„Schwäbisch Casablanca“ – so wurde die Weissenhofsiedlung auf Postkarten Anfang der dreißiger Jahre verhöhnt. In dem Video „White City“, das in der Staatsgalerie zu sehen sein wird, spielt der Künstler Dani Gal darauf an. Foto: Courtesy Dani Gal, Galerie Kadel Willborn

Die ganze Republik jubelt über 100 Jahre Bauhaus – was trägt Stuttgart zum Festprogramm bei? Wir haben die wichtigsten Termine zusammengetragen. Mit dabei: Jule Waibel, die Schwester des Rappers Cro.

Stuttgart - Das Bauhaus feiert 100-Jahr-Jubiläum, ein ganzes Jahr lang, in der ganzen Republik, mit Hunderten von Veranstaltungen. Und was macht Stuttgart? Eine Bauhaus-Stätte ist Stuttgart nie gewesen, ganz streng genommen, und dennoch hat der Wind der Moderne hier Kunst und Bau kräftig durchgepustet. Es gibt viele Namen, die eng mit dem Bauhaus wie auch mit Stuttgart verknüpft sind: der Kunstpionier Adolf Hölzel, dessen Schüler Johannes Itten und Oskar Schlemmer, die selbst später am Bauhaus wirkten, sowie Willi Baumeister. Und natürlich ist die Stuttgarter Weissenhof-Siedlung bis heute, zusammen mit dem Bauhaus Dessau, das bekannteste Bauensemble der Moderne weltweit. Lesen Sie, was die Stuttgarter Kulturinstitutionen sich zum Jubiläum einfallen lassen.

Architekturgalerie am Weissenhof

Nachdem der Württembergische Kunstverein schon im vergangenen Jahr mit der Ausstellung „50 Jahre nach 50 Jahre Bauhaus 1968“, anknüpfend an die eigene Geschichte, Rückschau hielt, hat in diesem Jahr die kleine Architekturgalerie am Weissenhof den ersten Bauhaus-Beitrag geliefert: eine sehenswerte Schau über die Casa sperimentale, einer experimentellen Wohnvision aus Beton, die ein italienisches Architektenpaar Ende der Sechziger in einen Küstenort bei Rom setzte.

Mit drei weiteren Ausstellungen trägt die Weissenhofgalerie ihr Bauhaus-Gedenken weiter durchs Jahr, und dabei geht es ihr vor allem darum, nicht den vom Bauhaus hervorgebrachten Formen zu huldigen, sondern nach dem Dahinter zu fragen, nach „Haltung, Absicht, Rahmenbedingungen“ etwa. Drei junge Künstler erhalten die Gelegenheit, sich mit Bauhaus-Begriffen auseinanderzusetzen und ins Heute zu überführen. Ludwig Michael beschäftigt sich in „Armada Werke“ mit dem Prinzip des Nomadischen (15. März bis 5. Mai); Heike Klussmann betreibt in „in between“ Materialforschung, ganz dem Bauhaus-Anspruch verpflichtet, „Gestaltung von Grund auf neu zu denken“ (23. Mai bis 7. Juli). Und Jule Waibel, die in der Stadt und weit darüber hinaus mit ihren Faltwerken aufgefallen und im Übrigen die Schwester des Hip-Hoppers Cro ist, führt in ihrem „Gesamt(Falt)Kunstwerk“ bauhausgerecht Kunst und Handwerk zusammen und will einen Raum erschaffen, „der sich entfaltet“ (18. Juli bis 6. Oktober).

Weissenhofmuseum

Das Weissenhofmuseum Le Corbusier Hausdürfte in Stuttgart das Must-See der Bauhaus-Pilger schlechthin sein, auch wenn der große „Le Corbu“ gar nicht am Bauhaus war. Deshalb ist es allzu angebracht, in der ersten von zwei Sonderausstellungen mal ganz genau zu rekonstruieren: Wie viel Bauhaus steckt denn nun in der Weissenhofsiedlung? Welche Berührungspunkte hatten die 17 Architekten mit Dessau? Und gibt es den einen „Bauhaus-Stil“ überhaupt? All diese Fragen soll vom 18. Mai bis 21. Juli die Ausstellung „Nicht alles ist Bauhaus. Die Weissenhofsiedlung im Kontext ihrer Zeit“ beantworten. Rund um diese Ausstellung wird es Sonderführungen und ein Veranstaltungsprogramm geben.

Die zweite Ausstellung behandelt Stuttgarts bekanntesten Architekten des Neuen Bauens, Richard Döcker. Der war zwar nie selbst am Bauhaus tätig, gehörte aber zum engeren Bauhaus-Zirkel. Noch dazu fällt Döckers 125. Geburtstag ins Bauhaus-Jahr. Ihn und sein Werk zu betrachten, liegt somit auf der Hand, wobei die geplante Schau noch keinen finalen Titel hat. Aber das Datum steht fest: vom 12. Oktober bis 22. Dezember.

