Der Schwabe Norbert Hoepfer restauriert die Bauhaus-Siedlung in Tel Aviv. Foto: Isabel Stettin

Der Schwabe Norbert Hoepfer restauriert die israelische Bauhaus-Siedlung in Tel Aviv. Bei seiner Arbeit geht es um mehr als Beton und Kalk. Es geht um den Erhalt eines gemeinsamen deutsch-jüdischen Erbes.

Tel Aviv - Baustellenlärm, monotones Hämmern und Bohren, mischt sich mit israelischem Pop, der aus einem Ghettoblaster im kleinen Kleidershop gegenüber wummert. Norbert Hoepfer, 55, steht davor und wischt sich Staub von seinem ausgewaschenen Shirt. Sein Schlapphut zum Schutz vor der prallen Mittagssonne hängt über die Stirn. Prüfend klopft er gegen die Wand am Hauseingang, grüßt mit Kopfnicken und Lächeln zwei junge Palästinenser, die sich durch die Tür zwängen. Vorsichtig balancieren sie eine Badewanne aus Porzellan an ihm vorbei.

Seit zwanzig Jahren arbeitet Hoepfer als selbstständiger Restaurator in der Denkmalpflege, seit zehn Jahren hauptsächlich in Israel. Hoepfer ist promovierter Geologe, Mineraloge und der heimliche „Meister des Mörtels“. Oder mit seinen Worten: „Der einzige Doktor, der hier auf dem Bau auch den Putz anklatscht.“

Im Freifallmischer, ein Trommelgefäß mit Mischschaufeln, rühren die Bauarbeiter und er die breiige graue Masse an. Mischen, an die Wand werfen, glatt streichen. Und wieder von vorn. Hoepfer sagt: „In dem Moment, in dem du mit der Kelle Putz an die Wand haust, musst du ganz fest an deine Schwiegermutter denken.“ Eine Baustellen-Weisheit aus Italien. Dort funktioniert sie – angeblich. In Tel Aviv nicht: „Die meisten der Handwerker, die hier mit mir arbeiten, sind Araber. Sie verehren ihre Schwiegermutter.“ Will heißen, der Putz wird an die Wand gestreichelt.

Viele Gebäude sind einsturzgefährdet

Putz ist für Norbert Hoepfer ein Wundermaterial: Er festigt, dämmt, verbessert Raumklima und Akustik, er dekoriert. Und bröckelt irgendwann. In der nicht mehr ganz so weißen Weißen Stadt, einer Wohnsiedlung in Tel Aviv, frisst die salzig-feuchte Mittelmeerluft an ihm. Abgase und die 40 Grad heißen Sommertage lassen die Farbe abblättern, greifen den Beton an. Die Fassaden in Tel Aviv sind schmutzig grau, viele der Gebäude baufällig und bei Erdbeben einsturzgefährdet.

Und damit kommt Nobert Hoepfer ins Spiel. Immer wieder hatte ihn ein israelischer Bauunternehmer angerufen, immer wieder mit Fragen gelöchert. Beide kannten sich, weil sie mit speziellem Kalk aus Frankreich arbeiten. Von Putzexperte zu Putzexperte sagte Hoepfer irgendwann: „Genug mit den Ratschlägen aus der Ferne. Das muss ich mir selbst anschauen.“

Er blieb zuerst eine Woche in Israel, reiste mit dem Kollegen durch das Land und war fasziniert von den Bauwerken, den Kontrasten aus dem alte Jerusalem und dem modernen Tel Aviv, jener am Reißbrett entwickelten, erst 1909 gegründeten Metropole. Norbert Hoepfer half beim Restaurieren vonTempelhäusern im „schwäbischen Dorf“ von Sarona. Dort im Heiligen Land hatte sich im 19. Jahrhundert eine pietistische Gruppe aus Württemberg angesiedelt. Altbekannte Spuren und Bauten in der Fremde.

Immer wieder kehrte Hoepfer seitdem zurück und verlegte schließlich seinen Lebenspunkt nach Tel Aviv. Das war 2007. Die Liebe und die Arbeit halten ihn in Israel. Es klingt ein wenig nach Klischee, aber „hier ist alles lebendiger, interessanter. Ich war Deutschland leid.“

Hell, nüchtern, schnörkellos

Aufgewachsen ist Hoepfer in Grantschen, einem Ortsteil von Weinsberg. Er studierte in Heidelberg, machte in Marburg seinen Doktor. Parallel arbeitet er heute an mehreren Projekten in Tel Aviv und der historischen Hafenstadt Akkon in Galiläa. Er leitet Baustellen, berät israelische Bauunternehmer, lernt Handwerker aus Palästina, der Ukraine und Russland an. Gerade restauriert er in Eigenregie eine baufällige Bauhaus-Treppe, versucht, den völlig abgelaufenen Terrazzo zu retten.

