Grabungsfeld aus der Vogelperspektive: Grundmauern des alten Schlosses Foto: Landesamt für Denkmalpflege/E&B Excav

Die Grabungen auf dem Schlossberg fordern immer erstaunlichere Details zutage. Was das für den angedachten Neubau bedeutet, ist offen. Klar ist nur: Einfacher wird der dadurch nicht.

Hoch oben über den Dächern der Stadt geht es immer tiefer nach unten. Die Archäologen graben sich Schicht um Schicht durch die Böblinger Stadtgeschichte – und sind im Hochmittelalter angekommen. Jetzt scheint der Beweis gefunden: schon um 1100 könnte ein alemannisches Adelsgeschlecht dort oben residiert haben, was bisher nur vermutet wurde. Zumindest legen das die Keramikfunde nahe. Die Spuren reichen zurück an die Geburtsstunde Böblingens als feste Siedlung, das seinem Namen einem Adligen namens Bobilo aus dieser Zeit verdankt. Die Grabungen, sie schreiben die Geschichte der Stadt nicht neu – aber sie präzisieren, erweitern und verfestigen sie.

 

Das lässt die Herzen aller Geschichtsinteressierten höher schlagen. Denn kaum etwas ist für einen Ort so identitätsstiftend wie seine Historie. Die ist in Böblingen zwar gut aufgearbeitet, aber doch mit dem ein oder anderen weißen Fleck behaftet, wie die jetzigen Grabungen beweisen. Während die Historiker also jubeln ob solch neuer Erkenntnisse, in finanziellen Fragen sind die Grabungen bisher ein Fiasko.

Ihre Kosten haben sich seit der ersten Schätzung mehr als verachtfacht: aus zunächst angenommenen 100 000 Euro für beide Grabungsfelder im Norden und Süden wurden mittlerweile über 800 000 Euro nur für das südliche. Und das wird wohl auch nicht reichen. Eine Fehlkalkulation, die den Gemeinderat und Stadtkämmerer zwar schlucken ließ, für die meisten privaten Bauherren aber die Privatinsolvenz bedeutet hätte. Insofern haben die neuesten Erkenntnisse zwar einen geschichtlichen Wert – aber eben auch ihren Preis. Vor allem werfen sie die Frage auf, was sie für den angedachten Neubau einer Musikschule bedeuten.

Günstiger dürfte ein Neubau nicht werden

Eine Frage, die zum gegebenen Zeitpunkt – die Rede ist vom Herbst dieses Jahres – sachverständige Statiker beantworten müssen. Absehbar scheint allerdings schon jetzt: Günstiger als gedacht dürfte ein Neubau über den alten Mauern kaum werden, sofern diese als erhaltenswertes Denkmal eingeschätzt werden. Die ursprüngliche Grobkostenschätzung belief sich auf 30,8 Millionen Euro. Ob das annähernd reichen wird? Klar ist: Die Berechnungen liegen noch nicht vor, eine Schätzung zum jetzigen Zeitpunkt ist reine Spekulation.

Ironie des Schicksals: Grabungen auf dem Böblinger Schlossberg waren auch Inhalt der ersten Zeitungsausgabe der Nachkriegszeit in Böblingen. Die erschien am 1. April 1949, und das gleich mit einem Augenzwinkern: Bei Aufräumarbeiten an der Schlossruine sei „ein gut erhaltener gläserner Sarg mit dem balsamierten Leichnam eines bejahrten bärtigen Mannes“ gefunden worden. Es handle es sich um den Sarkophag von Grafen Eberhard im Barte, hieß es weiter, die Gruft sei für einen Tag zur Besichtigung freigegeben. Originell – und die erste Böblinger Zeitungsente der Nachkriegszeit.

Archiv geht an Stadt über

Die erste Vorform einer Zeitung in Böblingen erschien am 6. Dezember 1825 in Form der „Amtlichen Bekanntmachung“, aus der später der Böblinger Bote hervorging. Bisher schlummern die Archivbände in einem Schrank im Altbau des Verlags in der Bahnhofstraße. Nach dem Zweiten Weltkrieg mühsam zusammengetragen, sind sie wertvolle historische Zeitdokumente. Nun gehen die Bände der Jahrgänge bis 1949 im Rahmen einer Schenkung in den Besitz des Stadtarchivs über. Das ist kein Verlust, sondern ein Gewinn für die Allgemeinheit. Die jüngere Geschichte der Stadt wird so besser zugänglich, sicherer aufbewahrt und von fachkundiger Stelle archiviert. Womöglich sogar dereinst digitalisiert. Sicher ist darin so manches über das Böblinger Schloss zu finden, dessen Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist.