Der Dachdecker Benjamin Harrer im Gespräch mit den Influencern Julian Stein und Fabio Gentile. (v.l.n.r) Foto: Stein/Gentile

Bauen ist für Häuslebauer oft ein einziges Chaos. Zwei Influencer aus Stuttgart haben nun ein Start-up gegründet, das für bessere Kommunikation der Beteiligten sorgen soll.

Bauen stresst. Und das fängt für Dachdecker Benjamin Harrer schon damit an, ob er an der Baustelle parken kann. „Vier Wochen Bearbeitungszeit allein für eine Parkplatzsperrung!“, erzählt er zornig, noch bevor im Tonstudio in Stuttgart-Fasanenhof die Mikrofone an sind.

 

Schon für den Antrag beim Amt brauche es ein Zertifikat. „Verkehrssicherungsschulung laut MVAS 99 gemäß Richtlinie RSA 21 für die verkehrsrechtliche Sicherung von Arbeitsstellen an Straßen“, so zitiert Harrer die Paragrafen: „Da müssen sie lernen, wie man das zu beschildern und abzusperren hat.“ Harrer zeigt auf seinem Smartphone ein Seminarangebot: 80 Stunden, verteilt über zwei Wochen, Kosten 2400 Euro.

Harrer ist bei den Podcastern von „Der Höfliche und der Baustein“ zu Gast. „In unserer heutigen Folge wird der Benjamin auch ein bisschen ausflippen, also bleibt dran“, sagt Interviewer Fabio Gentile im Vorspann der halbstündigen Sendung, die unter anderem auf Spotify und YouTube zu sehen ist. Titel: „Auf der Baustelle wird nicht geredet – es wird gebrüllt!“ Das Parkplatzproblem sei beispielsweise anfällig für Kommunikationspannen, sagt Studiogast Harrer: „Der Klassiker – wenn du anfangen willst, ist keiner vorhanden. Auch wenn du das mit dem Bauherren vorher genau besprochen hast.“

Balanceakt zwischen Werbung und Information

Der Namen der Sendung bezieht sich auf die Nachnamen der Betreiber Fabio Gentile (auf Italienisch „Der Höfliche“) und Julian Stein („Der Baustein“). Sie selber kommen nicht vom Fach. Julian Stein ist studierter Ingenieur und hat in der Autoindustrie gearbeitet. Stress beim Bauen hat er bei seinem eigenen Haus durchlebt. Fabio Gentile durchlief eine Ausbildung als Fachkraft für Lagerlogistik und war später im Vertrieb eines Baulogistik-Startups tätig.

Seit 2021 bewegen sich die beiden auf dem bei Influencern üblichen Grat zwischen Werbung, Information und Unterhaltung. Unter den 40 Partnerlogos auf der Webseite findet sich sogar die Polizei Baden-Württemberg, mit der man eine Sendung zum Thema Einbruchsschutz gemacht hat.

Insgesamt eine halbe Million Zuhörer

Mit 295 Folgen und insgesamt einer halben Million Zuhörerinnen und Zuhörern bezeichnet man sich als größten deutschen Baupodcast. Der sei weltweit auch unter den fünf Prozent am meisten geteilten Sendungen – wenn man den Angaben der Plattform Spotify glaubt. Aktuell erreichen die Folgen durchschnittlich etwa 6000 Downloads.

Vertreter von Unternehmen bezahlen für ihren Auftritt, was – wie rechtlich vorgeschrieben – auch so vermerkt wird. Direkte Werbeeinblendungen gibt es keine. Andere Gäste lädt man einfach so ein, vor allem wenn sie für das eigene Expertennetzwerk nützlich sind.

Die Stuttgarter sind nicht allein. Der von einem Architekten betriebene Podcast „Bauherr werden“ widmete sich jüngst ebenfalls der Kommunikation auf dem Bau. Und die Plattform Baufluencer.de ist mit mehr als 60 Angeboten verknüpft, die sich mit Architektur, einzelnen Handwerkssparten oder Tipps zum Eigenbau beschäftigen.

Überforderte Bauherren

Das Zwei-Mann-Team aus Stuttgart nimmt hingegen den Hausbau insgesamt in den Blick – und wendet sich an Laien. „Viele Projekte scheitern nicht an technischen Hürden, sondern an Missverständnissen zwischen den Beteiligten“, sagt Gentile. Mit komplexen und teuren Entscheidungen fühlten sich private Bauherren oft überfordert.

Und so gibt es beim Podcast ein Leitmotiv: „Reden, reden, reden“, wie der Dachdecker Harrer es formuliert: „Der Bauherr wird heute viel mehr abgeholt, man tauscht sich mehr über die Projekte aus.“

Handwerker des alten Schlages hätten damit Probleme. Man dürfe aber mit heutigen Häuslebauern nicht nur fachlich argumentieren. Die informierten sich im Internet und wollten mitreden, sagt der Dachdecker Harrer im Podcast: „Sie müssen da immer wieder bereit sein, einen Kompromiss einzugehen,“

Marktlücke für eine neue Art von Beratung?

Stein und Gentile glauben eine Marktlücke gefunden zu haben. Seit Jahresanfang bieten sie bei Konflikten zwischen Bauherren, Handwerkern und Unternehmen Hilfe an. „Beim Bauen entscheidet Kommunikation – natürlich auch neben der in der Branche immer nötigen Nervenstärke“, sagt Gentile.

Zwar arbeiteten die meisten Häuslebauer mit Architekten. Die wolle und könne man nicht ersetzen. Doch die seien Bau-Fachleute, keine Vermittler. „Hitzige Gemüter herunterzukühlen und Streithähne wieder miteinander sprechen zu lassen, ist da eine notwendige Kompetenz“, sagt Gentile. Beim Preis für den Service hält man sich bedeckt. Das hänge stark vom Einzelfall ab.

Unter den ersten Auftraggebern war ein Bauherr, für den ein Handwerker nicht mehr erreichbar war. Da half es schon, hartnäckig hinterherzutelefonieren. „In einem anderen Fall mussten wir helfen, weil die Partnerschaft unter dem Bauprojekt gelitten hat“, sagt Gentile: „Die Beziehung zwischen Mann und Frau – das ist beim Bauen nämlich immer ein Riesenthema.“