen Unannehmlichkeiten verbunden, nicht nur für die Markt-, sondern auch für die Geschäftsleute, deren Läden und Lokale den Platz säumen. Zu den Vorgaben für die Planer zählte, dass mindestens ein Streifen am Rand des Platzes während der gesamten Bauzeit begehbar bleiben muss. Auf 38 Monate ist die Bauzeit für die Sparversion geschätzt, auf 44 Monate die für die empfohlene Variante.

Ein Teil des Marktplatzes bleibt in beiden Fällen stets nutzbar. Für den Wochenmarkt wird dies aber schwerlich ausreichen. Außerdem stehen Besuchern während der gesamten Bauzeit nur noch 160 der aktuell gut 400 Parkplätze in der Tiefgarage zur Verfügung. Deren Zahl wird nach Ende der Bauzeit zwangsläufig schrumpfen. Die Plätze sind 2,30 Meter breit, was für die stetig wachsenden Automobile zu schmal geworden ist. 2,50 Meter sind das künftige Maß. Dies empfiehlt der ADAC. Außerdem sollen neue Stützen eingezogen und Ladesäulen für Elektromobile aufgestellt werden. Knapp 300 Plätze bleiben am Ende. Letztlich wird die erzwungene Millionenausgabe zumindest einen Vorteil haben. Im Zuge der Arbeiten wird auch der Marktplatz selbst runderneuert – für vier Millionen Euro Aufpreis.

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