Basketball – Crailsheim Merlins Das Märchen der Zauberer

Von Michael Bosch 

Zielsicher: Crailsheims Jonathan Moore (li.) Foto: Baumann
Zielsicher: Crailsheims Jonathan Moore (li.) Foto: Baumann

Es ist eine rasante Entwicklung – obwohl sie 28 Jahre gedauert hat. In dieser Zeit haben die Crailsheim Merlins Großes geleistet. Von der Kreisliga B stürmten die Basketballer in die Bundesliga. Ein Aufschwung, für den ein Mann besonders verantwortlich ist.

Crailsheim - Ungläubig wird sich in diesen Tagen in Crailsheim die Augen gerieben. Denn dass die Merlins in dieser Saison in der Basketball-Bundesliga (BBL) spielen, ist für viele in der Stadt auch nach dem dritten Spieltag ein Märchen – ein modernes Märchen. Nicht so ein Gekauftes wie das des FC Bayern München, der mit einem finanzkräftigen Fußballclub im Rücken bereits drei Jahre nach dem Bundesliga-Aufstieg in der vergangenen Saison die Meisterschaft feierte, sondern ein Selbstgeschaffenes.

Ohnehin ist Crailsheim anders als München. Ganz anders. Seit Jahren gehört die 32 000 Einwohner zählende Kreisstadt zu den kleinen Basketball-Hochburgen in Deutschland, die nun mit viel Fleiß und Arbeit den Sprung ins Oberhaus geschafft hat. „Jetzt müssen wir schnell flügge werden und die Chance nutzen, die uns die Liga mit der bundesweiten Aufmerksamkeit bietet“, sagt Merlins-Manager Martin Romig. Er spekuliert auf wachsende Sponsoreneinnahmen, steigende TV-Gelder und mehr Popularität.

Dass die Crailsheimer Korbwerfer überhaupt im Konzert der Großen mitspielen, liegt aber vor allem an eben jenem Martin Romig. Der Manager ist seit der Gründung des Vereins 1986 dabei und kann unzählige Anekdoten aus 28 Jahren Basketball in Crailsheim erzählen. Eine handelt von den ersten Fans, die zu den Kreisliga-Spielen gelockt wurden: „Damals haben wir vor dem Spiel von jedem Spieler zehn Mark eingesammelt. Einer musste zum Supermarkt fahren und das billigste Bier kaufen.“ So gab’s dann das Bier in der Halle gratis und Basketball zum Zuschauen obendrauf.

Schon früh war Martin Romig einer der Macher, der Pioniere in der Stadt. Gemeinsam mit seinen damals ebenfalls 20 Jahre alten Mitstreitern holte er 1989 ein Länderspiel nach Crailsheim. Deutschland spielte gegen England. 800 Zuschauern jubelten auf der Tribüne, im Nebenraum der Halle gab’s Rahmschnitzel und auf der deutschen Bank saß Bundestrainer Svetislav Pesic, heute Münchens Meistertrainer.

Allerdings: Die Verantwortlichen bei den Merlins mussten in den Anfangsjahren immer wieder gegen viele Zweifler ankämpfen, auch weil Basketball in Deutschland damals ein Nischendasein fristete. Doch genau daraus zog Romig seine Motivation. Er und seine Mitstreiter wollten beweisen, dass auch in einer „sportlichen Diaspora“ (Romig) nahe Schwäbisch Hall mit genügend Engagement etwas entstehen kann.

Von der Kreisliga B (1986) ging es bis zum Jahr 2001 sieben Spielklassen nach oben in die zweite Liga. Dort angekommen musste sich der Club neu aufstellen – vor allem der Kampf um Sponsoren war hart. „Die Akquise war nicht einfach. Wir mussten mit kleinen Fußball-Vereinen um 300-Mark-Banden streiten“, beschreibt Martin Romig die Schwierigkeiten des kleinen Clubs. Und die bestehen auch 13 Jahre später noch, wenngleich in größerem Rahmen.

Bestes Beispiel: Die Hakro-Arena (1777 Plätze). Nach dem Aufstieg in die zweite Bundesliga, die heute zweigeteilt ist und Pro A und Pro B heißt, wurde sie bezogen. Über die Jahre wurde knapp eine Million Euro in sie investiert. Doch den Ansprüchen der BBL genügte sie nicht. Sie ist zu klein. Deshalb müssen die Crailsheimer in dieser Runde in Ilshofen in der 2005 gebauten Arena Hohenlohe (3200 Plätze) spielen. Ein Zustand, der Martin Romig nicht schmeckt. „Es ist nicht schön, in einer Halle zu spielen, in der man 17 Mal in der Saison Mieter ist.“ Deswegen sei es oberstes Ziel, die Infrastruktur des Clubs auszubauen.

Sportlich geht’s für die Zauberer darum, sich „auf Bundesliga-Ebene festzubeißen“, wie Martin Romig betont. Doch Trainer Willie Young warnt: „Wir werden bis zum Schluss gegen den Abstieg kämpfen.“ Das weiß der Manager: „Aber auch eine Fahrstuhl-Mannschaft hat ihre Daseinsberechtigung“, sagt Romig und fügt im Brustton der Überzeugung an: „Ich denke, dass wir sowohl in der ersten als auch in der zweiten Liga eine gute Rolle spielen können. Sollten wir am Ende unserer ersten BBL-Saison auf Rang 16 stehen, sprich den Verbleib in der ersten Liga schaffen, wäre das wie die Meisterschaft für uns.“

Bei der Mission Klassenverbleib setzen er und Coach Young auf vier Profis, die in der Aufstiegssaison das Merlins-Trikot trugen – darunter Kapitän Sevie Johnson und die Scharfschützen Joston Crow und Jonathan Moore. Die Neuzugänge Joshiko Saibou, Max Rockmann und Jannik Freese, die alle einen deutschen Pass besitzen, haben Bundesliga-Erfahrung. Im Spielaufbau soll es der 24-jährige US-Amerikaner Garrett Sim, der bislang als Punktesammler überzeugte, richten.

An diesem Sonntag steht für die Merlins nun das erste Württemberg-Derby an. Es geht zu den MHP Riesen Ludwigsburg (MHP-Arena/15 Uhr). Ein paar Hundert Fans werden das Team begleiten. Von einem Sieg beim Play-off-Kandidaten wagt aber keiner von ihnen zu träumen. Denn ein Erfolg käme einer Sensation gleich oder wäre eben das nächste Crailsheimer Märchen, das wahr wird.

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