Bietigheims Rap-Baron Bausa hat alles erreicht. Das spiegelt auch die Feature-Liste seines dritten Albums „100 Pro“: Apache 207, Rin, Sido oder Marteria geben sich die Lines in die Hand. So überwältigend das inszeniert ist – Schwachstellen bleiben.
Stuttgart - Noch bevor die Welt in den Lockdown ging, ließ Bausa die Bombe platzen. Er verschob die Veröffentlichung seines dritten Albums „100 Pro“ und kündigte gleichzeitig an, es sei sein letztes. Schockstarre bei seinen Fans, Häme bei den Hatern. Letztere haben sich zu früh gefreut, das macht Bausa schon im wummernden, einschüchternd stark produzierten Opener „Paradox“ klar: „Hab ich wirklich mal behauptet, dass ich aufhör‘? Sorry Hater, ja ich weiß, ihr hattet Bock drauf“, rappt Bietigheims erfolgreichster Ziehsohn seit Hartmut Engler, während Bläser erklingen. Das ist musikalisch und textlich stark, anders, dominant. Ein Auftakt nach Maß.
Ein Karriereende mit Anfang 30 wäre natürlich auch verfrüht, Bausa ist ja kein Profisportler, sondern Rapper. Und der ist weit gekommen, weiter als die meisten. Seit er vor fast vier Jahren sein Debüt „Dreifarbenhaus“ veröffentlichte, wenig geschmackvoll nach Stuttgarts ältestem Bordell benannt, hat Bausa alias Julian Otto einen Sprint auf die Tartanbahn gelegt, an dem sich seither alle Deutschrap-Biografien messen müssen. Sein Song „Was du Liebe nennst“ ist die erfolgreichste Deutschrap-Single aller Zeiten.
Machtfantasien und unehrliche Versprechen
Gemeinsam mit Rin erklärte er seine Heimatstadt Bietigheim-Bissingen zum neuen Rap-Epizentrum, bricht gerade zu Beginn seiner steilen Karriere mit gängigen Klischees im ach so toughen Straßenrap. Er rappt nicht nur, er singt auch, ist offen verletzlich, gibt sich einer gewissen Melancholie hin. Im krassen Widerspruch dazu steht auch bei ihm das Suhlen in geschmacklosen, sexistischen Klischees, die für diese Art von Rap allzu oft die Luft zum Atmen ist.
Auch bei ihm ist es das übliche Narrativ. Die Mama das ein und alles des harten Jungen, die schiefe Bahn durch die Abstinenz einer Vaterfigur erklärt. Damit macht es sich Rap-Deutschland zu einfach, verwechselst individuellen Überlebenskampf mit der 0815-Opferrolle. Dass selbst ein Bausa, erster Deutschrap-Besitzer einer Diamant-Auszeichung für über eine Million abgesetzte Einheiten einer Single, nur selten daraus ausbrechen kann, zeigt die Grenzen dieser aufgeblähten Welt aus überholten Cis-Rollenbildern, Machtfantasien und dem schnulzigen, unehrlichen Versprechen auf Silberrücken-Getue zu verzichten. Baby, für dich kann ich auch weich sein.
„100 Pro“ hätte ein Freischwimmen werden können, die Leute kaufen es ja eh. Dennoch ist Bausas Dritte nicht frei davon, ist ein Bündel aus Themen, die schon frühere Releases beherrschten: Rollen mit den Jungs, Drogen, der rappende Atlas, die Last des Ruhms auf den breiten Schultern.
Kollabo mit Apache 207
Immerhin: Wenn Bausa mal daraus ausbricht, brilliert er. In „Centre Court“ mit Rin funktioniert das gut, die beiden rekapitulieren ihren Weg „aus der Kleinstadt auf den Centre Court“ mit massigem Midtempo-Beat im US-Stil. „Madonna“, die mit Spannung erwartete Kollaboration mit Apache 207, erst Bausas Protegé, jetzt selbst Star, ist locker und mühelos, eine geradeaus marschierende Hommage an die Femme Fatale der Achtziger, bei der deutlich mit Autotune übertrieben wurde.
Starke Stimme, starke Produktion, starke Hooks: Vieles an „100 Pro“ sitzt. Das größte Problem des Albums wird in der Nummer „Selfmade Babylon“ offenkundig: Die Abrechnung mit dem eigenen Jetset-Leben, das zulasten der Familie geht, soll selbstkritisch, ehrlich wirken, soll „deep“ sein, „Realness“ demonstrieren. Das funktioniert aber nur, wenn man nicht wenige Tracks zuvor all jene Errungenschaften breitbeinig und selbstverliebt abfeiert. Yolo meets Weltschmerz, das verträgt sich nicht. Bausa muss sich langsam mal entscheiden.