Die Ökolandwirtschaft wird an Bedeutung gewinnen, meint Bauernpräsident Joachim Rukwied. Aber über ihren Anteil an der Agrarproduktion entscheide letzten Endes der Markt.   Foto: dpa

Für mehr Tierwohl sollten auch die Konsumenten ihren Beitrag leisten, meint Bauernpräsident Joachim Rukwied im Vorfeld der Grünen Woche in Berlin. Sorgen macht den deutschen Landwirten ein ungeordneter Brexit.

Stuttgart - Herr Rukwied, die Grüne Woche in Berlin wird nun eröffnet. Wollen sie durch diese Veranstaltung auch das Bild der Bauern in der Öffentlichkeit aufpolieren?

Die Grüne Woche ist das agrarpolitische Highlight zum Jahresauftakt. Sie ist eine eine Diskussionsplattform für Politik, Verbraucher und Landwirte Auf dem Erlebnisbauernhof zeigen wir der Bevölkerung, wie Landwirtschaft funktioniert. Am Eröffnungsabend können wir zudem Botschaften an Gesellschaft und Politik schicken.

Um das Ansehen der Bauern steht es nicht zum Besten. So gelten Kühe als Klimakiller, weil sie Methan ausstoßen.

Der Deutsche Bauernverband beschäftigt sich nicht erst seit dem Dürresommer 2018 mit dem Thema Klimawandel. Mit unserer Klimastrategie setzen wir uns selbst Ziele zur Reduktion der Emissionen. Seit 1990 sind die landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen um 16 Prozent gesunken. Bis 2025 wollen wir um weitere 20 Prozent, bis 2030 um 30 Prozent reduzieren. Wir sind Hauptbetroffene des Klimawandels, aber auch Teil der Lösung.

Was kommt denn auf die Bauern zu, wenn es immer wärmer wird?

Mit diesem Klimawandel müssen wir wohl oder übel umgehen. Hier gilt es, Anbau-methoden zu optimieren. Das Dürrejahr 2018 hat uns gezeigt, dass wir neuen Züchtungsmethoden gegenüber aufgeschlossen sein müssen, um beispielsweise hitze- und trockenheitsresistentere Sorten anbauen zu können. Außerdem brauchen wir neue Instrumente zur Risikoabsicherung und Möglichkeiten zur besseren steuerlichen Risikovorsorge.

Auch die Tierhaltung wird von Teilen der Öffentlichkeit kritisch gesehen. Verschiedene Lebensmittelketten haben angekündigt, zum 1. April ein gemeinsames Siegel für das Tierwohl einführen. Hinkt der Bauernverband hinterher oder halten Sie diese Ankündigung für einen Aprilscherz?

Definitiv nicht, denn der Lebensmittelhandel geht mit seinem Konzept in eine Richtung, die wir schon im vergangenen Jahr vorgeschlagen haben. Wir Bauern sind bereit, in mehr Tierwohl zu investieren. Das haben wir bereits mit der Initiative Tierwohl getan. Mehr Tierwohl heißt am Ende aber auch höhere Kosten im Stall. Wir hoffen, dass das staatliche Tierwohllabel einen weiteren Impuls für die Bereitschaft der Verbraucher gibt, für höhere Standards auch mehr auszugeben. Wichtig ist, dass die mit dem Lebensmittelhandel gestartete Initiative Tierwohl nicht gefährdet wird.

Die Bundesregierung will 20 Prozent Ökofläche bis 2030 erreichen. Ist dieses Ziel realistisch und sinnvoll?

Ziele kann man sich immer setzen. Aber am Ende entscheidet der Verbraucher. Wir stehen in einem internationalen Wettbewerb. Wir setzen uns keine festen Planvorgaben im Hinblick auf den Anteil des Ökolandbaus. Klar ist, dass der Ökolandbau ein unverzichtbarer und wachsender Teil der Landwirtschaft ist.