Doch bei Hoepfers Arbeit geht es um mehr als Beton und Kalk und Instandsetzung. Es geht um den Erhalt eines gemeinsamen deutsch-jüdischen Erbes. Nirgendwo sonst auf der Welt als in Tel Aviv stehen mehr Häuser in jenem Stil, wie ihn Architekten von Walter Gropius bis Le Corbusier prägten: hell, nüchtern, schnörkellos, mit klaren Linien. Aus Deutschland geflohene jüdische Architekten brachten die Ideen des deutschen Bauhauses und seinen nahen Verwandten, dem Internationalen Stil und der Neuen Sachlichkeit, in den 1930er und 40er Jahren ins Exil und passten sie der Umgebung an. Getreu dem Motto: „Die Form folgt der Funktion.“

Für die vielen neuen Einwanderer in Palästina musste bezahlbarer Wohnraum her. So wuchsen in den einstigen Sanddünen Häuser mit schmalen Fensterbändern, um die Hitze abzuwehren. Die Baumeister setzten die Gebäude auf Säulen, für einen kühlenden Durchzug. Die abgerundeten, geschwungen Balkons deckten sie mit Blenden ab. Die weiß getünchten Fassaden sollten das starke Sonnenlicht reflektieren. Fast 2000 dieser insgesamt 4000 Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz. 2003 hatte die Unesco das Bauhaus-Ensemble als Weltkulturerbe ausgezeichnet. Zehn Jahre später warnte die Kommission bereits wieder vor dem Entzug des Titels. Die Häuser drohten zu verfallen – bis sich Israel dazu entschloss, die bedeutenden Bauwerke in Tel Aviv für die Zukunft fit machen, unterstützt von deutschen Helfern: Architekten, Bauleitern, Putzexperten.

Auf dem Bau gilt die Sprache der Hände

Geht Hoepfer durch die Stadt, achtet er nicht auf die Touristen, die den Rothschild-Boulevard entlangschlendern. Wenn er über die Flaniermeile in Tel Aviv streift, betrachtet er die Gebäude rund um die grüne Allee. Liebevoll streicht Hoepfer über die Wände: Rauputz, Kratzputz, Steinputz, Reibeputz, Spritzputz. Hoepfer spricht, wie er sagt, „schlechtes Alltagshebräisch“. Auf dem Bau gilt die Sprache der Hände. Doch beim Putz, da verstehen sich Deutsche und Israelis. Denn die Architekten brachten nicht nur Baupläne, auch Begriffe wie Waschputz hielten Einzug ins Hebräische.

Da es Juden bei der Auswanderung nicht erlaubt war, viel Bargeld mitzunehmen, schifften manche von ihnen Baustoffe ein. Noch heute finden sich in vielen der alten Gebäude Fliesen, Fensterläden, Türknäufe aus Deutschland. Das erzählt Sharon Golan-Yoran, eine deutsch-jüdische Architektin, die mit Hoepfer zusammenarbeitet. Gemeinsam verbringen sie ihre Mittagspause auf dem nahen Carmel Market, tauchen ein zwischen Ständen, wo sich Granatäpfel und Halva stapeln, brösliger Sesamkuchen, der so süß ist, dass bei jedem Biss die Zähne schmerzen. Hoepfer weiß, in welchem Imbiss es „den besten Hummus der Stadt gibt“, er tunkt Fladenbrot in seine Schüssel. Ein wenig erinnert der Kichererbsenbrei mit seiner beigegrauen Farbe an frisch angerührten Putz.

Für Golan-Yoran ist die gemeinsame Restaurierung der Weißen Stadt „ein Meilenstein in der deutsch-israelischen Beziehung“, erzählt sie zwischen zwei Bissen. Schließlich gehe es nicht nur um die Geschichte. „Wir kümmern uns um die Zukunft unseres gemeinsamen kulturellen Erbes.“ Sie kümmert sich um das Max-Liebling-Haus, eine Bauhaus-Villa, die künftig als Begegnungsort des deutsch-israelischen Netzwerkprojekts die Türen öffnet. Experten sollen hier in den kommenden Jahren aufeinandertreffen, Handwerker und Restauratoren Schulungen besuchen. Auch Norbert Hoepfer wird bald die ersten Workshops halten.

Manchmal vermisst Hoepfer deutsche Baumärkte

Golan-Yoran ist in der Stadtverwaltung für den Denkmalschutz verantwortlich. Wenn auch längst nicht so strenge Regeln wie in Deutschland herrschen – und es vor allem auf die Fassade ankommt. Das Bewusstsein für den Wert historischer Gebäude haben die Israelis noch nicht lange für sich entdeckt. Das Gute ist darum, dass Tel Aviv die Probleme in der Weißen Stadt lange genug ignoriert hatte. Sonst wäre bei einer Renovierung passiert, was in allen deutschen Innenstädten passiert ist, glaubt Hoepfer. „Ein fancy Shop neben dem anderen. Alle Einkaufsstraßen sehen gleich aus. Ohne Charme.“ Wenn er sich bei seiner Baustelle umblickt, sieht er hingegen kleine Läden für Küchenzubehör und ausgefallene Tücher, an der Ecke Tante-Emma-Läden für Werkzeug und Baumaterial.

Nur manchmal vermisst Hoepfer deutsche Baumärkte. Und roten Württemberger, Spätzle. Gutes Holz.

„Doch Heimat ist jetzt hier in Israel“, sagt Hoepfer. „In Deutschland lebe ich wie ein Beduine.“ Mehrmals im Jahr fliegt er zurück, besucht seine Mutter, den Sohn, Freunde, hält Vorlesungen. Bei seinen Besuchen tingelt er von Bremen nach Berlin, nach Stuttgart und Pfaffenhofen, gibt Putz-Seminare für Studenten in Köln, hält Vorträge. Dann fachsimpelt er stundenlang über Risssanierung, Wärmedämmung, Schleiftechnik. „Im Herzen bin ich Israeli, im Kopf deutsch geblieben.“

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