Die Bühne als Schattentheater: Auch Willi Baumeisters Studien zu Ernst Tollers Theaterstück „Die Wandlung“ 1919 in Stuttgart zeigt die Schau „Auf Papier“ Foto: Baumeister-Stiftung, VG Bild-Kunst, 2016

Den Gesamtkünstler Willi Baumeister rückt die Schau „Auf Papier“ im Kunstmuseum Stuttgart in den Blick

Stuttgart - Hätte es 1927 den Preis der Stankowski-Stiftung für herausragendes Wirken zur ­Entgrenzung freier und angewandter Kunst gegeben – Willi Baumeister hätte ihn triumphal gewonnen. Allein Baumeisters Plakat zur Ausstellung des Deutschen Werkbunds in Stuttgart – Anlass ja auch für das Entstehen des als Musterhaussiedlung angelegten Avantgarde-Ensembles auf dem Weißenhof – hätte die Jury wohl überzeugt. Mit roter Farbe ist ein fraglos übermöbliertes, aber doch typisches bürgerliches Zuhause durchgekreuzt. „Wie wohnen?“ – das ist die Frage, und Baumeisters Botschaft (und Werbung für die Werkbund-Ausstellung) ist unmissverständlich: So nicht!

Radikal reduzierte Formensprache

Doch da ist noch mehr, über das Anton Stankowski, der als Maler und Zeichner so unterschätzte Vordenker der Gestaltung und insbesondere der für die Frage der digitalen Gesellschaft zentralen Bedeutung von Zeichen, auch in der Gegenwart wunderbar mit Baumeister diskutieren könnte. Baumeisters Bühnenarbeit etwa, die in Stuttgart unter anderem mit der Bühne und den Kostümen für Ernst Tollers Schauspiel „Die Wandlung“ verbunden sind. Bereits 1919 auf die Bühne gebracht, zeigen durch die Baumeister-Stiftung erworbene Studienblätter eine kühne, radikal reduzierte ­Formensprache.

Diese Blätter darf man als Herzstück einer Schau sehen, die Hadwig Goez, verantwortlich für die Arbeit des Archivs Baumeister im Kunstmuseum Stuttgart, auf Einladung von Kunstmuseumsdirektorin Ulrike Groos erarbeitet hat. Als Echo auf die umfassende Kunstmuseum-Werkschau „Baumeister in­ternational“ 2013 – gezeigt auch im Museum Küppersmühle in Duisburg und im Ausstellungsforum Daimler Contemporary in Berlin – schärft das Papier-Panorama mit 70 Werken nicht nur den Blick für das grenzüberschreitende Wirken Baumeisters, es rückt auch den Schrittmacher diverser Drucktechniken in den Blick, den Experimentator.

Baumeister treibt die Drucktechniken voran

Radierung, Serigrafie (Siebdruck), Lithografie (Steindruck) – Baumeister erfindet die jeweilige Technik nicht, aber er treibt sie voran und betritt – im Dialog mit der Innovation verschriebenen Druckern wie Luitpold Domberger – auch hier mit möglichst jedem Schritt Neuland. Unmittelbar deutlich macht diese Präsentation zudem, wie ernst es Baumeister in diesem ständigen Vorwärtsdrang mit der überzeitlichen Verankerung des Kunstschaffens an sich ist. „Modulation und Patina“ betitelte Baumeister eine noch für 1944 geplante Dokumentation der Lacktafeln, die er – neben Oskar Schlemmer und Franz Krause – für die Lackfabrik Dr. Kurt Herberts & Co. in Wuppertal geschaffen hatte. Prägnante Umschlagentwürfe, von der Baumeister-Stiftung für das Archiv erworben, zeigen nun, wie klar und unmissverständlich Baumeister dabei auch den Begriff „Patina“ verstand.

Als „Modulation und Patina“ 1992 tatsächlich erschien (bei Hatje Cantz in Stuttgart), entschied man sich für eine allzu nüchterne Dokumentar-Gestalt.

Nun führen die erstmals zu sehenden Coverentwürfe von 1944 unmittelbar zur Lacktafel-Phalanx Baumeisters (ein Ankauf der Freunde des Kunstmuseums) im zentralen Besuchergang des Kunstmuseums – und über diese hinüber über die Brücke zu den Baumeister-Gemälden in der Sammlung und zu den Gemälden. Wer also will, kann sich so diese Ausstellung der Papierarbeiten fast modulhaft erweitern.

Baumeister auch im Film

Um die Erweiterung der Ausstellung an sich ging es auch immer wieder in den Baumeister-Ausstellungen Anfang der 1950er Jahre. Baumeister zu sehen, Baumeister zu hören – wie diese Parallele gewirkt haben mag, versucht der finale Multimediateil der Schau kenntlich zu machen. Feierlich, kompromisslos aber auch spricht Willi Baumeister in diesen Tonbandaufnahen über das Kunstwollen. Eine Spur mehr Auftritt hält der Film „Willi Baumeister“ (1954) von Ottomar Domnick bereit – Domnick wie Baumeister wollten ganz offenkundig ­jeweils mehr als den Einblick in das Ent­stehen der Werke.

Man kann sich in diesen Bild-Ton-Zeugnissen leicht verlieren. Umso mehr empfiehlt sich die Rückkehr zu den Originalen. Die Schau hält ja unter anderem noch die Zeichnungsfolge „Salomé“ bereit. 1933 durch die Nationalsozialisten aus seinem Lehramt an der Frankfurter Städelschule entlassen und 1941 mit Mal- und Ausstellungsverbot belegt, produziert Baumeister in den Jahren 1943 und 1944 mehr als 1200 Zeichnungen – mehr als die Hälfte seines zeichnerischen Werks insgesamt. Und auch hier verbindet sich die überzeitliche Gültigkeit des Themas mit dem Anspruch, über das technische Experiment Zeichnung an sich neu auffassen und nutzen zu können.

Bis zum 22. Januar 2017. Di bis So 10 bis 18, Fr 10 bis 21 Uhr. Eintritt 6 Euro (ermäßigt 4 Euro – inklusive Sammlung). Mehr: www.kunstmuseum-stuttgart.de
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