Dank Förderprogrammen gibt es nun Investoren für Wohnbau mit sozialer Bindung und gleich zwei Pflegeheime in Uhingen. So kriegt das Projekt noch unerwartet die Kurve.
Es ist die befreiende Nachricht für Uhingen geworden, die Bürgermeister Matthias Wittlinger dem Gemeinderat vor einem Monat in Aussicht gestellt hatte. Der Stillstand am ehemaligen Spinnweberei-Areal ist passé, es ist wieder Aufbruch. Es haben sich Investoren für das Quartier gefunden, und ihre Pläne gefallen dem Gemeinderat. Der Großteil stimmte zu. Drei SPD-Räte und Frank Benkart (UBU) enthielten sich. Bürgermeister Wittlinger nannte das einen „deutlichen Beschluss“. Was jetzt aufs Gleis gesetzt werden soll, ist allerdings nicht der durchmischte Charakter von Wohnen und Arbeiten, von Platz für Produktionsbetriebe, von Sozialstation und einem Generationenhaus, das der städtebauliche Entwurf aus einem Architektenwettbewerb vorlegte. Das Wohnen und Arbeiten bleibt, aber es ist ein sehr strukturierter Plan.
Pflegeheim mit Mitarbeiterwohnungen
Es gibt vier Felder, das Gebiet wird einmal längs und einmal quer geteilt. Im Westen sollen gleich zwei Pflegeheime kommen, eines für Intensivpflege auf drei Geschossen und eines für Pflege und Betreutes Wohnen auf vier bis fünf Geschossen. An letzterem, das eine Bauform wie ein großes C haben soll, sollen auch Mitarbeiterwohnungen angedockt werden. Das ist Arbeiten und Soziales im Quartier. Statt Sozialstation gleich zwei Pflegeheime. Die östliche Seite soll viele Wohnungen bringen, der Bürgermeister spricht von 90, und das seien lauter geförderte Wohnungen. Die seien für Leute mit mittlerem Einkommen gedacht, haben also eine soziale Prägung. Dahinter und zur Bahnlinie hin soll die Quartiersgarage kommen, die schon Bestandteil des Plans war. Denn das soll bleiben: Im Quartier sollen möglichst keine Autos fahren. Die Anwohner fahren über ein Sträßchen an der Bahnlinie in die Garage, stellen dort ihr Auto ab und gehen zu Fuß nach Hause. Was dem Gemeinderat keine Freude macht: Ein Mast der Bahn für die Oberleitung steht im Quartier. Ihn zu versetzen, wäre irrsinnig teuer, eröffnete Christopher Raz vom Planungsbüro Steg den Räten. Da wäre man bei 400.000 Euro. Warum? Weil die Bahn für solche Arbeiten nur ausgewählte Unternehmen nimmt, und das seien dann entsprechenden Beträge. Für Raz und den Bürgermeister ist klar: Wir lassen den Mast stehen und bauen drumrum. Versetzen könnte man ihn auch erst in Jahren, so in 2030/31.
Wohnhäuser sollen zuerst gebaut werden
Die Zufahrt entlang der Bahn, im Norden des 1,2 Hektar großen Areals und neben dem Oberleitungsmast, soll auch eine Erschließung sein für die benachbarte Firma Allgaier Prozesstechnik. Die habe daran Interesse, sagt Raz. Die Rede sei von drei Lkw pro Tag. Zum Bauablauf gibt es jetzt eine Ansage. Erst sollen die Wohnhäuser gebaut werden, weil sie einen Lärmriegel für die Pflegehäuser im Westen bilden. Ebenso die Quartiersgarage. Denn östlich liegt ein Gewerbegebiet, eben mit Allgaier und anderem. Was nicht mehr verfolgt wird, ist die Energiekonzeption. Die EnBW habe dieses Projekt verlassen und sogar ihre Abteilung für Quartierskonzepte aufgelöst, berichtete Wittlinger. Die Alternative heißt schlicht: Mit Wärmepumpen geht es auch.
