Roland Leister ist verärgert, weil sein Grundstück in Marbach (Kreis Ludwigsburg) entgegen früherer Planungen nie Baugrund wurde. Das sei gesteuert worden, sagt er.
Roland Leister steht im Schatten eines knorrigen Apfelbaums und beobachtet mit einem sehnsuchtsvollen Blick, wie schräg oberhalb seines Grundstückes ein neues Mehrfamilienhaus Form annimmt. Platz genug für so ein Gebäude wäre auch direkt daneben auf seiner Streuobstwiese. Der der 65-Jährige würde auf seinem 800 Quadratmeter großen Stückle auch liebend gerne die Bagger anrücken lassen. Doch just am Übergang zu seinem Areal endet das Wohngebiet Kirchenweinberg-Nord. „Man hat mein Grundstück als einziges willkürlich nachträglich ausgegrenzt“, sagt Leister.
Als Bauplatz wäre die Fläche eine stattliche Summe wert. Tatsächlich besitzt der Rentner aber nun ein Fleckchen Erde, für das er im Vergleich dazu nur Peanuts erlösen könnte und das ihm mehr Ärger macht als Freude bereitet. Hunde hinterließen dort Haufen, Passanten spazierten über das private Areal. Das plattgetrampelte Gras lasse sich nur schwer mähen. Immer wieder habe er mit Vandalismus zu kämpfen. Dabei hätte alles ganz anders laufen können.
In einer frühen Fassung des Bebauungsplans aus dem Jahr 1993, als über die Erweiterung des Wohngebiets am Kirchenweinberg diskutiert wurde, war das betreffende Flurstück mit der Nummer 4145 nebst einigen anderen im östlichen Teil gelegenen Parzellen noch enthalten. Leister war also fest davon ausgegangen, dass er dort ein Haus für seine Familie würde errichten können. Doch dann schwenkte man im Rathaus um. „Ich war schockiert“, sagt er.
Das Neubaugebiet sollte aus ökologischen Gründen um 0,6 Hektar im Osten verkleinert werden. Das Landratsamt saß der Kommune im Nacken. Die Behörde hatte daran erinnert, dass sich in dem betreffenden Bereich geschützte Biotope befänden. Allerdings: das Stückle von Roland Leister fällt nicht in diese Kategorie. Das hatte das Landratsamt seinerzeit sogar klargestellt. Dennoch war der Gemeinderat nicht mehr vom neuen Kurs abzubringen. Das Gremium sprach sich im Jahr 2000 bei 13 Nein- und sieben Ja-Stimmen sowie zwei Enthaltungen dagegen aus, das Areal in einen modifizierten und um den östlichen Teil abgespeckten Bebauungsplan aufzunehmen. Dabei wäre in dem Votum „hinsichtlich meiner Parzelle eine objektive Differenzierung geboten gewesen“, findet Leister.
Persönliche Interessenten sollen eine Rolle gespielt haben
Der 65-Jährige ist bis heute davon überzeugt, dass Teile der damaligen CDU-Fraktion Stimmung gegen ihn gemacht haben. „Das wurde von außen mit Falschinformationen gesteuert“, behauptet Leister. Persönliche Interessen hätten dabei eine Rolle gespielt. Zudem habe man seiner Familie etwas übelgenommen, das sich in früheren Generationen zugetragen habe. Vor der alles entscheidenden Abstimmung habe ihm ein Christdemokrat sogar zugeraunt: „Das wird dir noch leidtun.“
Heike Breitenbücher, heutige Fraktionschefin der CDU und damals frisch im Gemeinderat, kann sich an das ganze Drumherum nicht mehr im Detail erinnern, wie sie sagt. „Für mich war das alles Neuland. Es ging wohl um Biotope und naturschutzrechtliche Fragen. Klar war für mich aber, dass ich als Nachbarin bei der Frage nach der Abgrenzung von Nachbargrundstücken nicht würde mit abstimmen wollen, damit man mir später nichts nachsagen kann“, erklärt sie. „Ich gehe aber davon aus, dass meine Fraktionskollegen gute Gründe hatten, gegen die Aufnahme aller Grundstücke im östlichen Teil in den Bebauungsplan zu stimmen“, betont sie.
Fakt ist zudem, dass neben der CDU auch andere Fraktionen damals dagegen votierten, den gesamten östlichen Teil von Kirchenweinberg-Nord zu besiedeln. „Irgendeine Mauschelei war und ist mir nicht bekannt“, sagt überdies jemand, der damals mit am Ratstisch saß und nicht die Farben der CDU vertrat.
Leister jedenfalls unternimmt seitdem unbeirrt immer wieder Vorstöße, um für sein Stückle doch noch die Baureife zu erlangen. Auch jetzt wieder. „Mir geht es dabei um Gerechtigkeit und Gleichbehandlung. Davon abgesehen habe ich aber auch gelesen, dass die Stadt pleite ist und Wohnraum braucht. Da würde es doch naheliegen, den Bebauungsplan aus dem Jahr 1993 umzusetzen“, sagt Leister. „Viele, die an dem Grundstück vorbeispazieren, fragen sich, ob das eine Baulücke ist. In unmittelbarer Nachbarschaft wurden drei Grundstücke bebaut“, fügt der Mann hinzu, der in Auenwald im Rems-Murr-Kreis lebt, aber in Marbach aufgewachsen ist.
Stadt will das Wohngebiet nicht ausweiten
Jan Trost macht ihm dabei aber wenig Hoffnung. Die rund 0,6 Hektar große Fläche im östlichen Teil, bestehend aus neun Flurstücken und einem Wirtschaftsweg, könne ohne Bebauungsplan nicht mit Häusern bestückt werden. Zudem sei die Topografie mit der Hanglage schwierig. Die dortigen Streuobstwiesen seien überdies prägend für das Landschaftsbild und heute noch stärker geschützt als einst. Die Stadt werde alles in allem somit keine Ausdehnung des Wohngebiets anstoßen.
Roland Leister dürfte diese Aussage nicht überraschen. „Es war schon immer eine Blockadehaltung bei der Rathausspitze in der Angelegenheit da, noch mehr sogar beim jetzigen Bürgermeister“, sagt er.