Werner Koch und der satte Stamm der Linde, um die er sich seit 21 Jahren kümmert. Foto: Florian Gann

Werner Koch ist seit mehr als 30 Jahren Baumpate in Stuttgart. Er sorgt etwa dafür, dass es den beiden Linden vor seinem Haus prächtig geht. Bringt das etwas für den Klimaschutz?

Werner Koch steht im Halbschatten der beiden Linden, die Straßenbäume hier im Sommerrain machen die heiße Mittagssonne an diesem Sommertag erträglich. „So eine Linde ist ein Kraftwerk“, sagt er unterhalb der leuchtend grünen Krone – die Bienen fühlen sich wohl, die Blattläuse produzieren den klebrigen Honigtau, die Blätter saugen CO2 aus der Luft. Er zeigt nach oben: 60 Zentimeter Jahrestrieb hätten die Bäume vorzuweisen, das findet er großartig.

 

Stadtbäume unter Dauerstress

Werner Koch ist der Baumpate der beiden Linden, die an der Straße vor seinem Haus stehen. Er ist dafür zuständig, dass es diesen Straßenbäumen gut geht. Und wenn er merkt, dass die Bäume nebenan nicht gut aussehen, guckt er auch dort nach dem Rechten. Seit 21 Jahren sind die beiden Linden seine Patenbäume – damals ist er in den Sommerrain gezogen. Sie waren zu der Zeit fünf bis zehn Jahre alt, schätzt er, in Baumalter gerechnet also Kleinkinder. Heute tragen sie große dichte Kronen, überragen Kochs Wohnhaus ein ganzes Stück. „Schauen Sie, die Bäume sind gesund“, sagt Koch. Zum Vergleich zeigt er auf ein paar Ahornbäume die Straße runter, offenbar hat sich für diese noch kein Pate gefunden. „Die sind schon abgängig“, sagt Koch, ein langsames Absterben hat also begonnen.

Etwa 185 000 Bäume gibt es laut Zahlen der Stadtverwaltung in Stuttgart, die Wälder nicht mitgerechnet. Etwa 40 000 davon sind Straßenbäume. „Die Straßenbäume sind einem ganz anderen Stress ausgesetzt als die Bäume im Wald“, sagt der 78-jährige Koch. Der enge Platz, die Hitzeabstrahlung von Asphalt und Beton, der verdichtete Boden, das setze den Bäumen zu. Das war auch einer der Gründe, warum die Baumpatenschaften im Jahr 1992 von dem Verein Pro Stuttgart ins Leben gerufen wurden, Koch ist Baumpate erster Stunde und heute auch Ehrenvorsitzender des Vereins. Bis zu seinem Ruhestand leitete er das Garten-, Friedhofs- und Forstamt in Stuttgart, es geht ihm auch um eine Vorbildwirkung. Heute kümmern sich mehr als 150 Baumpaten um 400 Bäume.

Bäume und ihre Paten haben nicht nur Freunde

„Grün lindert den Stress, dämmt den Lärm, filtert Staub, sorgt für ein besseres Mikroklima“, zählt Koch die Vorteile der Bäume auf. Tatsächlich ist wissenschaftlich gut belegt, dass Bäume oder Wälder in der Nähe die psychische Gesundheit fördern. Aber man sollte daraus nicht schließen, dass Bäume nur Freunde hätten. Manche hätten ein Problem damit, dass ihnen die Bäume die Sonne wegnehmen würden, so Koch.

Andere stören die Blüten und die klebrige Masse, die man auf dem Fahrrad oder Auto findet, wenn man unter einer Linde parkt – übrigens die Ausscheidungen der Blattläuse. Und mit Hundehaltern habe er immer wieder zu tun, erklärt Koch, wenn er ihnen erklären müsse, dass seine Linden kein Hundeklo seien. „Der Urin setzt den Bäumen zu“, sagt er. Er ist deswegen auch Pate für einen Spender von Hundekottüten geworden. Er kümmert sich darum, dass immer Tüten da sind – damit es keine Ausreden gibt.

Der Klimawandel macht sich bei den Bäumen bemerkbar

Werner Koch achtet auch darauf, dass die Bäume genug Wasser haben. In diesem Jahr hat ihm der viele Niederschlag ein wenig Arbeit erspart. Aber bei Sommern, wie es sie in den vergangenen Jahren mehrfach gab, mit langen Hitze- und Trockenperioden, bräuchten auch erwachsene Bäume Wasser, sagt Koch. Er sammelt dafür Regenwasser in Regentonnen und einer Zisterne, mit dem er dann seine Gießkannen befüllt. Manchmal reiche aber selbst das nicht aus, sagt er.

Baumpaten seien nicht verpflichtet, die Bäume zu gießen, sagt Dominik Schwab, der Geschäftsführer von Pro Stuttgart. Die Baumpaten seien eher eine Schnittstelle, etwa um Hilfe vom Gartenamt zu holen, wenn es Bäumen schlecht gehe, erklärt Schwab. Fakt sei jedenfalls, sagt Baumpate Koch, dass sich der Klimawandel bemerkbar mache. „Er macht es eindeutig schwieriger, die Bäume gesund zu halten“, sagt er. „Letztes Jahr waren auch die Linden geschädigt.“

Aber würden die Straßenbäume nicht auch ohne Baumpaten überleben? Vermutlich schon, sagt Koch, aber er halte die Bäume gesünder – und damit leistungsfähiger. Sich um Bäume zu kümmern, geht aber auch über den direkten Effekt hinaus, wie die Klimapsychologin Janna Hoppmann erklärt. Es stärke etwa die Psyche, wirke einer Ohnmacht und Klimaangst entgegen. Allerdings trete der gegenteilige Effekt ein, wenn man merke, dass etwas nichts bringe – etwa, „wenn einem die Bäume schneller wegtrocknen, als man sie gießen kann“, sagt Hoppmann. Trotzdem beginne jede größere Handlung mit kleinen Schritte. „Wie käme man denn dazu, sich überhaupt Gedanken zu machen, wie man etwa die Klima-Anpassungspolitik in einer Kommune verändern kann, wenn man nicht vorher mit den kleinen Dingen anfange würde?“

„Man kann verdammt viel tun, um das Klima in unserer Stadt zu verbessern“, ist auch Koch überzeugt. Und: „Wir sind immer auf der Suche nach neuen Baumpaten.“