Soviel Neues. Rainer Frey gab für die Freien Wähler „unsere volle Zustimmung“. Nicht nur er staunt, wie sich das Blatt gewendet hat. Das Planquartier sei von der Aussichtslosigkeit zur riesigen Chance für die Stadt geworden. Auch Volker Münz (AfD) sagt: „Wer hätte das gedacht.“ Daniel Wagner (Grüne) sieht „endlich eine Perspektive“. Man solle jetzt zügig weitermachen, sagt Anna Breitenbücher (CDU). Noch vor Monaten dachten mehrere Fraktionen im Gemeinderat heftig darüber nach, was man mit der Spinnweberei-Areal machen solle, wenn sich kein Investor finde. Münz nennt es nun „eine große Lösung“.
Mast der Bahn verkleinert die verwertbare Fläche
Rolf Höflinger (FDP/UB) stellte fest, dass jetzt was anderes draus werde. Dazu Bürgermeister Wittlinger: „Wir können tatsächlich nicht alles umsetzen aus den Quartier-Vorschlägen.“ Daniel Wagner (Grüne) sagt es schärfer: „Mag sein, dass aus den ursprünglichen Wünschen der Bürgerschaft nicht viel übrig geblieben ist.“ Aber er lobt, was jetzt ist: „Wir brauchen neue Wohnungen, wir brauchen sozialen Wohnungsbau. Pflegeplätze werden dringend benötigt.“ Planer Raz sagt dem Gemeinderat: „Es sind so hochwertige Nutzungen, Sie können sich glücklich schätzen.“ Bürgermeister Wittligner unterstreicht: „Wir können stolz drauf sein.“
„Eigentlich schade“ findet es Höflinger, dass der Mast der Bahn im Quartier verbleibe. So werde die verwertbare Fläche verkleinert. Die „verwertbare Fläche“ ist indes größer geworden. Der Plan sieht weniger öffentliche Fläche und mehr bebaubare vor, was das Bauen attraktiver macht. Raz stellte in den Raum: Vor Jahren wäre man auf 860 Euro pro Quadratmeter Nettobauplatzfläche gekommen, jetzt auf 535.
Bedauern über Absprung der EnBW
Michael Lopin (SPD) wollte sichergestellt haben, dass die Stadt auch an diese Investoren verkaufen könne und nicht andere berücksichtigen müsse. Dafür gebe es Möglichkeiten, sagt die Stadtverwaltung. Dirk Lederbogen (SPD) bedauerte, das die EnBW bei der Energieplanung abgesprungen sei. Es gab die Idee, Wärme aus der Fils zu gewinnen. Stadtbauamtsleiter Frank Hollatz schüttelt den Kopf. Geprüft sei alles. Die Wärmepumpe sei das einzig wirtschaftlich Darstellbare. Wagner vertraut darauf, dass die Energieversorgung im Quartier passt. „Man wird erneuerbare Energie nehmen, heute macht keiner was anderes.“
Wie geht es weiter mit dem Spinnweber-Areal?
Zeitplan
Laut einem groben Zeitplan soll im kommenden Winterhalbjahr die Planung für die Erschließung erfolgen, die Ausführung dann ab Herbst 2027 bis Mitte 2028. Die Wohnhäuser und die Quartiersgarage sollen ab Frühjahr 2029 entstehen. Wenn das läuft, folgt etwa drei Monaten später der Bau der Pflegeheime. Die Wohnhäuser mit fünf bis sechs Geschossen sollen die lärmsensiblen Pflegeheime abschotten.
Förderprogramme
Es war ein Auf und Ab mit dem Baugebiet Alte Spinnweberei. Gestartet sei Uhingen 2019 zu einem guten Zeitpunkt, sagt Bürgermeister Matthias Wittlinger. „Bauland war gesucht, Baugeld war billig.“ Dann seien die Zinssteigerungen und Preiserhöhungen gekommen. So verliefen sich die Investoren. Jetzt habe man wieder ein völlig anderes Bild, sagt Wittlinger, weil es Förderprogramme gebe.