Heiß diskutiert wird, wie es mit der Agrarpolitik nach 2020 weitergehen soll. EU-Agrarkommissar Phil Hogan will die Zahlungen an große Betriebe reduzieren, mehr als 100 000 Euro an Subventionen soll kein Betrieb erhalten. Was halten Sie von diesen Vorschlägen?

Eine verpflichtende betriebliche Kappung von Direktzahlungen ist der falsche Weg. Die Direktzahlungen müssen weiter einkommensstützend wirken. Statt Kappung und Degression halten wir den Zuschlag für die ersten Hektare bis zur durchschnittlichen Betriebsgröße für geeignet, die unterschiedlichen Strukturen der Betriebe zu berücksichtigen. Aber bei der GAP geht es um mehr als um Kappung und Degression.

Möglicherweise gibt es auch weniger Geld, schon weil Großbritannien als Zahler für den EU-Haushalt ausfallen wird. Wo soll gespart werden?

Wichtig ist, dass es noch vor den Europawahlen eine Entscheidung über das Budget der EU gibt. Die Bauern müssen erkennen können, dass Europa entscheidungsfähig ist. Bisher zahlen die einzelnen Mitglieder ein Prozent ihres Bruttosozialprodukts in die EU-Kasse ein. Wenn man sich auf einen Wert größer als 1,2 Prozent einigen könnte, wäre das für uns in Ordnung.

Anders als die Ökobauern will der Bauernverband an den Direktzahlungen an die einzelnen Höfe festhalten.

Von den Direktzahlungen der EU an die Betriebe müssen mindestens 60 Prozent einkommenswirksam sein und dürfen nicht durch weitere Auflagen aufgefressen werden. Gleichgültig, ob konventionell oder ökologisch gewirtschaftet wird, Direktzahlungen sind für beide nötig. Das übrige Geld kann dann für besondere Leistungen im Tier- oder Umweltschutz, aber auch für die ländliche Entwicklung gezahlt werden.

Die Bauern in Baden-Württemberg bilden seit Jahren bundesweit das Schlusslicht bei den Einkommen. Woran liegt dies?

Das hat mehrere Ursachen. Zunächst einmal sind unsere Betriebe kleiner. Größere Betriebe können ihre Kosten auf größere Mengen umlegen. Zudem sind die Dienstleistungen, etwa die Reparatur eines Traktors, in einem Hochlohnland wie Baden-Württemberg höher als etwa in Mecklenburg-Vorpommern.

Was raten Sie den Landwirten?

Die Betriebe müssen überlegen, wie sie ein höheres Einkommen erzielen können. Das muss nicht unbedingt durch den Verkauf landwirtschaftlicher Produkte geschehen. Urlaub auf dem Bauernhof könnte beispielsweise eine zusätzliche Einkommensquelle sein. Oder sie könnten stärker herausstellen, dass sie regionale Produkte anbieten. Das muss sich dann auch im Preis widerspiegeln. Ein Teil der Verbraucher honoriert das. Denkbar wäre auch eine gemeinsame Nutzung von Maschinen. Und außerdem wäre in manchen Fällen auch ratsam, sich nicht nur auf einen Betriebszweig zu spezialisieren. Auf zwei Beinen steht man besser als auf einem. Wir selbst haben auf unserem Hof Ackerbau, wir pflanzen Gemüse an und wir machen Weinbau.

Landwirtschaft spielt sich nicht nur im nationalen Rahmen ab, sondern global. Welche Sorgen macht Ihnen der Brexit?

Wir haben 2017 Agrargüter für etwa 4,5 Milliarden Euro nach Großbritannien ausgeführt. Dabei handelt es sich in erster Linie um Milch-, Fleisch und Getreideprodukte. Das zeigt schon, wie wichtig dieser Markt für uns ist. Ein ungeordneter Brexit hätte schwerwiegende wirtschaftliche Auswirkungen für die Landwirtschaft.

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