Staatsgalerie

An das „Labor der Moderne“, das Stuttgart damals war, will die Staatsgalerie anknüpfen und geht die Sache deshalb experimentell und investigativ an. Die beauftragten Künstler Dani Gal, Michaela Melián, Martin Schmidl und Boris Sieverts setzen sich mit dem Bauhaus-Kosmos „in und von Stuttgart aus“ auseinander und nehmen, was vielversprechend klingt, in ihren Beiträgen das Publikum auch mit auf Tour. Die Arbeiten, so die Kuratorin Alice Koegel, entstünden, dem Projektcharakter des Bauhauses entsprechend, „im Prozess des Ausstellungsvorhabens“. Die Schau „Weissenhof City. Von Geschichte und Gegenwart der Zukunft einer Stadt“ von 7. Juni bis 20. Oktober wird daher nicht nur in der Staatsgalerie, sondern auch an Stationen im Stadtraum präsentiert; es soll Exkursionen, Spaziergänge und Workshops geben.

Kunstmuseum

Im Kunstmuseum ist keine Sonderausstellung geplant – schließlich steckt in der Sammlung des Hauses schon ganz viel Bauhaus drin. So kann der Besucher gezielt die Schlemmers, Ittens und Baumeisters ansteuern, die in der Dauerpräsentation vertreten sind, und freilich auch die Hölzel-Arbeiten; immerhin hat das Kunstmuseum so viele Hölzel-Werke wie keine andere öffentliche Sammlung.

Wie die Verbandelungen speziell von Baumeister und Bauhaus geartet sind, das dröseln die sogenannten Backstage-Führungen durch das Archiv Baumeister auf, über das das Kunstmuseum verfügt: Baumeister, der angewandte Kunstbereiche wie Typografie und Bühnenbild als gleichbedeutend mit der freien Malerei, der Zeichnung oder der Druckgrafik einordnete, avancierte mit seiner funktionalen Typografie zu einem der Hauptvertreter der „Neuen Sachlichkeit“. Für die Weissenhof-Siedlung entwarf er Briefbögen, Inserate, Prospekte – Entwürfe, die einen Höhepunkt in der Entwicklung zweckgebundener Grafik darstellen. Was alles Bauhaus an Baumeister ist, wird bei dieser Führung, die einmal pro Quartal angeboten wird, anhand von Beispielen aus dem künstlerischen Nachlass veranschaulicht. Termine: 1. März, 5. April, 5. Juli, 8. November, jeweils 18 Uhr.

Institut für Auslandsbeziehungen (ifa)

„Die ganze Welt ein Bauhaus“ – das ist der Titel einer internationalen Wanderausstellung des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa). Er ist ein Zitat des Bauhausschülers und –lehrers Fritz Kuhr und spielt auf die Auflösung der Grenzen zwischen Kunst, Handwerk und Technik an, wie sie der Bauhaus Gründer Walter Gropius proklamierte. So beleuchtet ein Teil der zweigliedrigen Schau zentrale Aspekte des Bauhauses; ein zweiter Teil rekonstruiert die globale Vernetzung der Moderne in den 1920er Jahren: Bauhaus war damals quasi überall, die Ideen der Moderne florierten von Casablanca bis Kalkutta. Zu sehen ist die Schau nicht in der ifa-Galerie in Stuttgart, sondern von 26. Oktober bis 16. Februar 2020 im ZKM in Karlsruhe.

Stuttgarter Ballett

Kunstsparten-übergreifend und damit sehr bauhäuslerisch beteiligt sich auch das Stuttgarter Ballett am Jubiläums-Reigen. Der Ballettabend „Aufbruch!“, der am 28. März im Schauspielhaus Premiere feiert, ist eine Koproduktion mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar; im Auftrag von Tamas Detrich lassen sich zwei Choreografinnen und ein Choreograf von der ungeheuren Aufbruchsstimmung, die 1919 herrschte, inspirieren. Neben der Niederländerin Nanine Linning und dem Rumänen Edward Clug steuert die aus Polen stammende Stuttgarter Choreografie-Entdeckung Katarzyna Kozielska eine Arbeit bei, mit der sie ihre Handschrift, so steht zu hoffen, weiter verfeinert.

Neuerscheinung

Anja Krämer und Inge Bäuerle zeigen in ihrem reichlich bebilderten Band „Stuttgart und das Bauhaus“, wie intensiv die Verknüpfungen der Avantgarde-Schmiede mit Stuttgart waren und wo und wie der revolutionäre Bauhaus-Geist in der Stadt und in der Region wirkte. Anja Krämer, Inge Bäuerle: Stuttgart und das Bauhaus. Belser Verlag, Stuttgart. 25 Euro.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: