Der Basketball-Bundestrainer ist bei der EM auf dem Weg, die deutsche Mannschaft zu einer Medaille zu führen – auch dank seines trockenen Humors.
Als der grandiose Erfolg im Viertelfinale der Basketball-EM gegen Griechenland am Dienstagabend noch ganz frisch war, versuchte der deutsche Kapitän Dennis Schröder seinen Trainer aus der Reserve zu locken. Getreu dem Vorbild der Italiener, bei denen der impulsive Coach Gianmarco Pozzecco nach dem überraschenden Sieg gegen Serbien vor lauter Glückseligkeit seine Kreditkarte an die Spieler zum Feiern übergeben hatte, setzte Schröder, der am Donnerstag auch noch 29 wurde, auf den Nachahmungseffekt. Und bekam zu hören: „Dennis, ich bin dreimal geschieden. Das Limit darauf wird dir nicht gefallen.“ Welches Limit? Wie heißt es so schön: Only the sky is the limit – nur der Himmel ist die Grenze. Auch für die deutsche Mannschaft?
Der Erfolg hat viele Väter, genau genommen ein Dutzend, denn so groß ist der Kader der Nationalmannschaft, aber eben auch einen Übervater – schon vom Alter her: Gordon Herbert, 63 Jahre alt. Der Trainer. Bis vor Kurzem war der weißhaarige Herr mit Brille ein recht unbeschriebenes Blatt, was an der Sportart liegen mag, aber vielleicht ein wenig auch an dem gebürtigen Kanadier. Denn der tritt selbst in Stunden des Erfolgs, und davon gab es im EM-Turnierverlauf schon einige, ruhig und besonnen auf. Als Elder Statesman. Seine Stimme klingt fast leise.
Diese gewisse Gelassenheit überträgt sich während des Spiels auf die Bank, wo Herbert stets den Überblick und die Ruhe bewahrt in seiner dunklen Kleidung, meist mit offenem Hemd oder Shirt, nicht ganz so akkurat gekleidet wie die US-Trainer. Casual Look würde man das in der Modebranche vielleicht nennen. Leger und bequem, da fährt man nur selten aus der Haut. Allenfalls als ein deutscher Spieler in der hart umkämpften Phase gegen die Griechen ein umstrittenes technisches Foul aufgebrummt bekam, da explodierte Herbert für seine Verhältnisse förmlich an der Seitenlinie.
Klar, er weiß, dass er selbst das große Ziel Medaille ausgegeben hat, das nun so greifbar nahe ist. Es muss ja nicht gleich Gold sein wie 1993. Ansonsten aber bleibt „Gordie“, wie er genannt wird, cool wie Eis, getreu einem Kanadier, der sich der Leidenschaft fürs Eishockey nicht ganz entziehen kann, zumindest als Fan. Zumal er auch noch mit einer Finnin verheiratet war, das sind einige nordische Einflüsse.
Doch im Spiel und Training gelten andere Einflüsse. Sein Wort zählt, seine Ansagen in den Auszeiten haben Gewicht. Wie sagte Spielmacher Maodo Lo: „Er ist schon autoritär.“ Aber mit einem Hang zum Humor. Noch ein Beispiel: In der Pressekonferenz nach dem letzten Gruppenspiel gegen Ungarn antwortete der Coach auf die Frage nach der Stimmung in Köln: „Die war außergewöhnlich. Ich war ja lange Trainer in Frankfurt, und dort hatte ich manchmal das Gefühl, dass die Leute gar nicht wissen, was Basketball ist.“
Herbert spricht kein Deutsch
Um Missverständnissen vorzubeugen, fügte er flugs hinzu: „It was a joke.“ Das war Spaß. Denn Deutsch spricht der Kanadier nach wie vor nicht, verstehen tut er es besser, aber sobald es heikel wird, lässt er sich die Fragen sicherheitshalber übersetzen. Bereits bei seiner Vorstellung hatte er betont: „Meine Kinder sprechen besser Deutsch.“ Wobei der Sohnemann Daniel (28) vor der EM kurzzeitig dem DBB-Trainerteam angehörte, nun aber als Co-Trainer beim Bundesligisten Crailsheim Merlins arbeitet.
Gordon Herberts Mannschaft lässt sich selbst in kritischen Situationen, auch die gab es im Laufe des Turniers, nicht von der Hektik auf den Rängen anstecken. Was vielleicht daran liegt, dass die Spieler nicht bei jedem Fehler Angst haben müssen, auf der Bank zu landen, wie es zum Beispiel bei Ludwigsburgs ehemaligem Coach John Patrick gerne der Fall war, der mit dem Motto fördern und fordern aber zugegebenermaßen ebenfalls äußerst erfolgreich war.
Dessen Ex-Spieler Jonas Wohlfarth-Bottermann, der Herbert noch aus gemeinsamen Tagen in Frankfurt kennt, lobt: „Der Coach drückt dem Spiel den Stempel auf.“ Vor allem in der Defensive. Aber auch psychologisch sorge er dafür, dass die Chemie der Mannschaft stimmt. Die steht über allem. „Ich stelle nicht die besten Spieler auf, sondern das beste Team“, betont Herbert, der das Amt im vorigen September von Henrik Rödl übernommen hat, dessen Vertrag nicht verlängert worden war, obwohl er die Mannschaft nach Japan zu Olympia und dort ins Viertelfinale geführt hatte.
Aber jetzt steht das Team im Halbfinale. An diesem Freitag (20.30 Uhr/RTL) in Berlin gegen den im Umbruch befindlichen Weltmeister Spanien, ohne die zurückgetretenen Gasol-Brüder, gilt Deutschland bei den Buchmachern als recht klarer Favorit.
Und irgendwie rechnet vielleicht auch Gordon Herbert inzwischen selbst mit der Krönung. Auf die Frage, was der schönste Moment für ihn in seiner langen Basketballkarriere war, antwortete der Bundestrainer im Basketball-Fachmagazin „Big“ jedenfalls schon vor der EM vielsagend: „Das Beste kommt, glaube ich, noch.“ Am Sonntag als EM-Sieger?