„Weit mehr als 80 Zentimeter Umfang“: ein Anwohner vermisst einen Baum Foto: Eva Funke

Hinter der Straße Auf der Kanzel im Stuttgarter Norden sollen auf einem Grundstück der Stadt Bäume gefällt werden. Viele Anwohner sind gegen die Rodung. Jetzt soll ein externer Gutachter prüfen, welche Bäume gefällt werden dürfen.

S-Nord - Das städtische Grundstück am Steilhang hinter den Gebäuden der Erzbergstraße 29 bis Auf der Kanzel 18 war bislang ein kleines Naturparadies. „Dort leben Rotkehlchen, Buntspechte, Greifvögel. Sogar eine Nachtigall haben wir vor kurzem gehört“, sagt Karin Zeidler. Jetzt sind nach Auskunft der 77-Jährigen und ihres Mannes Manfred Scheck-Zeidler die Vögel „völlig durcheinander“ und flattern aufgeschreckt rum. Ein Fuchs, der dort seinen Bau hatte, ist ebenfalls heimatlos. Der Grund für die Aufregung bei den Tieren und auch den Anwohnern sind Baumfällarbeiten der Stadt, die vor kurzem begonnen haben.

Notwendig sind die Arbeiten laut Amt für Liegenschaften und Wohnen, weil die Bäume am Steilhang stehen und die Häuser teilweise weniger als zehn Meter Abstand zum Hang haben. „Gegen eine Rodung einzelner Bäume unter dem Sicherheitsaspekt ist nichts einzuwenden“, sagt Regine Bürkle-Kuhn. Doch als die Arbeiten losgingen und die Anwohnerin nochmals nachfragte, was genau passiert, habe sie die Antwort bekommen: Sämtliche Bäume am Hang müssten weg und auch die Sträucher bis zum Stock runtergeschnitten werden. „Dabei handelt es sich auch um Bäume mit einem Durchmesser von mehr als 80 Zentimetern“, sagt Bürkle-Kuhn und verweist auf die Baumschutzsatzung nach der Bäume mit einem Umfang von mindestens 80 Zentimetern gemessen über dem Erdboden geschützt sind und nur mit Genehmigung gefällt werden dürfen. Außerdem befürchtet sie, dass der Hang rutscht, wenn weiter gefällt wird.

Unabhängiger Gutachter soll die Situation prüfen

Den zuständigen Ersten Bürgermeister Michael Föll bat sie schriftlich um Überprüfung, welche Bäume gefällt werden und welche erhalten werden müssen. Seine Antwort beruhigte die Anwohner zunächst, da Föll versicherte, es sei keine vollständige Rodung vorgesehen, gefällt werden sollten nur die umsturzgefährdeten, abgestorbenen Bäume – und das alles so schonend wie möglich durch Fachfirmen.

So weit so gut – bis die Baumfällarbeiten starteten: Laut der Anwohner wurden auch Bäume mit mehr als 80 Zentimetern Durchmesser gefällt. „Und zwar ohne Genehmigung“, sagt Klaus Scharfenstein und gibt zu bedenken, dass der Baumbestand hinter den Häusern auch ein wichtiger Schutz gegen die Feinstaubbelastung durch die nahe Heilbronner Straße sei.

Auf Anfrage der Innenstadtausgabe der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten teilte die Stadtverwaltung mit, dass bislang nur ein größerer Baum sowie drei kleinere Bäume gefällt worden seien. „Dabei wurden bisher keine Bäume gefällt, für die eine Genehmigung erforderlich ist“, stellt eine Sprecherin der Stadt fest. Denn eine Genehmigung erübrige sich, wenn die Verkehrssicherheit nicht mehr gewähr­leistet ist.

Einen Sieg haben die Anwohner durch ihren Protest dennoch errungen: Die Rodung wurde vorerst gestoppt. Jetzt soll ein externer Gutachter die Standsicherheit prüfen. Erst, wenn dieses Gutachten vorliegt, soll wieder gefällt werden. Die Rodung im Unterholz geht allerdings weiter.

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