Für die Barrierefreiheit von Bushaltestellen soll es mehr Geld geben. Foto: Archiv

Eine Vierzehn-Zentimeter-Lücke ist beim Ausstieg am Cannstatter Wasen zu überwinden. Ein Rollstuhlfahrer sieht hier „eine unzumutbare Gefährungssituation“ – und übt weitere Kritik.

Stuttgart - Um die Barrierefreiheit der Haltestelle Cannstatter Wasen ist es nicht gut bestellt. Der Abstand zwischen Bahnsteig und Stadtbahn ist zu groß, um die Bahnen sicher mit dem Rollstuhl zu verlassen. „Wir arbeiten noch an Lösungen“, sagt die Sprecherin der Stuttgarter Straßenbahnen, Birte Schaper. Bei neuen Haltestellen betrage der Höhenabstand rund fünf Zentimeter, bei alten bis zu zehn Zentimetern, bei dieser Haltestelle aber „mehr als zehn Zentimeter“, habe eine Messung ergeben, so Schaper.

Laut Ernst B., er sitzt seit 41 Jahren im Rollstuhl, sind es 14 Zentimeter. Er hat den Abstand nach einem Beinahe-Unfall nachgemessen. Für den 67-jährigen Stuttgarter ist das eine „unzumutbare Gefährdung“ von Rollstuhlfahrern. Ohne Hilfe sei solch ein Abstand nicht zu überwinden. Er sei selbst einmal beim Rückwärts-Rausrollen aus der Bahn fast hinten übergekippt, seine Frau habe ihn in letzter Sekunde auffangen können, erzählt B. Auch an anderen Haltestellen sind ihm zu große Abstände aufgefallen – ansonsten aber eher in der Breite als in der Höhe: wie bei der Haltestelle Börsenplatz, die (ähnlich wie die Haltestellen Charlottenplatz und Schlossplatz) in einer Kurve liegt, weshalb er Hilfe beim Einstieg brauche. Der Fahrgast ist empört, dass noch nichts am Cannstatter Wasen passiert ist. Seit Januar 2016 habe er sich mehrfach beschwert. Erst vom Behindertenbeauftragten Walter Tattermusch, an den er sich ebenfalls gewandt hat, habe er einen Zwischenstand erhalten. Die 14 Zentimeter seien „nicht tolerabel“, meint auch Tattermusch. Hier müsse „Abhilfe geschaffen“ werden.

Problem-Haltestellen Bopser und Vaihingen-Viadukt

„Wir haben die Beschwerde ernst genommen“, versichert die SSB-Sprecherin. Bisher habe man leider noch keine Lösung. Die Messung des Abstands zwischen Bahnsteig und Stadtbahn sei „Ende 2016 oder Anfang 2017“ erfolgt. „Gleisbau ist unheimlich komplex“, erklärt sie. Eine schnelle, unkomplizierte Maßnahme gebe es nicht, um das Problem zu beheben.

Die SSB sind seit rund 30 Jahren dabei, ihre Haltestellen barrierefrei umzubauen – und bei der überwältigenden Mehrheit ist dies bereits gelungen. Zuletzt wurde die Haltestelle Österreichischer Platz umgesetzt, die seit April 2016 barrierefrei zugänglich ist. Nicht barrierefrei sind die Haltestellen Bopser und Staatsgalerie in der Innenstadt sowie Vaihingen Viadukt. Letztere sei nicht umzubauen, so die Sprecherin der SSB, Birte Schaper. Die Haltestelle Staatsgalerie wird im Zuge von Stuttgart 21 komplett erneuert, die neue Haltestelle wird barrierefrei sein. Bei der Haltestelle Bopser sei man ebenfalls noch auf der Suche nach einer Lösung, so Schaper. Dort sei es unmöglich, in einem schon recht starken Gefälle eine noch steilere Rampe unterzubringen – diese würde sozusagen unendlich lang. Für rollstuhlgeeignete Rampen gebe es den vorgeschriebenen Maximalwert von sechs Prozent, der am Bopser nicht erreichbar sei. Am anderen Ende beginnt der Tunnel und die schon weit höher liegende Hohenheimer Straße. Dennoch werde weiter versucht, dort einen ebenerdigen Zugang zu schaffen.

Geld für Bushaltestellen

Verbessern soll sich die Situation auch an den Bushaltestellen. Im Haushaltspaket Inklusion, das Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) kürzlich vorgestellt hat, sind für die Jahre 2018/2019 insgesamt 900 000 Euro für barrierefreie Bushaltestellen vorgesehen – das bedeutet eine Erhöhung um 600 000 Euro. „Das ist ein deutliches Signal“, freut sich Tattermusch. Bisher seien rund 300 der 900 Bushaltestellen umgebaut. Welche Projekte als erstes angegangen werden, kann man bei den SSB derzeit noch nicht sagen. Das werde mit dem Tiefbauamt abgestimmt. Die eigenen Prioritäten lägen auf Haltestellen in der Innenstadt mit hohem Publikumsaufkommen sowie Stopps in der Nähe von Pflegeheimen und Krankenhäusern.

Bis 2022 sollte der öffentliche Nahverkehr in Deutschland eigentlich barrierefrei sein. Während Tattermusch die SSB auf einem guten Weg sieht, übt er harsche Kritik an der Deutschen Bahn: Sie sei in Sachen Barrierefreiheit „dramatisch im Verzug“. Es sei überhaupt nicht klar zu erkennen, wie die Deutsche Bahn das vom Gesetzgeber gesetzte Ziel gerade im S-Bahn-Verkehr in der ­Region erreichen wolle.

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